Bücher finden ihren Weg in die Herzen ihrer Leserinnen und Leser. Wie durch eine unsichtbare Tür gelangen wir in unbekannte Welten. Manche Geschichten sind wie große Schlosstüren, beeindruckend und imposant. Andere hingegen sind die unscheinbaren Türchen für die kleine, aber feine Freude am geschriebenen Wort. Seit ich erste Sätze erlesen kann, begleiten mich Bücher durch mein Leben. Sie haben mir Mut gemacht, mir neue Wege aufgezeigt, meine Gefühle umschrieben, mich zu Tränen gerührt, mir die Welt erklärt und Ruhe in meinen Tag getragen. Nicht alle Bücher werden zu Wegbegleitern, die es aber schaffen, bleiben für immer.
Keine Nachrichtensendung, in der er nicht erwähnt wird, keine Fachleute, die nicht über sein Befinden Auskunft geben: „Er ist bedrohlich geschwächt.“ „Seine Haut löst sich ab.“ „Er heult laut und hat wahrscheinlich große Schmerzen.“ Ein vor Timmendorfer Strand auf Grund geschwommener Buckelwal ist es, der Deutschland in Atem hält. Große Erleichterung, als er endlich freigebaggert wurde. Ebenso große Enttäuschung, als er nur wenige Stunden später auf der nächsten Sandbank strandete. Und nun scheut er schon wieder den rettenden Weg in den Atlantik und bleibt in der Ostsee, in der er nicht überleben kann. Wie auch immer, er musste einen Namen haben, und so heißt der etwa 15 Meter lange und 25 Tonnen schwere Meeressäuger nun ausgerechnet „Timmy“.
Man möchte nach so viel Aufregung meinen, Tierschutz habe hierzulande höchste Priorität. Ist das wirklich der Fall? Empörung darüber, dass in Norwegen, Japan und Alaska immer noch Walfang betrieben wird, wenn auch nur noch in geringen Mengen. Aber da gibt es viel größere Bedrohungen für diese Tiere: Schiffsverkehr, Lärm, Umweltverschmutzung. Und vor allem Fischernetze. Wenn noch etwas vom Fang darin hängen geblieben ist, schnappen die Wale gerne zu und bringen sich damit in akute Lebensgefahr. Tatsächlich wurde auch Buckelwal Timmy schon von Netzteilen befreit, aber große Stücke hängen noch in seinem Maul. Und so sehr derzeit jede neue Sandbank als Gegner angesehen wird, so wenig interessieren sich die Menschen für diese Fischernetze, die nicht nur Buckelwalen den Tod bringen.
Katastrophe. Desaster. Drama epischen Ausmaßes. Riesenschock, so die deutschen Medien. Was ist geschehen? Wo bebt die Erde? Ist ein Vulkan ausgebrochen, reißt ein Tsunami alles nieder? Nichts dergleichen. Es geht lediglich um den Eiskunstlauf der Herren: Bei den Olympischen Spielen in Mailand zeigte der haushohe Favorit Ilia Malinin „eine Kür zum Vergessen“, bei der keiner seiner legendären Vierfach-Sprünge gelang. Im Internet hieß es: „ARD-Reporter entsetzt.“ Und die BILD-Zeitung titelte: „Der junge Gott ist abgestürzt.“
Man mag es kaum glauben, welche Ansprüche da an eine Sportart gestellt werden. Und was für ein Druck sich aufbaut in einem ehrgeizigen, talentierten 21-Jährigen, der am Ende vor den Augen der ganzen Welt sein Ziel weit verfehlte. Ein selbst gewähltes Ziel? Ein von der Gesellschaft herbei gejubeltes Ziel? Ein von den Eltern über viele Jahre gefordertes Ziel? In der wohl bislang größten Niederlage seines Sohnes wandte sich Ilia Malinins Vater demonstrativ ab – kein Trost, kein Mitgefühl.
3. Januar 2026: Rund um die Kirche St. Michael am Gojenbergsweg
Der Weihnachtsmarkt fiel auch in diesem Jahr ins Wasser. Und als die Budenbesitzer am ersten Tag des neuen Jahres ihre Sachen gepackt hatten, verdüsterte sich der Himmel, und leise rieselte der Schnee. White Christmas mit Verspätung, dann aber gleich aus dem Vollen. Eine Nacht brauchte es, bis Boden, Büsche, Bäume mit sanften, weißen Polstern bedeckt waren. Und still und starr ruhte der See. Ein Traum ging in Erfüllung, und die wunderbarsten Erinnerungen wurden wach an eine Kindheit, in der offenbar wochenlang gerodelt, Schlittschuh gelaufen, ein Schneemann gebaut und in Schneeballschlachten gekämpft wurde. Das erlebten wir nun endlich auch einmal wieder.
Welch ein Glück – oder doch nicht? Vorsichtig stiegen die Bergedorfer durch das feuchte Weiß, putzten mühsam und verärgert den Schnee von Windschutzscheibe und Autodach, immer in Gefahr, dabei auszurutschen. Und die Sommerreifen waren natürlich auch nicht ausgewechselt worden. Zum Glück gab es den Räumdienst, der die Straßen, sowie den verantwortungsbewussten Nachbarn, der die Gehwege frei schaufelte. Leider traf das am ersten und auch am zweiten Tag nur begrenzt zu, und so wurde aus der Angst vor der Erderwärmung umgehend die Empörung über das unbequeme Wetter: Klimakatastrophe!
Mit Geschwistern und Freunden auf der Graft
Früher war mehr Winter, und wir Kinder haben uns darüber gefreut, wie ein Foto aus den 50-er Jahren belegt. Damals wohnten wir auf einem stillgelegten norddeutschen Bauernhof, der wie alle Höfe ringsum von einer breiten sogenannten Graft umgeben war. War sie zugefroren, glitschten wir auf dem Eis herum oder schoben unsere beiden kleinen Geschwister auf Schlitten vor uns her, während die Jungs mit Stöcken und einer zertretenen Libby-Dose Eishockey spielten. Begeisterung pur!
Nicht ganz, wenn wir ehrlich sind. Unsere selbstgestrickten Wollhandschuhe waren schnell nass, ebenso wie die dicken, kratzigen Strümpfe, denn die von Cousinen geerbten Stiefel waren nicht mehr ganz wasserdicht. Nach ein, zwei Stunden froren wir nicht nur, Hände und Füße schmerzten in der Kälte und brannten, kaum dass wir die Wohnung betreten hatten. Das alte Hausmittel, die Füße in warmes Salzwasser zu stellen, regte zwar die Blutzirkulation wieder an, aber erst einmal heulten wir, weil gerade das so weh tat. Auch im Bett trugen wir nun Socken, denn die Schlafzimmer waren weder isoliert noch geheizt, und es dauerte, bis wir es unter der Decke einigermaßen warm hatten.
Schulausfall wegen Schnee und Eis? Das gab es damals noch nicht. Es war ganz einfach Winter, eine Jahreszeit, mit der man genauso umgehen musste wie mit verregnetem Frühling, heißem Sommer und stürmischem Herbst. Das trifft heute nicht mehr zu, das einfache Leben zu jeder Jahreszeit ist offenbar nur noch in der Erinnerung schön. Zwar ist der Schnee mittlerweile wieder geschmolzen, nur schmutzige Reste erinnern an die dramatischen zehn Tage zu Beginn des Jahres.
Aber die nächste Klimakatastrophe wird bereits angekündigt: Rund um den 25. Januar deute sich durch ein Russland-Hoch „Beast from the East“ an, eine neue markante Abkühlung. „Nach Schneechaos droht uns nun sibirische Kälte“, interpretiert eine Wochenzeitung die aktuelle Wettervorhersage. Na dann …
Wenn Mülleimer interessant sind, fällt das Wegschmeißen nicht schwer. Schwierig ist allerdings das Aussortieren vorher. Aber davon ist jetzt nicht die Rede, obwohl das ein gutes Thema für den Jahresanfang wäre.
Anfang Januar: „Bist du gut ins Neue Jahr gekommen?“ frage ich meine Nachbarin. „Nun ja, alleine mit meiner Katze, die hat sich unter das Sofa verkrochen, und ich hab mit dem Fernseher angestoßen. Aber ich wollte das arme Tier bei der ganzen Knallerei nicht völlig alleine lassen. Sie ist sowieso immer ein paar Tage um Sylvester herum verstört, geht z.B. nicht mehr raus, wo sie doch sonst stundenlang ihre Streifzüge durch die nähere Umgebung macht.“ So ähnlich geht es Jahr für Jahr an Sylvester vielen Haus- und Nutztierhaltern. Ein anderer Nachbar musste sich ein Taschentuch vor die Nase halten, er hat empfindliche Bronchien und leidet unter der Luftverschmutzung durch das Sylvesterfeuerwerk allerorten.
Den Jahreswechsel habe ich in Thüringen verbracht. Silvester feiern.
Klar. Am nächsten Tag verkündet unser Reiseleiter, dass er uns einen Höhepunkt nicht vorenthalten möchte (obwohl dieser Ausflug nicht im Programm vorgesehen war). Denn wenn schon Thüringen, das Mittelgebirge, ist Oberhof doch ein „Muss“. Mehr als 800 Meter über dem Meeresspiegel werden erklommen (mit dem Bus). Alles ist dort vorbereitet für die Wintersportereignisse, die in den nächsten Tagen stattfinden werden.
Ein zarter Hauch von Schnee verwöhnt unser Auge. Dementsprechend wird fotografiert. Ist ja auch zu schön, dieses Glitzern, dieses Weiß. Obwohl die Schneeflocken nur scheinbar weiß sind. Sie sind durchsichtig. Nur durch die kleinen Eiskristalle, die das Sonnenlicht in alle Richtungen zurückwirft (habe ich gelesen), erscheinen sie für uns weiß.
Die Anregung kam in diesem Blog von Elisabeth Hartmann, die unter dem Titel „Weihnachten basteln wir uns einen Haiku“ schrieb: „Sie werden Weihnachten mit Freunden oder Verwandten, Kindern und Erwachsenen feiern? Das ist schön, und Sie freuen sich sicherlich darauf. Aber manchmal, so nach dem Essen und dem Kaffee, hat man das Wichtigste schon gesagt, es drohen Langeweile oder gar ein bisschen Zwist aufzukommen. Die alten Spiele sind reizlos geworden, und ein neues lag nicht unterm Tannenbaum. Wie wäre es da mit Dichten? Ja – Sie machen einzeln, paarweise oder alle zusammen Gedichte. Und zwar Haikus. Ein Haiku ist ein japanisches Kurzgedicht mit 17 Silben, verteilt auf 3 Zeilen. Die erste Zeile hat 5, die zweite 7 und die dritte wieder 5 Silben.“
Wir haben erst am Neujahrsabend in kleiner Runde beisammen gesessen, und ich hatte Blöcke und Stifte mitgebracht – für alle Fälle. Tatsächlich, irgendwann war dann die Stimmung ganz ähnlich wie von Elisabeth Hartmann geschildert. Und so verteilte ich Blöcke und Stifte und erklärte den Aufbau von Haikus.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege. Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald. Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege. Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege. Man steht am Fenster und wird langsam alt.
Die Amseln frieren. Und die Krähen darben. Und auch der Mensch hat seine liebe Not. Die leeren Felder sehnen sich nach Garben. Die Welt ist schwarz und weiß und ohne Farben. Und wär so gerne gelb und blau und rot.
Umringt von Kindern wie der Rattenfänger, tanzt auf dem Eise stolz der Januar. Der Bussard zieht die Kreise eng und enger. Es heißt, die Tage würden wieder länger. Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.
Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern. Und niemand hält sie auf und fordert Zoll. Silvester hörte man’s auf allen Sendern, dass sich auch unterm Himmel manches ändern und, außer uns, viel besser werden soll.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege. Und ist doch hunderttausend Jahre alt. Es träumt von Frieden. Oder träumt’s vom Kriege? Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege. Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.
Dankeschön, das werden wir beim nächsten Mal so machen.