Beitrag: Sabine Ziesmer

Bill Brook, ein junger kanadischer Feldwebel, kommt 1946 in Hamburg an. Er durchquert zu Fuß die Trümmerlandschaft des völlig zerstörten Hamburgs. Während der Operation Gomorrha im Sommer 1943, als Hamburg unter der Bombenlast der alliierten Fluggeschwader in Schutt und Asche versinkt, sterben 40 000 Hamburger und die Hälfte der Wohnungen wird zerstört.
Fast drei Jahre nach Gomorrha erwacht Hamburgs Zentrum wieder zum Leben. Bill Brook steigt am Hauptbahnhof aus dem Zug. Er ist das erste Mal in Hamburg. Es ist Nacht, als er im Lampenlicht des Bahnhofs ein Schild bemerkt, das seinen Namen trägt: Billbrook. Er weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, dass das Schild auf eine Bahnstation hinweist, die an einer bereits wiederhergestellten Bahnstrecke liegt. Heute halten die Züge entweder in Billwerder oder Billstedt. Billbrook ist ein von Bille und Elbe zergliedertes Gebiet, das Besucher noch immer als industrielle Einöde empfängt. Bill Brook bezieht sein Quartier in einem den Alliierten zugeteilten Hotel. Sein Zimmergenosse kennt die Stadt bereits ein wenig und muss lachen, als Bill ihm von dem Schild mit seinem Namen drauf erzählt.

Nightmare (-HGZstudioDE-)
Am nächsten Nachmittag macht er sich auf den Weg nach Billbrook. Der Kanadier lässt das Alsterufer hinter sich, wo nur wenig von Zerstörung zu sehen ist. Die Alliierten hatten spezielle Stadtteile verschont, um dort nach ihrem Sieg über Nazideutschland ihre Verwaltung und die Konsulate zu etablieren. Nach einem langen Fußmarsch durch teilweise zerstörte, aber bewohnte Straßen, kommt Bill Brook dem Stadtteil, der seinen Namen trägt, langsam näher. Hier gibt es außer einer unendlichen Steinwüste kein Leben. Bill schafft es nicht bis ins eigentliche Billbrook, er tritt nach Stunden des Durchqueres dieser Steinwüste, ermüdet und traurig den Rückweg an.

Düsternis und Hoffnung (-HGZstudioDE-)
Bill Brook hätte tatsächlich 1946 einem Zug entsteigen und das Ortsschild Billbrook entdecken können. Es war aber Wolfgang Borchert, einer der bekanntesten Autoren der sogenannten Trümmerliteratur, der die Figur erschuf. 1941 wurde Borchert zur Wehrmacht eingezogen. Er musste am Angriff auf die Sowjetunion teilnehmen und wurde wegen Wehrkraftzersetzung inhaftiert. Krank kehrte er ins Nachkriegsdeutschland zurück, verfasste bis zu seinem Tod 1947 zahlreiche Kurzgeschichten und das Drama „Draußen vor der Tür“. Borchert stammte aus Hamburg Eppendorf und es scheint auch etwas Borchert in Bill Brook zu stecken. In der Erzählsammlung „Die Hundeblume“ findet sich „Billbrook“ neben anderen Erzählungen.

Schiffe im Elbschlick (-HGZstudioDE-)
Angesichts der vielen bewaffneten Konflikte überall auf der Welt, erscheint das Werk von Wolfgang Borchert auch achtzig Jahre nach seinem Tod in einem bedrückend aktuellen Licht. Die Bilder, die beim Lesen entstehen sind die aus der Ukraine, dem Sudan, Iran, Libanon, Gaza und vielen anderen Kriegsgebieten. Eine Kurzgeschichte trägt den Titel „Jesus will nicht mehr“ – wir unschuldigen Menschen auch nicht.
Fotos: privat









Interessanter Beitrag mit sehr guten aber auch traurigem Zusammenhang zwischen Damals und heute. Ich bete für Frieden auf Erden