Beirag: Boike Jacobs


Da hängt er am Kreuz, bleich und abgemagert, wie wir Jesus aus unzähligen Darstellungen kennen. Aber siehe da, schon ein Bild weiter steigt er aus dem Grab in ganz anderer Gestalt: ein Heiland, stämmig und tatkräftig, als sei er nicht als Gottessohn in Bethlehem, sondern als Bauernsohn in Kirchwerder zur Welt gekommen. Das hat mich bei meinem ersten Gang durch die Bergedorfer Kirche St. Petri und Pauli gleich für ihn eingenommen. Und dann erst die geschnitzte Himmelfahrt an der Kanzel. Fast ist er schon verschwunden in den dicht geballten Haufenwolken, der Glanz seines Mantelsaumes lässt auch die Gewänder der acht staunenden Jünger in goldenem Licht erstrahlen. Aber was ist das Schönste an dieser Darstellung? Natürlich, es sind die nackten rosa Füße des Erlösers, die sichtbar machen, dass er nicht nur als wahrer Gott, sondern auch als wahrer Mensch in diese Welt kam.

Und immer wieder wird die Heimatverbundenheit der Maler sichtbar, die St. Petri und Pauli so vielfältig und wunderbar geschmückt haben. Da ist etwa Jesu Taufe durch den zur Buße rufenden Johannes zu sehen. Der Jordan? Wohl eher die Bille. Und im Hintergrund ist keine karge Landschaft zu erkennen, sondern ein Baumbestand, der mich an das Bergedorfer Gehölz erinnert. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Einzug Jesu in Jerusalem. Reitet er nun auf einem Esel oder auf einem Pferdchen? Auch ein Palmenhain war damals noch nicht bekannt, dafür jedoch ein Waldessaum mächtiger Eichen. Und auf eine von ihnen klettert tatsächlich Zachäus, der den Herrn unbedingt sehen möchte. Aber wo ist die heilige Stadt Jerusalem? Die muss zu Jesu Zeiten ganz ähnlich ausgesehen haben wie Bergedorf – man beachte nur das Sachsentor, durch das Jesus gleich reiten wird.


Viele verschiedene Maler haben im Laufe der Jahrhunderte nach Umbau und Erweiterung dieses Gotteshauses Bibelkenntnis und Glauben in einer langen Reihe von Bildern zum Ausdruck gebracht. Nie zuvor habe ich jedoch beides in solch herzerwärmenden, schlichten und ergreifenden Darstellungen gesehen wie in St. Petri und Pauli. Dieser Jesus war auch in den Vier- und Marschlanden zu Hause, mitten zwischen Bauern und Mägden, Händlern und Pastoren. Und vielleicht haben die Töchter des Bürgermeisters und des Amtmanns Modell gesessen, als einer der Künstler den Besuch der drei Engel bei Abraham in zarten Farben festhielt. Ja, sie haben Flügel und tragen helle, wallende Gewänder, und trotzdem sind es keine ätherischen Gestalten, sondern die Mädchen scheinen eher zu dem Bauernhof zu gehören, der im Hintergrund zu sehen ist.

Seien Sie ehrlich: Muss man diese Bilder nicht lieben? Die vielen Besucher, die sie tagtäglich betrachten, staunen jedenfalls ganz ähnlich wie ich, als ich sie vor 15 Jahren zum ersten Mal erblickte.
Fotos: Kirchengemeinde St. Petri und Pauli