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Busy Talking

Beitrag: Sabine Ziesmer

„Ältere besuchen eine Kunstausstellung“ – ©HGZstudioDE

Am 28. April bot sich wieder ein Besuch des KörberHauses an. Der ehemalige SPIEGEL-Journalist Dieter Bednarz hatte ein neues Buch mit dem Titel „Alt genug, um jung zu bleiben“ veröffentlicht, das in einer Gesprächsrunde vorgestellt werden sollte. Der Saal war gut gefüllt und die Stimmung dank der geistreichen und humorvollen Einlassungen der drei Diskutanten sehr ausgelassen. In den ersten Reihen saßen einige junge Leute, die vielleicht für sich oder ihre alternden Eltern Anregungen erhofften. Der Anteil der Besucher, die offenkundig kurz vor der Beendigung ihres aktiven Berufslebens standen, war erheblich. Wir sogenannten Best-Ager mit fundiertem Wissen zu Fragen, wie man das Älterwerden aktiv, gesund und selbstbestimmt gestalten kann, nickten zustimmend die Standpunkte der Gesprächsrunde ab.

Wir sind ja bereits umfassend gebildet. Meine Freundin raunte mir mehrmals zu, dass sie ohnehin bereits alles wisse und eigentlich auch lieber nicht ständig an ihr Alter erinnert werden wolle. So entgingen ihr einige Bemerkungen des Herrn Bednarz zu allerlei Befindlichkeiten älterer Menschen in seinem Freundeskreis. „Anti-Aging“ beginnt bei regelmäßiger sportlicher Betätigung und endet zuweilen bei kleineren und größeren Restaurierungsarbeiten im alternden Antlitz. Der tägliche Spaziergang mit Waldi konkurriert mit dem Halbmarathon und der Tour de France für über 80jährige. Jeder altert, so gut er kann, mit oder ohne Würde.

Herr Bednarz hat sie alle getroffen. Es verwunderte mich nicht, dass er über seine Reisen in die sogenannten Blue Zones berichtete. Der Blick auf diese fünf spezifischen Regionen weltweit, in denen Menschen nachweislich gesünder leben und häufig über 100 Jahre alt werden, könnte unseren Blick auf das Altern relativieren. Diese 100-Jährigen leben nicht nur in Japan, Italien, Costa Rica, Griechenland und den USA, man findet sie auch in unserem Land. Es sind die kleinen Schritte, die ins Ziel führen: tägliche Bewegung im Rahmen des Machbaren, gesunde Ernährung, Zeit für soziale und primär familiäre Zugehörigkeit, tägliche Nickerchen, sinnstiftende Tätigkeiten, Toleranz und Gedächtnistraining mit Humor und lieben Freunden.

Das kann ja so schwer nicht sein. Habe ich gedacht. Als ich meine Freundin fragte, ob sie nicht noch ein Gläschen Wein mit mir trinken wolle, erzählte sie mir ellenlang, warum daran gar nicht zu denken sei. Die Fülle der Argumente hätte ein zweites Gläschen zeitlich möglich erscheinen lassen. Schon einmal angesetzt, sollte ich umfassend über ihre knapp bemessene Freizeit in Kenntnis gesetzt werden.

Ich erinnerte mich daran, dass Dieter Bednarz bereits zu Beginn seines Vortrags von seinen „Busy Talking“-Freunden berichtet hatte, die bei näherem Hinsehen viel Zeit mit umständlichen Ausreden verplempert hatten, statt spontan zusammen Zeit zu verbringen. Bei näherem Hinsehen erscheint die Aufregung mancher Senioren angesichts ihrer vielen Verpflichtungen doch etwas übertrieben zu sein. So werden wir keine 100 Jahre alt. Von Weitem hörte ich, wie mein Name gerufen wurde. Da war ein Mensch mit Zeit, Humor und Sinn für die geschenkten, ungeplanten Momente des Lebens. Prost und bis bald.

Foto: privat

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