Dieses und Jenes

Symphonie des Lebens

Beitrag: Tom Schmidt

Wohnen Sie in Bergedorf oder Lohbrügge? Dann kommen Sie wahrscheinlich nicht in den Genuss der kostenlosen Open Air-Konzerte, die allabendlich in den Entwässerungsgräben und Teichen in den Vier- und Marschlanden im Mai und Juni veranstaltet werden. Die Konzerte sind laut, bis zu 90 Dezibel sollen bereits gemessen worden sein (ein „normales“ Rockkonzert hat im Schnitt 120 Dezibel), und es ist im Landgebiet in der Stille der Nacht häufig bis zu 500 Meter weit zu hören.

Es sind meist unbekannte Solisten, die in der Dunkelheit zu später Stunde für Außenstehende einen imaginären Chor bilden, der nach dem Einsingen ausschließlich in den Stimmlagen Tenor, Bariton und Bass eine unglaubliche Geräuschkulisse bilden. Entsprechend der Stimmlagen weiß der interessierte Chorliebhaber, es handelt sich ausschließlich um einen Männerchor. Eine Besonderheit dieser Chöre muss noch erwähnt werden: Es fehlt das Herzstück eines jeden Chores, denn es gibt keinen Chorleiter, der gesamte Auftritt ist eine einzige Improvisation. Auch gibt es keine Aufstellungsordnung auf der Bühne, Tenor, Bariton und Bass sind bunt durcheinandergemischt. Das zu erwartende Chaos beim Konzert bleibt aber aus, das Gegenteil ist der Fall: Spontanität, Kreativität, Dynamik und eine unbeschreibliche Energie zeichnen diese Chöre aus.

So etwas Grandioses schaffen natürlich nur Frösche, die von April bis Juni mit ihrer individuellen Symphonie des Lebens paarungswillige weibliche Frösche anlocken wollen, um ein kurzzeitiges Bündnis einzugehen. Dazu quaken sie herzzerreißend, als gäbe es kein Morgen, und sobald einer von ihnen mit seinen Lockrufen beginnt, setzt sich sukzessive der gesamte Chor in Bewegung. Man möchte der Welt ja etwas hinterlassen. Das immer lauter werdende Quaken der Frösche ist aber auch eine Verteidigungsstrategie ihres Reviers, also in dieser Geschichte der Bühne, auf der sie sich niedergelassen haben und die gegenüber anderen Fröschen mit allen Mitteln verteidigt wird. Das Ganze passiert primär in der Dunkelheit, zumal es in der prallen Sonne zu warm für diese Tierart ist und Frösche unter anderem für Störche oder Reiher eine Deliktesse auf dem Speiseplan sind.

Jetzt fragt man sich: Wie können so kleine Tiere so einen Krach machen? Frösche verfügen über innere und äußere Schallblasen, die sie wie ein Kaugummi aufblasen können. Die Geräusche hingegen werden im Kehlkopf erzeugt, indem Luft aus der Lunge in den Hohlraum der Schallblasen gepresst wird, die wie voll aufgedrehte Lautsprecher fungieren und die Töne verstärken.

Dass Frösche nicht zu den Lieblingstieren der Menschen gehören, ist bekannt. Viele haben ein äußerst ambivalentes Verhältnis zu diesen putzigen, schleimigen, feuchten und springenden Tieren mit einer fulminanten, schnellen Zunge, um Nahrung aufzunehmen. Wenn dann auch noch permanent die Nachtruhe gestört wird, hört für viele der Spaß auf. Wobei ich für mich sagen kann: Ein Froschkonzert auf einem Campingstuhl mit einem guten Glas Wein in einer lauen Sommernacht zu genießen, kann durchaus ein Highlight sein. Hängt natürlich von den Protagonisten auf der Bühne ab, wieviel Energie sie einsetzen, um paarungsfähige weibliche Frösche anzulocken.

Fotos: pexels, ralphs fotos

Geschichten und Gedichte, Humorvolles

Turbulenzen

Beitrag: Helmut Marquardt

Photo by Th2city Santana on Pexels.com

Willkommen an Bord von Airline Wiederkehr,
Sie haben eine wirklich gute Wahl getroffen.
Für Ihr Vertrauen bedanken wir uns sehr,
unser Service lässt keine Wünsche offen.
Nachdem wir auf den Käpt’n fünf Stunden mussten warten,
zum Zeitpunkt des Abflugs war er noch nicht nüchtern genug,
können wir jetzt endlich Richtung Hongkong starten,
die Crew wünscht Ihnen allen einen angenehmen Flug.
Leider ist der Kaffeeautomat immer noch defekt
wir hoffen, dass Ihnen das Frühstück auch ohne Kaffee schmeckt.
Zum Ausgleich bieten wir Ihnen und das ist hier der Gag,
Eier von freilaufenden Hühnern, die befinden sich im Heck.
Ein kleines Problem ist soeben noch entstanden,
betrifft nur Passagiere, welche Singapur gebucht.
Augenblicklich können wir dort nicht landen,
denn der Käpt’n wird hier per Haftbefehl gesucht.
Möchten Sie dennoch Ihren Urlaub hier verbringen
und scheuen vor einem Abenteuer nicht zurück,
haben Sie die Möglichkeit, mit dem Fallschirm abzuspringen,
wir wünschen Hals- und Beinbruch und ein bisschen Glück.
Sollt’ der Fallschirm sich nicht öffnen, bedauern wir das leise,
denn es bedeutet quasi das Ende Ihrer Reise.
Eines müssen wir noch auf jeden Fall ergänzen,
wenn die Maschine wackelt, dann nicht durch Turbulenzen.
Auch der Mensch hat im Alter hin und wieder schon Gebrechen,
bei unserm Flieger Baujahr 70 sind es die Tragflächen.
Haben Sie zum Schluss dennoch alles überstanden
und die Welt wurde durch uns ein bisschen kleiner,
können Sie gewiss sein, dass wir auch wieder landen,
denn oben geblieben ist bisher noch keiner.

Dieses und Jenes

Bill Brook in Billbrook

Beitrag: Sabine Ziesmer

Bill Brook, ein junger kanadischer Feldwebel, kommt 1946 in Hamburg an. Er durchquert zu Fuß die Trümmerlandschaft des völlig zerstörten Hamburgs. Während der Operation Gomorrha im Sommer 1943, als Hamburg unter der Bombenlast der alliierten Fluggeschwader in Schutt und Asche versinkt, sterben 40 000 Hamburger und die Hälfte der Wohnungen wird zerstört.

Fast drei Jahre nach Gomorrha erwacht Hamburgs Zentrum wieder zum Leben. Bill Brook steigt am Hauptbahnhof aus dem Zug. Er ist das erste Mal in Hamburg. Es ist Nacht, als er im Lampenlicht des Bahnhofs ein Schild bemerkt, das seinen Namen trägt: Billbrook. Er weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, dass das Schild auf eine Bahnstation hinweist, die an einer bereits wiederhergestellten Bahnstrecke liegt. Heute halten die Züge entweder in Billwerder oder Billstedt. Billbrook ist ein von Bille und Elbe zergliedertes Gebiet, das Besucher noch immer als industrielle Einöde empfängt. Bill Brook bezieht sein Quartier in einem den Alliierten zugeteilten Hotel. Sein Zimmergenosse kennt die Stadt bereits ein wenig und muss lachen, als Bill ihm von dem Schild mit seinem Namen drauf erzählt.

Nightmare (-HGZstudioDE-)

Am nächsten Nachmittag macht er sich auf den Weg nach Billbrook. Der Kanadier lässt das Alsterufer hinter sich, wo nur wenig von Zerstörung zu sehen ist. Die Alliierten hatten spezielle Stadtteile verschont, um dort nach ihrem Sieg über Nazideutschland ihre Verwaltung und die Konsulate zu etablieren. Nach einem langen Fußmarsch durch teilweise zerstörte, aber bewohnte Straßen, kommt Bill Brook dem Stadtteil, der seinen Namen trägt, langsam näher. Hier gibt es außer einer unendlichen Steinwüste kein Leben. Bill schafft es nicht bis ins eigentliche Billbrook, er tritt nach Stunden des Durchqueres dieser Steinwüste, ermüdet und traurig den Rückweg an.

Düsternis und Hoffnung (-HGZstudioDE-)

Bill Brook hätte tatsächlich 1946 einem Zug entsteigen und das Ortsschild Billbrook entdecken können. Es war aber Wolfgang Borchert, einer der bekanntesten Autoren der sogenannten Trümmerliteratur, der die Figur erschuf. 1941 wurde Borchert zur Wehrmacht eingezogen. Er musste am Angriff auf die Sowjetunion teilnehmen und wurde wegen Wehrkraftzersetzung inhaftiert. Krank kehrte er ins Nachkriegsdeutschland zurück, verfasste bis zu seinem Tod 1947 zahlreiche Kurzgeschichten und das Drama „Draußen vor der Tür“. Borchert stammte aus Hamburg Eppendorf und es scheint auch etwas Borchert in Bill Brook zu stecken. In der Erzählsammlung „Die Hundeblume“ findet sich „Billbrook“ neben anderen Erzählungen.

Schiffe im Elbschlick (-HGZstudioDE-)

Angesichts der vielen bewaffneten Konflikte überall auf der Welt, erscheint das Werk von Wolfgang Borchert auch achtzig Jahre nach seinem Tod in einem bedrückend aktuellen Licht. Die Bilder, die beim Lesen entstehen sind die aus der Ukraine, dem Sudan, Iran, Libanon, Gaza und vielen anderen Kriegsgebieten. Eine Kurzgeschichte trägt den Titel „Jesus will nicht mehr“ – wir unschuldigen Menschen auch nicht.

Fotos: privat

Geschichten und Gedichte

LiteraTürchen – Die Schneckenkönigin

Beitrag: Sabine Ziesmer

Ich gehe immer wieder gern zu Lesungen und so war es naheliegend, einen nahe an meinem Wohnort liegenden Ort aufzusuchen, um einer ganz besonderen Lesung beizuwohnen. Es handelt sich dabei um das Kulturforum SerrahnEINS in Bergedorf. Das „Haus für Alle“ bietet kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen, musikalische Darbietungen, Tanz, Kleinkunst, Kabarett und Kunstausstellungen. Das Haus soll gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und Diskussionsforen zu politischen, historischen und ökologischen Themen bieten. Ein Blick in den Veranstaltungskalender lohnt sich auf jeden Fall.

Regula Venske sollte aus ihrem neuen Krimi lesen. Zugegebenermaßen lese ich sehr gerne gute Krimis, in denen die Charaktere vor dem Kriminalfall stehen. Wenn mich dieses Genre auch noch sprachlich überzeugt, versinke ich nur zu gern in einen Krimi. Ich bin eine Geschichtensammlerin und lese mir langsam und fast betont im Innern selbst vor. Aus diesem Grunde habe ich auch nicht ein einziges Coaching für einen Leseclub bestanden: zu langsam und zu breit aufgestellt. Nun denn, ich will ja auch nicht alles lesen von dem man sagt, dass man es unbedingt gelesen haben muss. Die Schneckenkönigin von Regula Venske hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Die Hamburger Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin wurde für ihre Romane, Erzählungen und Gedichte vielfach ausgezeichnet. In der Süddeutschen Zeitung bezeichnete man sie als „Lust-Mörderin“, die schwere Stoffe mit Eleganz, Leichtigkeit und schwarzem Humor erzählt.

Weiterlesen „LiteraTürchen – Die Schneckenkönigin“
Dieses und Jenes

Der Juni

Erich Kästner

Die Zeit geht mit der Zeit: Sie fliegt.
Kaum schrieb man sechs Gedichte,
ist schon ein halbes Jahr herum
und fühlt sich als Geschichte.

Die Kirschen werden reif und rot,
die süßen wie die sauern.
Auf zartes Laub fällt Staub, fällt Staub,
so sehr wir es bedauern.

Aus Gras wird Heu. Aus Obst Kompott.
Aus Herrlichkeit wird Nahrung.
Aus manchem, was das Herz erfuhr,
wird, bestenfalls, Erfahrung.
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Aus der Region, Veranstaltungen

Termine Juni

Beitrag: Jürgen Sakuth

Tipps aus der Redaktion

WannThemaWo


So, 07.06.
11 bis 13 Uhr 30




Konzert:

Jazz im Schloss


MGK Bigband

Bergedorfer Schloss


Eintrittspreis 16 Euro
Mo, 07.06.
17 Uhr

Lesung:

Hanna Mittelstädt:

Blu-Lovestory





SerrahnEins

Eintrittspreis 10 / 8 Euro




Di, 09.06.
19 Uhr
Science Slam:

Tech For Society Slam

Superkraft Digitale Resilenz






KörberHaus






Fr, 19.06,
19 Uhr
Konzert:

QWAIN

Saxophon-Quintett
Bergedorfer Schloss

Eintritt 15 Euro
Sa 20.06 und So 21.06.,
12 bis 18 Uhr
Vierländer Erdbeerfest

am Rieckhaus







Rieckhaus

Eintritt 5 Euro



So 27.06.
ab 11 Uhr


SommerfestKörberHaus

Stand: 01. Juni

Aus der Region, Damals war's

Damals in Bergedorf

Eine Tafel erzählt

Beitrag: Jürgen Sakuth

Neben der St. Petri-und Pauli-Kirche hängt am jetzigen Küsterhaus mit dem runden Turm eine alte, ein wenig verwitterte, aber noch gut lesbare Tafel.

In diesem Hause, das damals nicht den runden Turm als Anbau hatte, wohnte einst mit seiner Frau Abel Christine der Organist Peter Hasse, Sonntag um Sonntag sitzt er an der Orgel, die sich einst die Bergedorfer im Jahre 1593 für gar nicht billiges Geld hatten aufnötigen lassen. Schon Paul Harders, sein Vorgänger, hatte das alte Positiv aus der Klosterkirche St. Johannes Hamburg nicht gut beurteilt: „dass sie in allen Stimmen falsch war und sonderlich von den Bälgen keinen beständigen Wind geben konnte und dass sie in den siebzehn Jahren nicht durchgestimmt und gebessert war, deretwegen die besten und stärksten Stimmen stille stünden und nicht mehr gebraucht werden könnten“.

Hassehaus

Aber die 104 Hausbesitzer, 36 Budenbesitzer und 56 Mietsleute, die das alte Positiv voller Stolz gekauft hatten, waren froh, aus der berühmten Johanneskirche in der großen Stadt das Instrument zu besitzen.

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Plattdeutsche Texte

Mööschen-Bowle (Maibowle)

Beitrag: Jürgen Sakuth


Vun’e Mitt vun’n Oostermaand bit to’n Enn vun’n Maimaand kann een bi uns in’t Holt Mööschen oornen. En Dag vör dat Serveern frischen Möösch, de noch keen Blöten hett, plücken, an’e Steelennen tohoopknütten un över Nacht to’n Drögen ophangen. Mööschbläder entwickelt dat best Aroma wenn se welk sünd. Een kann dat ok torechtkriegen, wenn een den Möösch kort in dat lesschapp to’n Infreren packt.

Illustration: Elke Grotelüschen

Quelle: Heinrich Evers „Dat dröfft doch mal seggt warrn!“
(Balticum Verlagsgesellschaft und Werbeagentur GmbH)

Aus der Region

Ein Jude auf der Kanzel

Beitrag: Boike Jacobs

Die geschnitzte und bunt bemalte Kanzel hatte es mir gleich angetan, als ich Bergedorfs Kirche St. Petri und Pauli zum ersten Mal betrat. Herrlich, wie Jesu Füße bei seiner Himmelfahrt noch aus dem goldenen Gewand hängen, als er schon fast in den Wolken verschwunden ist. Zwei Schritte weiter, ebenfalls geschnitzt und in starken Farben, die Auferstehung. Um die Grabplatte sitzen drei erschrockene Männer und im Hintergrund … Ich traue meinen Augen nicht. Da hockt ein Jude und starrt ins Leere. Ein Jude? Nun, er ist deutlich zu erkennen an Judenhut und Bündel, das er an einem Stab über der Schulter trägt. Der ewige Jude in St. Petri und Pauli, nicht irgendwo versteckt, sondern auf der Kanzel ganz nahe beim Auferstandenen. Wie ist das möglich, da zu dieser Zeit weder in Bergedorf noch in den Vier- und Marschlanden Juden lebten.

Erst nach langem Suchen werde ich in der Schrift „Wunderbarlicher Bericht von einem Juden Ahasvero“ fündig, in der es heißt: „Unter den vielen und großen Vorzügen, die Hamburg vor andern Städten genießt, ist einer von allen Lobrednern unserer Vaterstadt stets übersehen: dass Ahasverus, der ewige Jude, dessen Umherirren im Morgenlande zwar längst bekannt gewesen sein mag, im Abendlande zu allererst in Hamburg aufgetreten ist.“ Und dies ist die Geschichte, die mit vielen Ausschmückungen erzählt wird:

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