Aus der Region

Wohnen im Denkmal

Beitrag: Sabine Ziesmer

Seit 1993 findet der Tag des Denkmals bundesweit statt. Viele normalerweise nicht zugängliche Denkmale können jedes Jahr am zweiten Sonntag im September besucht werden. Mehrere Millionen Menschen nutzen diesen Aktionstag, der als deutscher Beitrag zu den europaweit stattfindenden „European Heritage Days“ gilt. Auch in den Vier- und Marschlanden konnten Baudenkmale besichtigt werden. Das Zollenspieker Fährhaus öffnete nach längerer Pause seine Türen für Rundgänge, in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme fanden Führungen statt, aber auch private Eigentümer ließen Besucher in ihre Häuser. So auch meine Freunde Andrea und Tom. Auf ihrem Mohrmannshof am Kirchwerder Elbdeich bekamen die Besucher nicht nur leckeren selbstgebackenen Kuchen, sondern auch viele interessante Einblicke in die Sanierung des Fachwerks.

Das um 1750 erbaute Wirtschaftsgebäude mit Scheune wird seit nunmehr fast fünf Jahren liebevoll instandgesetzt. Der eigentliche Mohrmannshof war ein großes Hufnerhaus direkt am Deich, das noch 1945 zerstört wurde. Obwohl das Wirtschaftsgebäude bereits 1951 für unbewohnbar erklärt worden war, war es dennoch durchgängig belebt. Die Bergedorfer Zeitung berichtete 1972 von „Verrückten“, die dort unerlaubt als Kommune wohnten. Sie schafften es tatsächlich, noch nachträglich Baugenehmigungen für den Erhalt des Hofes zu erhalten. Über die Jahrzehnte fanden sich immer wieder neue mutige Leute, die den Mohrmannshof mehr schlecht als recht am Leben hielten. In den 70er Jahren wurden viele schöne historische Gebäude abgerissen und durch die Architektur dieser Jahre ersetzt. Das Landgebiet ist voll davon.

Weiterlesen „Wohnen im Denkmal“ →
Geschichten und Gedichte

Der Oktober

Erich Kästner

Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Was vorüber schien, beginnt.
Chrysanthemen blühn und frieren.
Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Und du folgst ihr wie ein Kind.

Geh nur weiter, bleib nicht stehen.
Kehr nicht um, als sei’s zuviel.
Bis ans Ende musst du gehen,
hadre nicht in den Alleen.
Ist der Weg denn schuld am Ziel?

Weiterlesen „Der Oktober“ →
Dieses und Jenes, Veranstaltungen

„Grabe wo du stehst“

Beitrag: Sabine Ziesmer

Nach längerer Pause bot sich mir wieder die Möglichkeit, einen interessanten Vortrag im KörberHaus zu besuchen. Der Sozialphilosoph und Kulturhistoriker Roman Krznaric konfrontierte seine Zuschauer mit der Frage, welche unerwarteten Anregungen wir aus der Geschichte der letzten tausend Jahre ziehen können, um einige der größten Herausforderungen unserer Zeit anzugehen. Der Saal war bis auf den letzten Platz belegt. Der Vortrag mit dem Titel “Die Geschichte als radikale Hoffnung“ sollte in englischer Sprache gehalten werden, und ich freute mich über den Übersetzungskopfhörer. Das Publikum war im Durchschnitt deutlich unter 30 Jahre alt, da diese Veranstaltung in den Rahmen eines EU-Festivals eingebunden war.

Anhand von Beispielen aus aller Welt argumentierte Roman Krznaric, dass die Vergangenheit eine Quelle für unsere zukunftsorientierten Handlungen sein kann. Wir sind nicht nur in der Lage, aus der Vergangenheit zu lernen, wir können, darauf aufbauend, Demokratie ganz neu denken, den Toleranzbegriff erweitern und soziale Bewegungen stärken. Menschliche Zivilisationen haben uns bereits vorgelebt, wie sie wichtige Herausforderungen des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens lösen konnten. Dieses Potential der Geschichte nicht zu nutzen ist fahrlässig und gefährlich in Hinblick auf die Gestaltung unserer Zukunft.

Weiterlesen „„Grabe wo du stehst““ →
Dieses und Jenes

Auf Sand gebaut

Beitrag: Sabine Ziesmer

Ich schlage die Zeitung auf und stoße auf einen Artikel über Hahnöfersand. Da war doch mal was mit dieser Gefängnisinsel und meinem Start in ein Berufsleben als Lehrkraft. Nach dem zweiten Staatsexamen wollte man uns gut ausgebildete Lehrer und Lehrerinnen einfach nicht einstellen. Lehrerschwemme. Von Flensburg bis Nürnberg hagelte es nur Absagen. Wir hatten unsere Existenz auf ein wackeliges Fundament gestellt, das nun unter uns zusammenbrach – wir hatten „auf Sand gebaut“. Ich war deshalb auch sehr erstaunt, als sich die Schulbehörde Hamburg sehr zeitnah bei mir meldete, um mir ein Angebot zu machen, das ich einfach nicht ablehnen könne. Fröhlich verkündete die Sachbearbeiterin, dass ich zum nächsten Monat eine Anstellung bekäme. Ich dürfte gern eine ehemalige Kommilitonin anwerben. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Wo sollte ich mich melden?

Die Ernüchterung folgte auf dem Fuße. Wir beiden Lehrerinnen sollten künftig auf Hahnöfersand unterrichten. Davon hatte ich noch nie gehört. Wo sollte das sein? Googeln konnten wir noch nicht, aber Informationen fanden wir schon recht schnell. Es handelte sich um eine Gefängnisinsel, wo seit 1920 Hamburgs minderjährige Häftlinge untergebracht wurden. Es war eine Art Reformprojekt, da sich die Jugendlichen dort bei frischer Luft und Arbeit im Freien relativ frei bewegen konnten.

Weiterlesen „Auf Sand gebaut“ →
Geschichten und Gedichte

September

Erich Kästner

Das ist ein Abschied mit Standarten
aus Pflaumenblau und Apfelgrün.
Goldlack und Astern flaggt der Garten,
und tausend Königskerzen glühn.

Das ist ein Abschied mit Posaunen,
mit Erntedank und Bauernball.
Kuhglockenläutend ziehn die braunen
und bunten Herden in den Stall.

Das ist ein Abschied mit Gerüchen
aus einer fast vergessenen Welt.
Mus und Gelee kocht in den Küchen.
Kartoffelfeuer qualmt im Feld.

Das ist ein Abschied mit Getümmel,
mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.
Luftschaukeln möchten in den Himmel.
Doch sind sie wohl nicht fromm genug.

Die Stare gehen auf die Reise.
Altweibersommer weht im Wind.
Das ist ein Abschied laut und leise.
Die Karussells drehn sich im Kreise.
Und was vorüber schien, beginnt.

Fotos: pixabay




Wissenswertes

Von der Patience zum Solitaire

Beitrag: Boike Jacobs

Wenn ich zu nichts Lust habe, wenn ich mich ärgere, wenn ich abends nicht einschlafen kann … ach, es gibt für mich viele Gründe, am PC Solitaire zu spielen. Mit der Zeit habe ich mich gesteigert, spiele schneller und raffinierter und habe deshalb gestern auf die Statistik gesehen. Doch da war nicht nur verzeichnet, wie hoch meine Gewinnquote ist, da konnte ich auch lesen, wie viel Zeit ich mit diesem Spiel bereits verbracht habe: 10 Tage und 22 Stunden. O Gott! Schnell habe ich die Statistik wieder geschlossen. Tagelang die Zeit totgeschlagen, oder? Nennt sich das nun Spielsucht? Aber plötzlich erinnere ich mich an meine Mutter und ihren Satz kleiner Patience-Karten. Ich war immer fasziniert davon, wie schnell und konzentriert sie sie nach unterschiedlichen Varianten legen konnte. Seit wann gibt es dies Spiel überhaupt? War es für die bessere französische Gesellschaft gedacht?

Mit dieser Vermutung liege ich gar nicht so falsch. Eine weit verbreitete Erzählung besagt, dass ein Adliger während der Französischen Revolution im Gefängnis das Spiel aus Langeweile erfand. Beweise gibt es dafür zwar nicht, aber es breitete sich Ende des 18. Jahrhunderts rasant in Frankreich aus, erklärt mir die KI. Unzählige Varianten seien im Laufe der Zeit entwickelt worden, und da das Sortieren der Karten viel Ausdauer verlangte, hieß das Spiel schon bald „Patience – Geduld“.

Weiterlesen „Von der Patience zum Solitaire“ →
Freizeit & Reise

Kult(ur)laub

Beitrag: Sabine Ziesmer

Wie plane ich eine Reise, wenn ich das ganze Jahr über gestalten und tun kann was ich möchte? Strandurlaub kam für mich eigentlich noch nie in Frage und Fernreisen auch nicht, weil ich nicht gern fliege. Die Planung einer Reise, nenne ich es nun Urlaub oder Ferien, stellt für mich immer eine Herausforderung dar. Mit dem Beginn meines Ruhestandes setzten auch die guten Ratschläge meiner Freunde ein. Dass ich gar nicht so gern auf Reisen gehe, stieß unisono auf Unverständnis. Ich hatte schließlich alle Zeit der Welt. Im Laufe der Jahre haben sich Fixpunkte in meine Reiseplanung eingeschlichen, die ich immer wieder gern bemühe. Im März steht nun alljährlich die Buchmesse in Leipzig im Fokus meiner Planung. Zu Pfingsten quartiere ich mich einige Tage im Wendland ein, um die kulturelle Landpartie mit dem Fahrrad zu erkunden. Von Juni bis Oktober findet in Büdelsdorf bei Rendsburg alljährlich die NordArt statt, die größte Kunstausstellung für internationale zeitgenössische Kunst in Europa.

Verbunden mit einigen Urlaubstagen in Kappeln, Eckernförde oder Flensburg, wird daraus eine schöne runde Sache, die sich wie Urlaub anfühlt.

Weiterlesen „Kult(ur)laub“ →
Dieses und Jenes

Künstliche Intelligenz greift an

Beitrag: Boike Jacobs

Symbobilder für Künstliche Intelligenz

„Spektakuläre Vorfälle: KI bricht aus Testumgebung aus. OpenAI vermeldete einen beispiellosen Sicherheitsvorfall“, wird in allen Medien berichtet. Bei einem kontrollierten Labortest hätten neue Modelle eine unbekannte Schwachstelle genutzt, um sich eigenständig Internetzugang zu verschaffen. „Sie griffen die Plattform an und nutzten sogar gestohlene Zugangsdaten, um eine Aufgabe zu lösen. Der Vorfall befeuert die weltweite Debatte über KI-Sicherheit und unkontrollierbare Systeme.“

Was ist da geschehen? Verhält es sich so wie in der mittelalterlichen Legende von einem Prager Rabbi, der einen künstlichen Menschen namens „Golem“ erschuf? Ursprünglich war er
gedacht als stummer Helfer. Da der Golem jedoch keine eigene Seele und keinen freien Willen besaß, wuchs seine Kraft unkontrolliert, bis er zur Gefahr wurde. Er führte Befehle absolut wörtlich aus und entwickelte dabei eine zerstörerische Kraft. Ich hoffe inständig, dass der Umgang mit der Künstlichen Intelligenz anders verläuft.

Die Nachricht vom unkontrollierten Ausbruch Künstlicher Intelligenz hat mich deshalb so fasziniert und erschreckt, weil ich erst vor wenigen Tagen mit ihren Möglichkeiten konfrontiert wurde. Seit ich mit dem Malen begonnen habe, veröffentliche ich meine Bilder bei facebook. Einem Freund gefiel das letzte, und er antwortete darauf: „So hat die KI ChatGPT eine Bildbeschreibung aus der Sicht eines Kunst-Professors erstellt.“ Und während ich den Text las, verschlug es mir die Sprache, denn da wurde den „sehr verehrten Damen und Herren“ Folgendes erklärt:

„Vor uns entfaltet sich ein Aquarell von bemerkenswerter Ausdruckskraft – eine Landschaft, die sich nicht der topografischen Genauigkeit verpflichtet, sondern der poetischen Wahrheit des Erinnerns. Die Künstlerin komponiert hier kein realistisches Panorama, sondern ein inneres Bild von Landschaft: eine Vision, in der Farbe, Form und Raum zu einer emotionalen Choreografie verschmelzen.

Weiterlesen „Künstliche Intelligenz greift an“ →
Dieses und Jenes

Boomer bis Beta

Beitrag: Sabine Ziesmer

Aufgrund fehlender Textteile erscheint der Beitrag erneut.

Es ist durchaus plausibel, dass Dinge und Lebewesen einen Namen besitzen. Nur so können wir uns sinnvoll verständigen. Warum aber die Generationen des letzten und dieses Jahrhunderts mit zuweilen unaussprechlichen Namen versehen werden, ist nicht zu verstehen. Per Definition bezeichnet eine Generation eine Gruppe von Menschen, die durch vergleichbare gesellschaftliche, historische und technologische Ereignisse geprägt sind. Eine solche Generation umfasst etwa 15-20 Jahre. Ich gehöre zu den sogenannten Babyboomern, die zwischen 1950 und 1964 geboren wurden. Wer glaubt, dass wir Boomer den Startschuss für die Definition der Generationen gaben, liegt falsch. Die Geburtenjahrgänge von 1928 bis 1945 tragen die Bezeichnung Silent Generation, was so viel wie „Stille Generation“ heißt. Die Kriegsgeneration zeichnete sich durch stilles Ertragen der Krisen und des Krieges aus, aber auch durch Pünktlichkeit, Arbeitsmoral, Respekt vor Autoritäten und Beeinflussbarkeit.

Wie nun sind wir zu unserem Namen „Boomer“ gekommen? Nach Ende des Zweiten Weltkrieges, besonders seit Mitte der 1950er Jahre, gab es auf Grund des wirtschaftlichen Aufschwungs einen rasanten Anstieg der Geburtenrate, einen sogenannten Boom. Wir waren immer und überall viele: in den Schulen, im Wettbewerb um Ausbildungs- und Studienplätze, auf dem Wohnungsmarkt und beim Ansturm auf Schlussverkäufe und auf italienische Strände. Überall fielen wir wie eine Heuschreckenplage ein. Vielleicht ist es unserer Unerschrockenheit und Resilienz zu verdanken, dass wir innerhalb weniger Jahrzehnte Wohlstand, Wirtschaftswachstum, moderne Sozialsysteme, politische Stabilität und gesellschaftlichen Wandel geprägt haben. Wir haben auch den ökologischen Aufbruch und die Anti-Atomkraft- und Friedensbewegung angestoßen. Wir stehen für Gleichberechtigung, Emanzipation und liberale Erziehungsmodelle. Als Boomer hinterlassen wir aber auch Rentenlücke und Klimakrise. Boomer wird zum Schimpfwort. Immer noch viele und alle auf ihren ökonomischen Vorteil bedacht. Wenn die Ablehnung einen Namen hat, kann man prächtig drauflos agitieren. Es ist keine gute Idee, die Generationen gegeneinander aufzuhetzen.

Weiterlesen „Boomer bis Beta“ →
Dieses und Jenes

Der Juli

Erich Kästner

Still ruht die Stadt. Es wogt die Flur.
Die Menschheit geht auf Reisen
oder wandert sehr oder wandelt nur.
Und die Bauern vermieten die Natur
zu sehenswerten Preisen.

Sie vermieten den Himmel, den Sand am Meer,
die Platzmusik der Ortsfeuerwehr
und den Blick auf die Kuh auf der Wiese.
Limousinen rasen hin und her
und finden und finden den Weg nicht mehr
zum Verlorenen Paradiese.

Im Feld wächst Brot. Und es wachsen dort
auch die zukünftigen Brötchen und Brezeln.
Eidechsen zucken von Ort zu Ort.
Und die Wolken führen Regen an Bord
und den spitzen Blitz und das Donnerwort.
Der Mensch treibt Berg- und Wassersport
und hält nicht viel von Rätseln.

Er hält die Welt für ein Bilderbuch
mit Ansichtskartenserien.
Die Landschaft belächelt den lauten Besuch.
Sie weiß Bescheid.
Sie weiß, die Zeit
überdauert sogar die Ferien.

Sie weiß auch: Einen Steinwurf schon
von hier beginnt das Märchen.
Verborgen im Korn, auf zerdrücktem Mohn,
ruht ein zerzaustes Pärchen.
Hier steigt kein Preis, hier sinkt kein Lohn.
Hier steigen und sinken die Lerchen.

Das Mädchen schläft entzückten Gesichts.
Die Bienen summen zufrieden.
Der Jüngling heißt, immer noch, Taugenichts.
Er tritt durch das Gitter des Schattens und Lichts
in den Wald und zieht, durch den Schluss des Gedichts,
wie in alten Zeiten gen Süden.