Chrysanderstraße
Beitrag: Jürgen Sakuth

Auf dem sogenannten Hundebaum – dort, wo die Bille in den Wiesen eine Schleife macht, gab es früher eine verwunschene Ecke. Kleine niedrige Häuser, auf die unter Obstbäumen und Tannen ein Weg an weidenden Schafen vorbei hinführte. Wo heute in der Straße ein hübsches modernes Haus steht, aber unter den Bäumen noch Hühner scharren, wohnte mit seiner Frau Dr. Rudolf Chrysander. Er verwaltete das Erbe seines Vaters Dr. Friedrich Chrysander. Ihn nennt das Straßenschild, das seinen Namen trägt, einen Musikgelehrten. Das war er gewiss, hatte er doch in Alter von 27 Jahren mit einer Arbeit „Über das Oratorium“ promoviert. Aber mehr noch war er Händelforscher. Seit er im Jahre 1850 das Oratorium dieses Großen in der Musikgeschichte „Samson“ gehört hatte, kam Chrysander von Händel nicht mehr los. Mit namhaften Gelehrten gründete er im Jahre 1856 die „Deutsche Händelgesellschaft“, gab den ersten Band der Händelbiographie heraus und ließ unter persönlichen finanziellen Opfern in einsamer Initiative Händels Werke erscheinen. In einer Handdruckerei wurden sie hergestellt und in einem Lagerhaus zum Ausliefern und Ausleihen aufbewahrt. Das war und blieb so in der verwunschenen Ecke auf dem „Hundebaum“.
Drei Tage vor seinem Tode im Jahre 1901 legte der Alte seinem Sohn Rudolf ans Herz, die Noten „für die Händelaufführungen so billig zu geben, dass in jeder Stadt, in der sich eine Händelgesellschaft befände, Händel aufgeführt werden könnte.“
Der Sohn Rudolf Chrysander war Doktor der Medizin und durch fünf Jahre hindurch bis zum Tode des Fürsten Otto von Bismarck in Friedrichsruh sein Leibarzt und Sekretär gewesen. Mit den Bergedorfern, deren Mitbürger er geworden war, wird er manchmal auf dem Findling einst am Reinbekerweg gelesen haben: „ Ihrem großen Nachbarn.“ Der Altreichskanzler aber, dessen Mausoleum und Schloss in Friedrichsruh noch viele besuchen, war ohne Zweifel, ein großer Nachbar“. Ende achtzig war der Doktor Rudolf Chrysander, der baumlange, schlicht gekleidete Mann, wenn er mit dem Korb blanker Äpfel in das Pastorat zur “ Frau Pastorin“ kam, ihr eine Freude zu machen. Unnachahmlich war seine Äußerung, daß er „achtundachtig“ sei, und geschrieben im Klang der Stimme des Alten nicht auszudrücken. Da saß er denn mit seiner liebenswürdigen, so viel kleineren Frau in der Kirche, wenn ein Oratorium von Händel erklang und die langjährige Kirchenmusikerin an St. Petri und Pauli das Ehepaar Chrysander eingeladen hatte. Mit ihrem Chor, der durch Jahrzehnte hindurch als „Bergedorfer Singkreis“ viele Kirchenkonzerte gab, hatte sie in schwerer Kriegszeit mit dem „Messias“ von Händel begonnen.
























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