Beitrag: Sabine Ziesmer

Ich bin mitten in der Stadt aufgewachsen. Mit Ostern verbinde ich ganz eigene Rituale, die auch großstädtisch geprägt waren. Ostereier habe ich in unserer großen Altbauwohnung und auf dem Balkon gesucht. Der Osterspaziergang führte uns durch „Planten un Blomen“. Das Essen war gut und reichlich, die Oma kam zu Besuch und es gab Hefezopf und Kaffee am Nachmittag. Dass ich völlig unabhängig vom Wetter Ostern noch keine Kniestrümpfe anziehen durfte, fällt mir beim Nachdenken über Rituale immer zuerst ein. So lief ich in manchen Jahren in kratzender Strumpfhose durch den sommerlichen Park und sehnte Pfingsten herbei, den Tag, an dem die Strumpfhosen in der Kommode bleiben durften. Kirchgang war bei uns unüblich, ein Osterfeuer gab es in der Stadt natürlich nicht.
Als ich in die Vier- und Marschlande zog, passte ich die Osterrituale schnell an. Ich erklärte meiner Tochter die Bedeutung des Festes und der Fastenzeit. Ich verzichtete auf Alkohol, und gemeinsam stellten wir das Naschen ein. Wir blätterten in der Kinderbibel und forschten zu Hase, Osterei und Osterfeuer. Wir suchten die Ostereier nun im großen Garten, meistens bei norddeutschem Nieselregen. Genau dieses Schmuddelwetter schmälerte nicht selten die Freude am großen Osterfeuer an der Elbe oder im eigenen Garten. Unerschütterlich bereiteten wir uns dennoch rechtzeitig vor, im Kleinen wie im Großen. Es ist ja allgemein bekannt, dass Osterfeuer eine lange Tradition haben. Die alten Ägypter versuchten mit großen Feuern die Sonne auf die Erde zu locken, um den Winter zu vertreiben. Die Christen nutzten das Feuer, um daran die Osterkerze zu entzünden, die in die dunkle Kirche getragen wurde. Sie symbolisiert Christus als Licht der Welt.
Ganz ohne religiösen Hintergrund läuten entlang der Elbe hunderte kleiner und großer Feuer den Ostersonntag ein. Es riecht nach Lagerfeuer, und der Rauch zieht in jede Ritze und Pore. So ein Feuer, wie es am Hower Hauptdeich alljährlich stattfindet, braucht aber einen längeren Vorlauf. Die „Gambrinus 1885 eV.“, ein Junggesellen- und Unterhaltungsclub, richtet es aus. Bereits zwei Wochen vor dem Ereignis knattern die Junggesellen, natürlich nur junge Männer, auf Anhängern hinter großen Traktoren durch das Umland, um genügend brennbares Material einzusammeln, das die Anwohner für sie bereithalten. Das Feuer der Leidenschaft entfachen die Gambrinus bei jeder Sammelaktion mit Bier und Schnaps. So ein Anhänger ist bestens ausgestattet und lässt die Besatzung nicht selten in lauten Gesang einstimmen. Die obligatorische Hupe macht ihr Erscheinen zu einem kuriosen Ereignis. So mancher Jüngling scheint wenig heiratswillig, weil er dann kein Traktorgespann mehr erklimmen darf.

Das Osterfeuer zieht zehntausende Zuschauer an und ist hervorragend organisiert. Der Deich ist gesperrt, der Zustrom koordiniert, Bier und Wurst wird in rauen Mengen an die Zuschauer gebracht, das Feuer wird pünktlich entfacht, für Ordnung ist gesorgt, und Schnapsleichen werden bequem gebettet. Am Ostersonntag gehe ich mit meinem Hund gern in Richtung Feuerplatz und freue mich, dass die Gambrinus bereits alles wieder aufgeräumt haben. Die hatten sicher wenig Schlaf. Das Feuer ist erloschen, aber im Kern sind noch viele Brandnester, die bewacht werden müssen und einen durchdringenden Geruch nach Rauch und Katerstimmung verbreiten.
Das war mal wieder schön. Das Feuer brannte lichterloh, und das Wetter hatte ein Einsehen mit uns. Frühling, wie wir ihn uns wünschen und Strumpfhosen muss ich auch nicht mehr tragen.
Fotos: Sabine Ziesmer