Dieses und Jenes

Ein Jude auf der Kanzel

Beitrag: Boike Jacobs

Die geschnitzte und bunt bemalte Kanzel hatte es mir gleich angetan, als ich Bergedorfs Kirche St. Petri und Pauli zum ersten Mal betrat. Herrlich, wie Jesu Füße bei seiner Himmelfahrt noch aus dem goldenen Gewand hängen, als er schon fast in den Wolken verschwunden ist. Zwei Schritte weiter, ebenfalls geschnitzt und in starken Farben, die Auferstehung. Um die Grabplatte sitzen drei erschrockene Männer und im Hintergrund … Ich traue meinen Augen nicht. Da hockt ein Jude und starrt ins Leere. Ein Jude? Nun, er ist deutlich zu erkennen an Judenhut und Bündel, das er an einem Stab über der Schulter trägt. Der ewige Jude in St. Petri und Pauli, nicht irgendwo versteckt, sondern auf der Kanzel ganz nahe beim Auferstandenen. Wie ist das möglich, da zu dieser Zeit weder in Bergedorf noch in den Vier- und Marschlanden Juden lebten.

Erst nach langem Suchen werde ich in der Schrift „Wunderbarlicher Bericht von einem Juden Ahasvero“ fündig, in der es heißt: „Unter den vielen und großen Vorzügen, die Hamburg vor andern Städten genießt, ist einer von allen Lobrednern unserer Vaterstadt stets übersehen: dass Ahasverus, der ewige Jude, dessen Umherirren im Morgenlande zwar längst bekannt gewesen sein mag, im Abendlande zu allererst in Hamburg aufgetreten ist.“ Und dies ist die Geschichte, die mit vielen Ausschmückungen erzählt wird:

In „einer der Hamburgischen Kirchen“ habe ein Mann in einem abgerissenen Gewand barfuß „in inbrünstiger Andacht und Demuth“ gegenüber der Kanzel gestanden und dem Pastor, „der darüber beinah aus dem Context geraten“, aufmerksam zugehört, um kein Wort der Predigt zu verlieren. „Und jedes Mal bei Nennung des Namens unseres Heilandes hat er sich tief und ehrerbietig verneigt, an seine Brust geschlagen und dabei merklich geseufzet.“

Marc Chagall: „Der ewige Jude“

Zwei theologische Gelehrte hätten daraufhin nach dem Mann geforscht und von ihm erfahren, dass er ein aus Jerusalem gebürtiger Schuster sei, und dass man ihn Ahasverus, den ewigen Juden, nenne, weil er nicht sterben könne. Er habe unseren Herrn Christus nicht für den Heiland gehalten, „sondern für einen Sectirer und Aufrührer“. Darum habe er ihn gehasst und vor Pilatus seine Kreuzigung gefordert. Als Christus dann nach Golgatha geführt wurde, habe er sich, „ermattet von der Last des Kreuzes, das er getragen“, am Hause des Schusters anlehnen wollen, aber da habe dieser „im blinden Zorneseifer, und um des Ruhmes willen bei den andern Juden“, Jesus fortgetrieben. Dieser habe daraufhin gesagt: „Ich wollte hier nur stehen und ruhen, du aber sollst gehen ohne Ruhe bis an den Jüngsten Tag.“

„Christusmord“ aus der Katharinenkapelle in Landau, die für ihre antijüdischen Darstellungen bekannt ist

Selbst an der Kreuzigung habe Ahasverus teilgenommen und dort „die bergeschwere Last seiner Versündigung empfunden, und es ihm schier unmöglich gedäucht, wieder heim gen Jerusalem zu gehen“. So sei er denn fortgezogen durch fremde Länder „wie ein betrübter Pilgrim“, ohne Ruhe finden zu können. So sehr er sich auch nach Tod und Erlösung sehne, so glaube er doch, dass Gott ihn leben lassen werde bis zum Jüngsten Tag, „damit er dann als lebendiger Zeuge wider die Juden diene, zur Bekehrung der Gottlosen und Ungläubigen“.

„Der ewige Jude“: Illustrationen aus Augsburg und von Gustave Doré

Nach diesem Gespräch mit dem Gelehrten sei Ahasverus noch einige Zeit in Hamburg geblieben und habe viele Stunden in den Kirchen verbracht, „daraus ein Hochehrwürdiges Ministerium hat schließen wollen, dass er dem lutherischen Glauben sich sehr zuneige“.

Die Begegnung soll sich 1547 ereignet haben, die Kanzel von St. Petri und Pauli wurde 1586 von der Witwe Magdalena von Stiten, Ehefrau des damaligen Bergedorfer Amtmanns, gespendet. Der Zusammenhang ist für mich unverkennbar: Der ewige Jude Ahasverus steht nicht mehr „vor der Kanzel und lauscht aufmerksam der Predigt“, wie es in der Geschichte heißt. Nein, in St. Petri und Pauli ist er bereits auf der Kanzel zu sehen, wo er die Auferstehung Jesu staunend miterlebt.

Fotos: privat und pexels

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