1,1 Millionen Bücher kostenlos für Schüler*innen in Deutschland
Beitrag: Thomas Schmidt

Sie haben richtig gelesen. Im Rahmen des Welttags des Buches werden noch bis zum 31. Mai ca. 1,1 Millionen Bücher kostenlos an Schüler*innen der 4. und 5. Klassen sowie Förder-/ Willkommens-Klassen in Deutschland verteilt. Es handelt sich hier um eine deutschlandweite Leseförderungskampagne, die ihresgleichen sucht und besonders im digitalen Zeitalter das Buch bzw. Lesen für Jugendliche in den Mittelpunkt stellt.
Unter dem Motto „Ich schenk dir eine Geschichte“ werden seit 1995 eigens für diese Aktion Bücher explizit für die Zielgruppe der Schüler*innen entwickelt, geschrieben und illustriert. Thematisch immer aktuell am Zeitgeschehen, so dass man möglichst viele Jugendliche inhaltlich abholt. In diesem Jahr handelt es sich um einen Comicroman mit dem Titel „Der fliegende Klassenscooter“. Die Autoren sind Andreas Hüging und Angelika Niestrath, für die Illustration verantwortlich ist Timo Grubing. Alle drei sind in der Jugendbuch-Szene anerkannt und erfolgreich. Natürlich habe ich das Buch gelesen und muss gestehen, dass ich es trotz meines hohen Alters sehr unterhaltsam finde und es in einem durchgelesen habe. Die drei Protagonisten, die am Anfang des Buches vorgestellt werden, können unterschiedlicher nicht sein, ergänzen sich aber hervorragend und stehen stellvertretend für die Schüler*innen von heute. Das Abenteuer, dass sie erleben, beginnt mit einer herben Enttäuschung bei einem Wettbewerb in dem Fach Naturwissenschaften und Technik, das alle drei grausam finden. Ihre vorgestellte Erfindung im Rahmen dieses Wettbewerbs bringt sie aber durch einen Zufall in das Jahr 2176, und dieses Abenteuer veränderte alles. Die NaWi-Nieten waren plötzlich in der Klasse in den Fächern Physik, Chemie und Biologie ganz weit vorne und entwickelten ihre erste eigene Erfindung. Diese kurze Zusammenfassung gibt den Inhalt des Buches nur bedingt wieder, es selber zu lesen oder es Ihren Kindern zu geben, lohnt sich mit Sicherheit.

Eine entscheidende Frage habe ich noch nicht beantwortet: Wie kommt jetzt eigentlich das Buch zu den Schüler*innen? Ganz einfach, und diese Idee ist genial: Durch die örtlichen Buchhandlungen, bei uns in Bergedorf sind das die Sachsentor-Buchhandlung und die Buchhandlung Heymann. Voraussetzung für die Teilnahme ist, dass sich die umliegenden Schulen für diese Aktion im Internet bewerben. Und die Resonanz war auch in diesem Jahr wieder sensationell: Insgesamt haben sich in diesem Jahr deutschlandweit 3000 Schulklassen für eine Teilnahme entschieden. Nach der Anmeldung der infrage kommenden Klassen erhält die Schule Gutscheine, die in der entsprechenden Buchhandlung eingelöst werden können. Die teilnehmenden Buchhandlungen kaufen die Bücher zu einem von den Initiatoren subventionierten Abgabepreis von einem Euro.
In einem Gespräch mit Jörg Johannsen, Inhaber der Sachsentor-Buchhandlung, wurde mir erst klar, was für einen Aufwand das für eine Buchhandlung bedeutet. Bedingung für die Teilnahme an der Aktion ist, dass die von den Lehrkräften angemeldeten Schulklassen die Gutscheine mit den Schüler*innen in der Buchhandlung einlösen. Das bedeutet für die Sachsentor-Buchhandlung, dass in dem Aktionszeitraum 43 Schulklassen aus 19 Schulen mit knapp 1000 Schüler*innen in die Buchhandlung kommen, um sich ihr Buch abzuholen. Der Grund dafür ist simpel. Es geht darum, neben dem Lesen auch die „Erlebniswelt Buchhandlung“ kennenzulernen. Wie Herr Johannsen mir erzählte, waren viele Jugendliche noch nie in einer Buchhandlung, da ihre Eltern keine Bücher lesen oder Online bestellen. Entsprechend groß ist die Überraschung, welche Vielfalt an Büchern hier vorrätig sind. Oder die Möglichkeit, Bücher in die Hand zu nehmen, zu blättern oder kurz anlesen zu können. Zu erfahren, wie ein Buch entsteht oder wie eine Buchhandlung funktioniert. Und ob man es glaubt oder nicht, für viele ist es das erste Mal, ein anderes Buch als ein Schulbuch in der Hand zu halten. Zusätzlich wird auf Initiative von Deutsche Post und DHL sowie der Stiftung Lesen ein großer Schreib- und Kreativwettbewerb angeboten. Bei dem Schreibwettbewerb geht es um eine kurze Fortsetzungsgeschichte der Protagonisten aus dem Buch im Jahr 2176. Bei dem Kreativwettbewerb können die Schüler*innen eine eigene Zukunftserfindung basteln oder malen und beschreiben, warum ihre Erfindung die Welt positiv verändert bzw. verbessert. Das bedeutet, die Jugendlichen haben die Möglichkeit, als Autor ihre eigene Geschichte zu kreieren und kreativ zu gestalten.
Fazit: Mit der Teilnahme von über 1,1 Millionen Schüler*innen und dem Engagement von 3000 Buchhandlungen ist diese Aktion die größte Leseförderungskampagne in Deutschland. Abgerundet durch Schreib- und Kreativwettbewerbe rund um Literatur und Autorenlesungen, die es in Absprache mit den Schulen ganzjährig gibt. Und da es in unserer digitalisierten und schnelllebigen Zeit leider immer noch zu wenig Impulse für Jugendliche gibt, statt der ständigen Handynutzung alternativ auch einmal ein Buch zu lesen, ist diese jährlich stattfindende Initiative aus meiner Sicht vorbildlich.
Da solche Aktionen auch finanziert werden müssen, möchte ich ausnahmsweise die Sponsoren nennen: Stiftung Lesen, Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins der Deutschen Buchkultur, cbj und ZDF sowie alle teilnehmenden örtlichen Buchhandlungen.
Fotos: Stiftung Lesen / Alexander Sell / Die Welle und Deutsche Post / T. Lammertz