Aus der Region

Ein Jude auf der Kanzel

Beitrag: Boike Jacobs

Die geschnitzte und bunt bemalte Kanzel hatte es mir gleich angetan, als ich Bergedorfs Kirche St. Petri und Pauli zum ersten Mal betrat. Herrlich, wie Jesu Füße bei seiner Himmelfahrt noch aus dem goldenen Gewand hängen, als er schon fast in den Wolken verschwunden ist. Zwei Schritte weiter, ebenfalls geschnitzt und in starken Farben, die Auferstehung. Um die Grabplatte sitzen drei erschrockene Männer und im Hintergrund … Ich traue meinen Augen nicht. Da hockt ein Jude und starrt ins Leere. Ein Jude? Nun, er ist deutlich zu erkennen an Judenhut und Bündel, das er an einem Stab über der Schulter trägt. Der ewige Jude in St. Petri und Pauli, nicht irgendwo versteckt, sondern auf der Kanzel ganz nahe beim Auferstandenen. Wie ist das möglich, da zu dieser Zeit weder in Bergedorf noch in den Vier- und Marschlanden Juden lebten.

Erst nach langem Suchen werde ich in der Schrift „Wunderbarlicher Bericht von einem Juden Ahasvero“ fündig, in der es heißt: „Unter den vielen und großen Vorzügen, die Hamburg vor andern Städten genießt, ist einer von allen Lobrednern unserer Vaterstadt stets übersehen: dass Ahasverus, der ewige Jude, dessen Umherirren im Morgenlande zwar längst bekannt gewesen sein mag, im Abendlande zu allererst in Hamburg aufgetreten ist.“ Und dies ist die Geschichte, die mit vielen Ausschmückungen erzählt wird:

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Aus der Region

Welttag des Buches 2026

1,1 Millionen Bücher kostenlos für Schüler*innen in Deutschland

Beitrag: Thomas Schmidt

Sie haben richtig gelesen. Im Rahmen des Welttags des Buches werden noch bis zum 31. Mai ca. 1,1 Millionen Bücher kostenlos an Schüler*innen der 4. und 5. Klassen sowie Förder-/ Willkommens-Klassen in Deutschland verteilt. Es handelt sich hier um eine deutschlandweite Leseförderungskampagne, die ihresgleichen sucht und besonders im digitalen Zeitalter das Buch bzw. Lesen für Jugendliche in den Mittelpunkt stellt.

Unter dem Motto „Ich schenk dir eine Geschichte“ werden seit 1995 eigens für diese Aktion Bücher explizit für die Zielgruppe der Schüler*innen entwickelt, geschrieben und illustriert. Thematisch immer aktuell am Zeitgeschehen, so dass man möglichst viele Jugendliche inhaltlich abholt. In diesem Jahr handelt es sich um einen Comicroman mit dem Titel „Der fliegende Klassenscooter“. Die Autoren sind Andreas Hüging und Angelika Niestrath, für die Illustration verantwortlich ist Timo Grubing. Alle drei sind in der Jugendbuch-Szene anerkannt und erfolgreich. Natürlich habe ich das Buch gelesen und muss gestehen, dass ich es trotz meines hohen Alters sehr unterhaltsam finde und es in einem durchgelesen habe. Die drei Protagonisten, die am Anfang des Buches vorgestellt werden, können unterschiedlicher nicht sein, ergänzen sich aber hervorragend und stehen stellvertretend für die Schüler*innen von heute. Das Abenteuer, dass sie erleben, beginnt mit einer herben Enttäuschung bei einem Wettbewerb in dem Fach Naturwissenschaften und Technik, das alle drei grausam finden. Ihre vorgestellte Erfindung im Rahmen dieses Wettbewerbs bringt sie aber durch einen Zufall in das Jahr 2176, und dieses Abenteuer veränderte alles. Die NaWi-Nieten waren plötzlich in der Klasse in den Fächern Physik, Chemie und Biologie ganz weit vorne und entwickelten ihre erste eigene Erfindung. Diese kurze Zusammenfassung gibt den Inhalt des Buches nur bedingt wieder, es selber zu lesen oder es Ihren Kindern zu geben, lohnt sich mit Sicherheit.

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Veranstaltungen

Busy Talking

Beitrag: Sabine Ziesmer

„Ältere besuchen eine Kunstausstellung“ – ©HGZstudioDE

Am 28. April bot sich wieder ein Besuch des KörberHauses an. Der ehemalige SPIEGEL-Journalist Dieter Bednarz hatte ein neues Buch mit dem Titel „Alt genug, um jung zu bleiben“ veröffentlicht, das in einer Gesprächsrunde vorgestellt werden sollte. Der Saal war gut gefüllt und die Stimmung dank der geistreichen und humorvollen Einlassungen der drei Diskutanten sehr ausgelassen. In den ersten Reihen saßen einige junge Leute, die vielleicht für sich oder ihre alternden Eltern Anregungen erhofften. Der Anteil der Besucher, die offenkundig kurz vor der Beendigung ihres aktiven Berufslebens standen, war erheblich. Wir sogenannten Best-Ager mit fundiertem Wissen zu Fragen, wie man das Älterwerden aktiv, gesund und selbstbestimmt gestalten kann, nickten zustimmend die Standpunkte der Gesprächsrunde ab.

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Geschichten und Gedichte

Der Mai

Erich Kästner

Fotos: pexels
Im Galarock des heiteren Verschwenders,
ein Blumenzepter in der schmalen Hand,
fährt nun der Mai, der Mozart des Kalenders,
aus seiner Kutsche grüßend, über Land.

Es überblüht sich, er braucht nur zu winken.
Er winkt! Und rollt durch einen Farbenhain.
Blaumeisen flattern ihm voraus und Finken.
Und Pfauenaugen flügeln hinterdrein.
Die Apfelbäume hinterm Zaun erröten.
Die Birken machen einen grünen Knicks.
Die Drosseln spielen, auf ganz kleinen Flöten,
das Scherzo aus der Symphonie des Glücks.

Die Kutsche rollt durch atmende Pastelle.
Wir ziehn den Hut. Die Kutsche rollt vorbei.
Die Zeit versinkt in einer Fliederwelle.
O, gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai!
Melancholie und Freude sind wohl Schwestern.
Und aus den Zweigen fällt verblühter Schnee.
Mit jedem Pulsschlag wird aus Heute Gestern.
Auch Glück kann weh tun. Auch der Mai tut weh.

Er nickt uns zu und ruft: "Ich komm ja wieder!"
Aus Himmelblau wird langsam Abendgold.
Er grüßt die Hügel, und er winkt dem Flieder.
Er lächelt. Lächelt. Und die Kutsche rollt.

Aus der Region

Jesus aus den Vier- und Marschlanden

Beitrag: Boike Jacobs

Da hängt er am Kreuz, bleich und abgemagert, wie wir Jesus aus unzähligen Darstellungen kennen. Aber siehe da, schon ein Bild weiter steigt er aus dem Grab in ganz anderer Gestalt: ein Heiland, stämmig und tatkräftig, als sei er nicht als Gottessohn in Bethlehem, sondern als Bauernsohn in Kirchwerder zur Welt gekommen. Das hat mich bei meinem ersten Gang durch die Bergedorfer Kirche St. Petri und Pauli gleich für ihn eingenommen. Und dann erst die geschnitzte Himmelfahrt an der Kanzel. Fast ist er schon verschwunden in den dicht geballten Haufenwolken, der Glanz seines Mantelsaumes lässt auch die Gewänder der acht staunenden Jünger in goldenem Licht erstrahlen. Aber was ist das Schönste an dieser Darstellung? Natürlich, es sind die nackten rosa Füße des Erlösers, die sichtbar machen, dass er nicht nur als wahrer Gott, sondern auch als wahrer Mensch in diese Welt kam.

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Aus der Region

Der Rest vom Fest

Beitrag: Sabine Ziesmer

Ich bin mitten in der Stadt aufgewachsen. Mit Ostern verbinde ich ganz eigene Rituale, die auch großstädtisch geprägt waren. Ostereier habe ich in unserer großen Altbauwohnung und auf dem Balkon gesucht. Der Osterspaziergang führte uns durch „Planten un Blomen“. Das Essen war gut und reichlich, die Oma kam zu Besuch und es gab Hefezopf und Kaffee am Nachmittag. Dass ich völlig unabhängig vom Wetter Ostern noch keine Kniestrümpfe anziehen durfte, fällt mir beim Nachdenken über Rituale immer zuerst ein. So lief ich in manchen Jahren in kratzender Strumpfhose durch den sommerlichen Park und sehnte Pfingsten herbei, den Tag, an dem die Strumpfhosen in der Kommode bleiben durften. Kirchgang war bei uns unüblich, ein Osterfeuer gab es in der Stadt natürlich nicht.

Als ich in die Vier- und Marschlande zog, passte ich die Osterrituale schnell an. Ich erklärte meiner Tochter die Bedeutung des Festes und der Fastenzeit. Ich verzichtete auf Alkohol, und gemeinsam stellten wir das Naschen ein. Wir blätterten in der Kinderbibel und forschten zu Hase, Osterei und Osterfeuer. Wir suchten die Ostereier nun im großen Garten, meistens bei norddeutschem Nieselregen. Genau dieses Schmuddelwetter schmälerte nicht selten die Freude am großen Osterfeuer an der Elbe oder im eigenen Garten. Unerschütterlich bereiteten wir uns dennoch rechtzeitig vor, im Kleinen wie im Großen. Es ist ja allgemein bekannt, dass Osterfeuer eine lange Tradition haben. Die alten Ägypter versuchten mit großen Feuern die Sonne auf die Erde zu locken, um den Winter zu vertreiben. Die Christen nutzten das Feuer, um daran die Osterkerze zu entzünden, die in die dunkle Kirche getragen wurde. Sie symbolisiert Christus als Licht der Welt.

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Dieses und Jenes

LiteraTürchen

Beitrag: Sabine Ziesmer

Bücher finden ihren Weg in die Herzen ihrer Leserinnen und Leser. Wie durch eine unsichtbare Tür gelangen wir in unbekannte Welten. Manche Geschichten sind wie große Schlosstüren, beeindruckend und imposant. Andere hingegen sind die unscheinbaren Türchen für die kleine, aber feine Freude am geschriebenen Wort. Seit ich erste Sätze erlesen kann, begleiten mich Bücher durch mein Leben. Sie haben mir Mut gemacht, mir neue Wege aufgezeigt, meine Gefühle umschrieben, mich zu Tränen gerührt, mir die Welt erklärt und Ruhe in meinen Tag getragen. Nicht alle Bücher werden zu Wegbegleitern, die es aber schaffen, bleiben für immer.

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Kalenderblätter

April

Erich Kästner

Der Regen klimpert mit einem Finger
die grüne Ostermelodie.
Das Jahr wird älter und täglich jünger.
O Widerspruch voll Harmonie!
Der Mond in seiner goldnen Jacke
versteckt sich hinter dem Wolken-Store.
Der Ärmste hat links eine dicke Backe
und kommt sich ein bisschen lächerlich vor.
Auch diesmal ist es dem März geglückt:
Er hat ihn in den April geschickt.
Und schon hoppeln die Hasen
mit Pinseln und Tuben
und schnuppernden Nasen,
aus Höhlen und Gruben
durch Gärten und Straßen
und über den Rasen
in Ställe und Stuben.

Dort legen sie Eier, als ob’s gar nichts wäre,
aus Nougat, Krokant und Marzipan.
Der Tapferste legt eine Bonbonniere,
er blickt dabei entschlossen ins Leere –
Bonbonnieren sind leichter gesagt als getan.

Dann geht es ans Malen. Das dauert Stunden.
Dann werden noch seidene Schleifen gebunden.
Und Verstecke gesucht. Und Verstecke gefunden:
Hinterm Ofen, unterm Sofa,
in der Wanduhr, auf dem Gang,
hinterm Schuppen, unterm Birnbaum,
in der Standuhr, auf dem Schrank.
Dakräht der Hahn den Morgen an!
Schwupp, sind die Hasen verschwunden.

Ein Giebelfenster erglänzt im Gemäuer.
Am Gartentor lehnt und gähnt ein Mann.
Über die Hänge läuft grünes Feuer
die Büsche entlang und die Pappeln hinan.
Der Frühling, denkt der, kommt also auch heuer.
Er spürt nicht Wunder noch Abenteuer,
weil er sich nicht mehr wundern kann.

Liegt dort nicht ein kleiner Pinsel im Grase?
Auch das kommt dem Mann nicht seltsam vor.
Er merkt gar nicht, dass ihn der Osterhase
auf dem Heimweg verlor.

Fotos: privat, pexels

Dieses und Jenes, Wissenswertes

Wal und Wolf verirren sich

Beitrag: Boike Jacobs

Keine Nachrichtensendung, in der er nicht erwähnt wird, keine Fachleute, die nicht über sein Befinden Auskunft geben: „Er ist bedrohlich geschwächt.“ „Seine Haut löst sich ab.“ „Er heult laut und hat wahrscheinlich große Schmerzen.“ Ein vor Timmendorfer Strand auf Grund geschwommener Buckelwal ist es, der Deutschland in Atem hält. Große Erleichterung, als er endlich freigebaggert wurde. Ebenso große Enttäuschung, als er nur wenige Stunden später auf der nächsten Sandbank strandete. Und nun scheut er schon wieder den rettenden Weg in den Atlantik und bleibt in der Ostsee, in der er nicht überleben kann. Wie auch immer, er musste einen Namen haben, und so heißt der etwa 15 Meter lange und 25 Tonnen schwere Meeressäuger nun ausgerechnet „Timmy“.

Man möchte nach so viel Aufregung meinen, Tierschutz habe hierzulande höchste Priorität. Ist das wirklich der Fall? Empörung darüber, dass in Norwegen, Japan und Alaska immer noch Walfang betrieben wird, wenn auch nur noch in geringen Mengen. Aber da gibt es viel größere Bedrohungen für diese Tiere: Schiffsverkehr, Lärm, Umweltverschmutzung. Und vor allem Fischernetze. Wenn noch etwas vom Fang darin hängen geblieben ist, schnappen die Wale gerne zu und bringen sich damit in akute Lebensgefahr. Tatsächlich wurde auch Buckelwal Timmy schon von Netzteilen befreit, aber große Stücke hängen noch in seinem Maul. Und so sehr derzeit jede neue Sandbank als Gegner angesehen wird, so wenig interessieren sich die Menschen für diese Fischernetze, die nicht nur Buckelwalen den Tod bringen.

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Lesenswertes

„Pflicht ist Pflicht“

Beitrag: Boike Jacobs

Als ich 1968 den Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz zum ersten Mal gelesen habe, hat es mich regelrecht durchgeschüttelt. Wenige Jahre zuvor hatten mich auch „Die Blechtrommel“ und “Hundejahre“ von Günther Grass fasziniert und begeistert. Aber „Deutschstunde“ traf mich ganz persönlich, weil hier eine Atmosphäre geschildert wird, die ich aus bitterer Erfahrung selber kannte. Dabei spielt sich das eigentliche Drama in diesem Roman in den Jahren 1942 bis 1945 ab und zeigt in der Gestalt des Polizisten Ole Jepsen einen Gehorsam gegenüber Befehlen, der selbst bei Freunden und den eigenen Kindern keine Gnade kennt. „Pflicht ist Pflicht“, heißt seine Devise. Aber nicht nur im Krieg, auch in der Nachkriegszeit blieben seelische und körperliche Gewalt ein Mittel zur Erziehung. Genau wie sie es in der NS-Zeit gelernt hatten, schlugen Eltern ihre Kinder, Lehrer ihre Schüler, und dabei war bei den einen die Teppichbürste, bei den anderen der Rohrstock ein beliebtes Hilfsmittel. Mitgefühl und Nachsicht hatten da kaum Platz. Erst die 68er Generation stand dagegen auf und machte dem Ungeist auf vielen Ebenen ein Ende.

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