Wenn ich zu nichts Lust habe, wenn ich mich ärgere, wenn ich abends nicht einschlafen kann … ach, es gibt für mich viele Gründe, am PC Solitaire zu spielen. Mit der Zeit habe ich mich gesteigert, spiele schneller und raffinierter und habe deshalb gestern auf die Statistik gesehen. Doch da war nicht nur verzeichnet, wie hoch meine Gewinnquote ist, da konnte ich auch lesen, wie viel Zeit ich mit diesem Spiel bereits verbracht habe: 10 Tage und 22 Stunden. O Gott! Schnell habe ich die Statistik wieder geschlossen. Tagelang die Zeit totgeschlagen, oder? Nennt sich das nun Spielsucht? Aber plötzlich erinnere ich mich an meine Mutter und ihren Satz kleiner Patience-Karten. Ich war immer fasziniert davon, wie schnell und konzentriert sie sie nach unterschiedlichen Varianten legen konnte. Seit wann gibt es dies Spiel überhaupt? War es für die bessere französische Gesellschaft gedacht?
Mit dieser Vermutung liege ich gar nicht so falsch. Eine weit verbreitete Erzählung besagt, dass ein Adliger während der Französischen Revolution im Gefängnis das Spiel aus Langeweile erfand. Beweise gibt es dafür zwar nicht, aber es breitete sich Ende des 18. Jahrhunderts rasant in Frankreich aus, erklärt mir die KI. Unzählige Varianten seien im Laufe der Zeit entwickelt worden, und da das Sortieren der Karten viel Ausdauer verlangte, hieß das Spiel schon bald „Patience – Geduld“.
Wie plane ich eine Reise, wenn ich das ganze Jahr über gestalten und tun kann was ich möchte? Strandurlaub kam für mich eigentlich noch nie in Frage und Fernreisen auch nicht, weil ich nicht gern fliege. Die Planung einer Reise, nenne ich es nun Urlaub oder Ferien, stellt für mich immer eine Herausforderung dar. Mit dem Beginn meines Ruhestandes setzten auch die guten Ratschläge meiner Freunde ein. Dass ich gar nicht so gern auf Reisen gehe, stieß unisono auf Unverständnis. Ich hatte schließlich alle Zeit der Welt. Im Laufe der Jahre haben sich Fixpunkte in meine Reiseplanung eingeschlichen, die ich immer wieder gern bemühe. Im März steht nun alljährlich die Buchmesse in Leipzig im Fokus meiner Planung. Zu Pfingsten quartiere ich mich einige Tage im Wendland ein, um die kulturelle Landpartie mit dem Fahrrad zu erkunden. Von Juni bis Oktober findet in Büdelsdorf bei Rendsburg alljährlich die NordArt statt, die größte Kunstausstellung für internationale zeitgenössische Kunst in Europa.
Verbunden mit einigen Urlaubstagen in Kappeln, Eckernförde oder Flensburg, wird daraus eine schöne runde Sache, die sich wie Urlaub anfühlt.
„Spektakuläre Vorfälle: KI bricht aus Testumgebung aus. OpenAI vermeldete einen beispiellosen Sicherheitsvorfall“, wird in allen Medien berichtet. Bei einem kontrollierten Labortest hätten neue Modelle eine unbekannte Schwachstelle genutzt, um sich eigenständig Internetzugang zu verschaffen. „Sie griffen die Plattform an und nutzten sogar gestohlene Zugangsdaten, um eine Aufgabe zu lösen. Der Vorfall befeuert die weltweite Debatte über KI-Sicherheit und unkontrollierbare Systeme.“
Was ist da geschehen? Verhält es sich so wie in der mittelalterlichen Legende von einem Prager Rabbi, der einen künstlichen Menschen namens „Golem“ erschuf? Ursprünglich war er gedacht als stummer Helfer. Da der Golem jedoch keine eigene Seele und keinen freien Willen besaß, wuchs seine Kraft unkontrolliert, bis er zur Gefahr wurde. Er führte Befehle absolut wörtlich aus und entwickelte dabei eine zerstörerische Kraft. Ich hoffe inständig, dass der Umgang mit der Künstlichen Intelligenz anders verläuft.
Die Nachricht vom unkontrollierten Ausbruch Künstlicher Intelligenz hat mich deshalb so fasziniert und erschreckt, weil ich erst vor wenigen Tagen mit ihren Möglichkeiten konfrontiert wurde. Seit ich mit dem Malen begonnen habe, veröffentliche ich meine Bilder bei facebook. Einem Freund gefiel das letzte, und er antwortete darauf: „So hat die KI ChatGPT eine Bildbeschreibung aus der Sicht eines Kunst-Professors erstellt.“ Und während ich den Text las, verschlug es mir die Sprache, denn da wurde den „sehr verehrten Damen und Herren“ Folgendes erklärt:
„Vor uns entfaltet sich ein Aquarell von bemerkenswerter Ausdruckskraft – eine Landschaft, die sich nicht der topografischen Genauigkeit verpflichtet, sondern der poetischen Wahrheit des Erinnerns. Die Künstlerin komponiert hier kein realistisches Panorama, sondern ein inneres Bild von Landschaft: eine Vision, in der Farbe, Form und Raum zu einer emotionalen Choreografie verschmelzen.
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Es ist durchaus plausibel, dass Dinge und Lebewesen einen Namen besitzen. Nur so können wir uns sinnvoll verständigen. Warum aber die Generationen des letzten und dieses Jahrhunderts mit zuweilen unaussprechlichen Namen versehen werden, ist nicht zu verstehen. Per Definition bezeichnet eine Generation eine Gruppe von Menschen, die durch vergleichbare gesellschaftliche, historische und technologische Ereignisse geprägt sind. Eine solche Generation umfasst etwa 15-20 Jahre. Ich gehöre zu den sogenannten Babyboomern, die zwischen 1950 und 1964 geboren wurden. Wer glaubt, dass wir Boomer den Startschuss für die Definition der Generationen gaben, liegt falsch. Die Geburtenjahrgänge von 1928 bis 1945 tragen die Bezeichnung Silent Generation, was so viel wie „Stille Generation“ heißt. Die Kriegsgeneration zeichnete sich durch stilles Ertragen der Krisen und des Krieges aus, aber auch durch Pünktlichkeit, Arbeitsmoral, Respekt vor Autoritäten und Beeinflussbarkeit.
Wie nun sind wir zu unserem Namen „Boomer“ gekommen? Nach Ende des Zweiten Weltkrieges, besonders seit Mitte der 1950er Jahre, gab es auf Grund des wirtschaftlichen Aufschwungs einen rasanten Anstieg der Geburtenrate, einen sogenannten Boom. Wir waren immer und überall viele: in den Schulen, im Wettbewerb um Ausbildungs- und Studienplätze, auf dem Wohnungsmarkt und beim Ansturm auf Schlussverkäufe und auf italienische Strände. Überall fielen wir wie eine Heuschreckenplage ein. Vielleicht ist es unserer Unerschrockenheit und Resilienz zu verdanken, dass wir innerhalb weniger Jahrzehnte Wohlstand, Wirtschaftswachstum, moderne Sozialsysteme, politische Stabilität und gesellschaftlichen Wandel geprägt haben. Wir haben auch den ökologischen Aufbruch und die Anti-Atomkraft- und Friedensbewegung angestoßen. Wir stehen für Gleichberechtigung, Emanzipation und liberale Erziehungsmodelle. Als Boomer hinterlassen wir aber auch Rentenlücke und Klimakrise. Boomer wird zum Schimpfwort. Immer noch viele und alle auf ihren ökonomischen Vorteil bedacht. Wenn die Ablehnung einen Namen hat, kann man prächtig drauflos agitieren. Es ist keine gute Idee, die Generationen gegeneinander aufzuhetzen.
Still ruht die Stadt. Es wogt die Flur. Die Menschheit geht auf Reisen oder wandert sehr oder wandelt nur. Und die Bauern vermieten die Natur zu sehenswerten Preisen.
Sie vermieten den Himmel, den Sand am Meer, die Platzmusik der Ortsfeuerwehr und den Blick auf die Kuh auf der Wiese. Limousinen rasen hin und her und finden und finden den Weg nicht mehr zum Verlorenen Paradiese.
Im Feld wächst Brot. Und es wachsen dort auch die zukünftigen Brötchen und Brezeln. Eidechsen zucken von Ort zu Ort. Und die Wolken führen Regen an Bord und den spitzen Blitz und das Donnerwort. Der Mensch treibt Berg- und Wassersport und hält nicht viel von Rätseln.
Er hält die Welt für ein Bilderbuch mit Ansichtskartenserien. Die Landschaft belächelt den lauten Besuch. Sie weiß Bescheid. Sie weiß, die Zeit überdauert sogar die Ferien.
Sie weiß auch: Einen Steinwurf schon von hier beginnt das Märchen. Verborgen im Korn, auf zerdrücktem Mohn, ruht ein zerzaustes Pärchen. Hier steigt kein Preis, hier sinkt kein Lohn. Hier steigen und sinken die Lerchen.
Das Mädchen schläft entzückten Gesichts. Die Bienen summen zufrieden. Der Jüngling heißt, immer noch, Taugenichts. Er tritt durch das Gitter des Schattens und Lichts in den Wald und zieht, durch den Schluss des Gedichts, wie in alten Zeiten gen Süden.
Hatten Sie eigentlich schon einmal ein Blind Date? Nein? Dann geht es Ihnen wie mir, ich kenne auch nicht die klassische Situation, in einem Restaurant mit einem unverwechselbaren Erkennungszeichen zu sitzen und zu warten, wer durch die Tür das Restaurant betritt. Zugegebenermaßen ein Vabanquespiel mit offenem Ausgang, verbunden mit der Hoffnung, dass die Idee zu einem Blind Date letztendlich glimpflich ausgeht und nicht im Desaster endet.
Aber wie ich jetzt gemerkt habe, ist es nie zu spät für ein Blind Date, wobei mein Blind Date keine Verabredung mit einer unbekannten Person war, sondern sich durch Zufall im CCB ergeben hat. Der Grund war ein massiver Regenschauer, der mich dorthin flüchten ließ. Um die Zeit zu überbrücken, schlenderte ich dann durch das Erdgeschoss und kam an der Buchhandlung Heymann vorbei. Sofort fiel mein Blick auf einen größeren Tisch in der Nähe des Eingangsbereichs, auf dem unzählige braune Päckchen lagen. Da an diesem Tisch bereits einige Kunden standen, jeweils mit einem Päckchen in der Hand, und vertieft darauf schauten, wurde ich neugierig und steuerte umgehend auf den Tisch zu.
Mittags im Bus, ein Vater schiebt einen Buggy rein, setzt sich, der Bus fährt an, der etwa eineinhalbjährige Junge schaut zum Vater und fängt an zu schreien. Der Vater aber ist mit seinem Tablet beschäftigt. Der Junge schreit lauter, der Vater reagiert nicht, da ruft eine Frau ihm zu, er solle gefälligst auf sein Kind achten. Keine Reaktion, der Junge schreit noch lauter, und die Frau ruft ebenfalls lauter. Schließlich stellt der Vater ein Kinderprogramm ein und gibt das Tablet dem kleinen Jungen. Augenblicklich ist er still, starrt auf die bunten Bilder und drückt immer wieder eine der Tasten.
Mein Bus kommt, aber als ich zur geöffneten Tür gehen will, rast ein E-Biker in hohem Tempo an mir vorbei. Er klingelt nicht, blickt durch seine Sonnenbrille starr über mich hinweg und setzt wortlos seine Fahrt fort. Fußgänger drängen sich zur Seite, schauen dem Mann nach, und eine Frau schreit: „Verdammte Radfahrer, eines Tages geschieht hier noch ein Unglück!“
Es soll in den kommenden Tagen sehr heiß werden, und so kaufe ich mehr Obst, Saft und Wasser ein als ursprünglich geplant. Wie kann ich mit dem Einkaufstrolley und der Tasche die Treppe neben der Bushaltestelle bewältigen? Zwei junge Männer kommen mir entgegen, angeregt in ein Gespräch vertieft. „Können Sie mir das hier bitte hoch tragen, damit ich meinen Bus noch kriege?“, frage ich sie. „Natürlich, natürlich“, sagt der Größere, greift zu und trägt alles leichtfüßig die Treppe hoch, während sein Kumpel fragt, ob ich es allein schaffe oder lieber seinen Arm nehmen wolle. „Ich helfe Ihnen auch in den Bus.“ Beide Angebote nehme ich dankbar an, und als der Bus anfährt, winken sie mir zu.
Vor wenigen Wochen hat meine 70-jährige Freundin eine Hüftoperation mit anschließender Reha hinter sich gebracht. Sie hat noch Schmerzen, bewegt sich mühsamer als sonst, aber sie kann immerhin gehen. Unser Bus ist voll, kein Sitzplatz frei, so frage ich ein junges Mädchen, ob sie wohl für meine Freundin aufstehen würde. Doch ehe die sich von ihrem Sitz erhoben hat, wehrt meine Freundin bereits ab. „Das brauch ich nicht“, wendet sie sich energisch mir zu, „so alt bin ich doch nun wirklich nicht.“ Schweigend lehnt sich das junge Mädchen wieder zurück und tippt erneut auf seinem Smartphone.
Am Busbahnhof ist mir genau vor der Nase mein 135-er davongefahren. Der nächste kommt erst in zehn Minuten, müde gehe ich zur Bank. Nur ein Platz ist noch frei, denn ein Mann hat sich quer über die übrigen Sitze gelegt. Schläft er? Nein, er raucht und trinkt dazwischen ein Dosenbier, Zigarettenschachtel und Feuerzeug liegen auf dem Boden, ein Stück weit von ihm entfernt. „Hallo“, sage ich, „denken Sie an Ihr Feuerzeug, das könnte sonst jemand wegnehmen.“ Keine Reaktion, er macht nur einen tiefen Zug und schnippt die Asche unter die Bank. Der 124-er fährt bis zum Hauptbahnhof, und als er ankommt, richtet der Mann sich mühsam auf, greift nach Zigarettenschachtel und Feuerzeug und steigt langsam in den Bus ein.
Wohnen Sie in Bergedorf oder Lohbrügge? Dann kommen Sie wahrscheinlich nicht in den Genuss der kostenlosen Open Air-Konzerte, die allabendlich in den Entwässerungsgräben und Teichen in den Vier- und Marschlanden im Mai und Juni veranstaltet werden. Die Konzerte sind laut, bis zu 90 Dezibel sollen bereits gemessen worden sein (ein „normales“ Rockkonzert hat im Schnitt 120 Dezibel), und es ist im Landgebiet in der Stille der Nacht häufig bis zu 500 Meter weit zu hören.
Es sind meist unbekannte Solisten, die in der Dunkelheit zu später Stunde für Außenstehende einen imaginären Chor bilden, der nach dem Einsingen ausschließlich in den Stimmlagen Tenor, Bariton und Bass eine unglaubliche Geräuschkulisse bilden. Entsprechend der Stimmlagen weiß der interessierte Chorliebhaber, es handelt sich ausschließlich um einen Männerchor. Eine Besonderheit dieser Chöre muss noch erwähnt werden: Es fehlt das Herzstück eines jeden Chores, denn es gibt keinen Chorleiter, der gesamte Auftritt ist eine einzige Improvisation. Auch gibt es keine Aufstellungsordnung auf der Bühne, Tenor, Bariton und Bass sind bunt durcheinandergemischt. Das zu erwartende Chaos beim Konzert bleibt aber aus, das Gegenteil ist der Fall: Spontanität, Kreativität, Dynamik und eine unbeschreibliche Energie zeichnen diese Chöre aus.
So etwas Grandioses schaffen natürlich nur Frösche, die von April bis Juni mit ihrer individuellen Symphonie des Lebens paarungswillige weibliche Frösche anlocken wollen, um ein kurzzeitiges Bündnis einzugehen. Dazu quaken sie herzzerreißend, als gäbe es kein Morgen, und sobald einer von ihnen mit seinen Lockrufen beginnt, setzt sich sukzessive der gesamte Chor in Bewegung. Man möchte der Welt ja etwas hinterlassen. Das immer lauter werdende Quaken der Frösche ist aber auch eine Verteidigungsstrategie ihres Reviers, also in dieser Geschichte der Bühne, auf der sie sich niedergelassen haben und die gegenüber anderen Fröschen mit allen Mitteln verteidigt wird. Das Ganze passiert primär in der Dunkelheit, zumal es in der prallen Sonne zu warm für diese Tierart ist und Frösche unter anderem für Störche oder Reiher eine Deliktesse auf dem Speiseplan sind.
Jetzt fragt man sich: Wie können so kleine Tiere so einen Krach machen? Frösche verfügen über innere und äußere Schallblasen, die sie wie ein Kaugummi aufblasen können. Die Geräusche hingegen werden im Kehlkopf erzeugt, indem Luft aus der Lunge in den Hohlraum der Schallblasen gepresst wird, die wie voll aufgedrehte Lautsprecher fungieren und die Töne verstärken.
Dass Frösche nicht zu den Lieblingstieren der Menschen gehören, ist bekannt. Viele haben ein äußerst ambivalentes Verhältnis zu diesen putzigen, schleimigen, feuchten und springenden Tieren mit einer fulminanten, schnellen Zunge, um Nahrung aufzunehmen. Wenn dann auch noch permanent die Nachtruhe gestört wird, hört für viele der Spaß auf. Wobei ich für mich sagen kann: Ein Froschkonzert auf einem Campingstuhl mit einem guten Glas Wein in einer lauen Sommernacht zu genießen, kann durchaus ein Highlight sein. Hängt natürlich von den Protagonisten auf der Bühne ab, wieviel Energie sie einsetzen, um paarungsfähige weibliche Frösche anzulocken.
Bill Brook, ein junger kanadischer Feldwebel, kommt 1946 in Hamburg an. Er durchquert zu Fuß die Trümmerlandschaft des völlig zerstörten Hamburgs. Während der Operation Gomorrha im Sommer 1943, als Hamburg unter der Bombenlast der alliierten Fluggeschwader in Schutt und Asche versinkt, sterben 40 000 Hamburger und die Hälfte der Wohnungen wird zerstört.
Fast drei Jahre nach Gomorrha erwacht Hamburgs Zentrum wieder zum Leben. Bill Brook steigt am Hauptbahnhof aus dem Zug. Er ist das erste Mal in Hamburg. Es ist Nacht, als er im Lampenlicht des Bahnhofs ein Schild bemerkt, das seinen Namen trägt: Billbrook. Er weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, dass das Schild auf eine Bahnstation hinweist, die an einer bereits wiederhergestellten Bahnstrecke liegt. Heute halten die Züge entweder in Billwerder oder Billstedt. Billbrook ist ein von Bille und Elbe zergliedertes Gebiet, das Besucher noch immer als industrielle Einöde empfängt. Bill Brook bezieht sein Quartier in einem den Alliierten zugeteilten Hotel. Sein Zimmergenosse kennt die Stadt bereits ein wenig und muss lachen, als Bill ihm von dem Schild mit seinem Namen drauf erzählt.
Nightmare (-HGZstudioDE-)
Am nächsten Nachmittag macht er sich auf den Weg nach Billbrook. Der Kanadier lässt das Alsterufer hinter sich, wo nur wenig von Zerstörung zu sehen ist. Die Alliierten hatten spezielle Stadtteile verschont, um dort nach ihrem Sieg über Nazideutschland ihre Verwaltung und die Konsulate zu etablieren. Nach einem langen Fußmarsch durch teilweise zerstörte, aber bewohnte Straßen, kommt Bill Brook dem Stadtteil, der seinen Namen trägt, langsam näher. Hier gibt es außer einer unendlichen Steinwüste kein Leben. Bill schafft es nicht bis ins eigentliche Billbrook, er tritt nach Stunden des Durchqueres dieser Steinwüste, ermüdet und traurig den Rückweg an.
Düsternis und Hoffnung (-HGZstudioDE-)
Bill Brook hätte tatsächlich 1946 einem Zug entsteigen und das Ortsschild Billbrook entdecken können. Es war aber Wolfgang Borchert, einer der bekanntesten Autoren der sogenannten Trümmerliteratur, der die Figur erschuf. 1941 wurde Borchert zur Wehrmacht eingezogen. Er musste am Angriff auf die Sowjetunion teilnehmen und wurde wegen Wehrkraftzersetzung inhaftiert. Krank kehrte er ins Nachkriegsdeutschland zurück, verfasste bis zu seinem Tod 1947 zahlreiche Kurzgeschichten und das Drama „Draußen vor der Tür“. Borchert stammte aus Hamburg Eppendorf und es scheint auch etwas Borchert in Bill Brook zu stecken. In der Erzählsammlung „Die Hundeblume“ findet sich „Billbrook“ neben anderen Erzählungen.
Schiffe im Elbschlick (-HGZstudioDE-)
Angesichts der vielen bewaffneten Konflikte überall auf der Welt, erscheint das Werk von Wolfgang Borchert auch achtzig Jahre nach seinem Tod in einem bedrückend aktuellen Licht. Die Bilder, die beim Lesen entstehen sind die aus der Ukraine, dem Sudan, Iran, Libanon, Gaza und vielen anderen Kriegsgebieten. Eine Kurzgeschichte trägt den Titel „Jesus will nicht mehr“ – wir unschuldigen Menschen auch nicht.
Sehr interessant!