Damals war's

Schweinsöhrchen und Kartoffelsalat

Beitrag: Boike Jacobs

Nun bin ich schon wieder drauf reingefallen. Zum Frühstücken war ich nicht gekommen, also im Bahnhof noch schnell etwas zu essen kaufen. Und da seh ich sie säuberlich aufgereiht in der Theke: Schweineohren oder „Schweinsöhrchen“, wie sie bei uns zu Hause hießen. Das klang freundlicher und schmeckte auch ganz anders. Aber alles der Reihe nach.

In meiner Kinderzeit wohnte mein Großvater bei uns im Haus, und wenn ich in der Schule eine besonders gute Note bekommen hatte, gab es auch eine besondere Belohnung. Zu Fuß gingen wir nachmittags zwei Kilometer vom Dorf ins Städtchen zum Café Central, und dort spendierte mein Großvater mir ein Schweinsöhrchen. Nicht auf die Hand, sondern wir saßen dazu am Fenstertisch wie feine Leute. Dies Knistern und Krümeln schon beim ersten Bissen war einfach herrlich. Dazu gab es eine Tasse Kakao mit Schlagsahne – echter Schlagsahne. Zu Hause gab es zum Geburtstagskuchen nur geschlagenes Eiweiß, nichts also im Vergleich zu dem, was ich mir im Café Central auf der Zunge zergehen lassen konnte.

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Aus der Region, Veranstaltungen

Auch die Älteren sind gefordert

Beitrag: Boike Jacobs

Ein „freiwilliges Gesellschaftsjahr für die jüngere Generation“ forderte der bekannte Schriftsteller Bernhard Schlink vor zwei Jahren und vermied damit das ungeliebte Wort „Wehrersatzdienst“. Prompt bekam er Antwort von Ben Jagasia, damals 17-jähriger Schüler, der in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erklärte, er mache das gern, „allerdings nur, wenn dies auch für die ältere Generation gilt“. Das ließ aufhorchen, von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wurde er zu einem Gespräch eingeladen. Und auch ins KörberHaus lud Annalena Jonetzko ihn ein, seine Thesen vorzutragen und gemeinsam mit Jens Kreuter, dem ehemaligen Bundesbeauftragten für den Zivildienst, sowie dem Publikum darüber zu diskutieren.

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Damals war's

Hammerbrook – verbrannte Kindheit

Beitrag: Ursel Tenne

Sie war immer und in vielen Bereichen aktiv, vor allem in der Gemeinde St. Petri und Pauli, aber auch im Haus im Park. Hier gründete sie diesen Blog, den sie bis vor kurzem mit ihren Beiträgen bereicherte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass eine große Menschenmenge am 14. April die Kirche füllte, als der Trauer-Gottesdienst für Ursel Tenne gehalten wurde. In dankbarer Erinnerung an sie drucken wir hier einen ihrer Beiträge ab, in dem sie ganz persönlich ihr Schicksal nach der furchtbaren „Operation Gomorrha“ im Spätsommer 1943 schilderte, die auch ihr Leben von Grund auf veränderte.

*

Wir wohnten in der Wendenstraße in Hammerbrook, in der Nähe der Hamburger Innenstadt. Meine Eltern hatten einen „Seifenladen“ – so nannte man damals eine Art von Drogerie. Unsere Wohnung war zwar klein, aber in meinen Erinnerungen erlebte ich eine kurze glückliche Kindheit, trotz der vielen Luftangriffe. In einem großen Hof hinter den vielen Wohnblocks traf ich mich täglich mit vielen Kindern zum Spielen. Dann kam der Tag, der mein und das Leben meiner Eltern von nun an total verändern sollte.

Nachmittags beschloss meine Mutter, mit mir auf dem Fahrrad zu meinen Großeltern zu fahren – mein Vater musste im Geschäft bleiben, versprach uns aber, später nachzukommen. Auf dem Weg zu den Großeltern stürzte ich mit dem Rad, mein Knie blutete, und meine Mutter wollte wieder nach Hause fahren. Ich weinte aber, wollte unbedingt zur Oma, und meine Mutter gab nach. Wie sich später herausstellte, rettete diese Entscheidung unser Leben.

Wir fuhren also weiter nach Winterhude in die Gertigstraße, wo meine Großeltern wohnten. Dort verbrachten wir die kommende Nacht im Bunker, (der übrigens noch heute steht), wo ich wieder mit Kindern spielen konnte. So habe ich den allerschlimmsten Angriff auf Hamburg nicht bewusst miterleben müssen, denn Winterhude wurde in dieser Nacht nicht bombardiert.

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Aus der Region, Veranstaltungen

Wenn Helfende Hilfe brauchen

Beitrag: Boike Jacobs

Foto: pixabay

Ohne sie würde das Sozialwesen wohl einbrechen, denn seit vielen Jahren sind Frauen und Männer im Ehrenamt unschätzbare Hilfen. Das wird auch im KörberHaus täglich sichtbar und spürbar. Es sind zumeist Rentnerinnen und Rentner, die sich mit Herz und großer Einsatzbereitschaft engagieren, keine speziell Ausgebildeten, sondern Menschen mit Lebenserfahrung und viel Geduld. Was aber, wenn das bisweilen nicht ausreicht, wenn also Helfer Hilfe benötigen? Konkret gesagt: Was tun, wenn ein Kind, das man beim Lesenlernen unterstützt, ständig unruhig und laut ist? Wenn Verabredungen nicht eingehalten werden? Wenn ein an Demenz Erkrankter unvermutet aggressiv wird? Wenn die Umwelt Ehrenamtlern und ihren Schützlingen mit Spott begegnet? Wenn die Begleitung eines Sterbenden zur seelischen Überlastung wird? Und ebenso: Wenn die öffentliche Verwaltung ständig ausbremst? Das KörberHaus gab daher Ehrenamtlichen die Möglichkeit, von ihren Anliegen zu erzählen und Hilfe zu bekommen durch Imme Bruß, Trainerin für Projektmanagement. Und als die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Beginn des Treffens im FreiRaum aufschrieben und erzählten, in welchem Bereich sie ehrenamtlich arbeiten, gab es für mich die erste große Überraschung: Ausnahmslos alle engagieren sich in mehr als einem Ehrenamt.

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Aus der Region, Veranstaltungen

„Generationenwerkstatt“ gelungen

Beitrag: Boike Jacobs

Freudige Überraschung beim Projekt „Generationenwerkstatt“, zu dem das KörberHaus vor zwei Jahren zum ersten Mal einlud. Ältere Ehrenamtliche saßen mit Schülerinnen und Schülern der GSB an verschiedenen Tischen und arbeiteten über Stunden Projekte aus, die gemeinsam entwickelt werden sollten. Ich hatte den besten Tisch erwischt, denn die 17-jährigen Jugendlichen entschieden sich dafür, Pflegekräfte in Krankenhaus oder Altenheim zu unterstützen. Welche Institution und welche Menschen dafür geeignet wären, sollte bis zum nächsten Treffen herausgefunden werden. Da wollte ich gerne mithelfen.

Traurige Überraschung beim zweiten Treffen. Ausgerechnet dies Projekt der „Generationenwerkstatt“ wurde gestrichen – zu schwer, zu gefährlich, zu belastend, hieß es auf einmal. Das war nun, so dachte ich, das Ende der schönen Initiative. Aber ich lag falsch.

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Geschichten und Gedichte, Wissenswertes

Alles Geschmacksache

Beitrag: Edith Kalisch

Gefüllte Heißwecken

Dresdner Stollen. Alles rutscht in die Erinnerungskiste.

Das Jahr neigte sich dem Ende zu. Der Januar dauerte und dauerte. Nun lockt der Februar mit Helau und Alaaf. Die sogenannten tollen Tage. Das reizt mich zwar nicht so sehr. Aber davor, davor gibt es Leckeres. Die gefüllten Heißwecken! Es heißt aufpassen. Nicht, dass man es verpasst. Den Blick zur Kuchenvitrine lenken. Lange gibt es diese Köstlichkeit nicht. Nur bis zum Aschermittwoch. Warum eigentlich?

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Aus der Region

Rätselhafte Wahlplakate

Beitrag: Boike Jacobs

Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Nein, anders: Man sieht die Bäume vor lauter Wahlplakaten nicht, wenn man z.B. den Serrahn hinunter bummelt. Hat man eines nach dem anderen betrachtet, weiß man genau, wo man am 23. Februar und am 2. März seine Kreuzchen hinsetzen wird. Oder etwa nicht?

„Auf Hamburg sein Nacken“ lese ich irritiert. Ein Rechtschreibfehler? Ein Scherz? Auch die Bilder geben keine Auskunft auf diese Frage: Ein Kinderfoto, die Gesichter mit Herzchen verdeckt, ein Arm in gestreiftem Pullover. Abschlussarbeit Kunst in Klasse 4, würde ich sagen. Aber nein, auf diese Weise wirbt die Linke, deren Kandidat ein T-Shirt trägt mit der Aufschrift „Tax the Rich“. Aha.

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Aus der Region, Wissenswertes

Hammer-Hü! Was ist das denn?

Beitrag: Sabine Ziesmer

Der meistgelesene Beitrag des Jahres 2024.

Rechtzeitig vor dem Aschermittwoch beginnt man in den Vier- und Marschlanden, Vorbereitungen zum Hammer-Hü-Laufen zu treffen. Es werden Vorräte an Süßigkeiten angelegt, und ein Brett oder eine Kiste wird schon mal griffbereit in die Nähe der Haustür gerückt. Trifft man Anfang Februar auf neue Nachbarn, sollte man sie unbedingt in die Geheimnisse des Brauchtums einweihen. So kann man Enttäuschungen rechtzeitig vorbeugen. Hammer-Hü-Laufen, erfährt man immer häufiger, nie gehört – was ist das denn?

Es handelt sich dabei um einen Fastnachtsbrauch in den Vier- und Marschlanden, der in Kirchwerder und Ochsenwerder gegangen wird. Am Faschingsdienstag beginnen nach der Schule die Kinder östlich des Kirchwerder Landwegs, Aschermittwoch folgt Kirchwerder westlich des Landwegs, und am Donnerstagvormittag, da fällt die Schule aus, endet der Spaß mit Ochsenwerder.

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Geschichten und Gedichte

Schenken? Ein ewiges Mysterium

Beitrag: Sabine Ziesmer

Wie können wir einander eine Freude machen? Was ist der beste Anlass? Wer steht im Mittelpunkt? Der Schenkende? Der Beschenkte? Oder alle beide? Diese Frage beschäftigt mich das ganze Jahr über, und die Antwort darauf hat sich immer wieder an mein Leben angepasst. Vielleicht fühle ich mich deshalb mit den „Heiligen Drei Königen“ so verbunden. Sie nehmen einen beschwerlichen Weg auf sich, um mit ihren Gaben das Erscheinen Gottes auf der Welt zu feiern. Schenken wird zu einer Form menschlicher Kommunikation.

Leider ist Schenken in vielen Bereichen unserer Gesellschaft zu einer Pflicht geworden, besonders an Weihnachten. Solange die Kinder noch jünger sind, kommt kaum eine Familie darum herum, möglichst viele nützliche oder auch ganz unnütze Gegenstände untereinander hin und her zu schieben. Zwischen Weihnachten und Neujahr werden die unliebsamen Gaben gnadenlos getauscht oder einfach zurückgeschickt.

Meine Tochter feierte diese Tauschaktionen mehr als den Akt des Schenkens an sich. Wollte ich als Schenkende dabei nicht vollkommen verzweifeln, musste ich meine Einstellung ändern. Es wurde fortan auf Bestellung geschenkt. Ich hielt es dennoch mit den Königen, die nichts über den zu Beschenkenden wussten und den Weg zu ihm nicht kannten. Würde man sich über ihre Geschenke freuen? Es machte mir immer größere Freude aus mir heraus, immer und überall andere Menschen zu beschenken. Jedes freundliche Wort, das ehrliche Interesse am Gegenüber, kleine Komplimente und ein freundliches Lächeln geben Beschenkten und Schenkenden so viel.

Diese Erfahrung habe ich bereits bei meiner Arbeit mit Kindern machen dürfen. Gerade sie sind Meister kleiner Komplimente und kritische Betrachter feststehender Regeln. Als ich die Geschichte der drei Weisen aus dem Morgenland und ihren mitgeführten Gaben erzählte, meldete sich eine Schülerin und erklärte mit ernster Miene: „Da bin ich aber froh, dass der Caspar nicht so ein teures Geschenk dabei hat. Der wollte mit seinen Möhren sicher den Esel des Jesuskindes beschenken.“ Diese kreative Änderung des Wortes „Myrrhe“ führte uns letztlich in ein fast philosophisches Gespräch über den Sinn des Schenkens. Jeden Montag haben wir dann kleine Komplimente verfasst, die wir gemeinsam lasen und uns darüber freuten. So erinnere ich mich an ein Kärtchen mit dem Satz „Du bist meine Pudelmütze, falls ich traurig werde.“ „Du bist eine tolle Nachbarin. Wir pusten graue Wolken weg.“ Zuletzt bekam ich ein zauberhaftes Kompliment von meiner Tochter: “Du liebst mich so wie ich bin, ganz bedingungslos.“ Schenken ist eigentlich kein Mysterium.

Foto: Sabine Ziesmer

Geschichten und Gedichte

Kinderwelten – „Wird schon“

Beitrag: Edith Kalisch

Wer mit Kindern geht, die noch nicht die Schule besuchen, braucht Zeit. Zeit, um anzukommen, wenn ein Ziel gesetzt ist. In diesem Falle: ein Spielplatz. Ach, Zeit haben wir, mein Enkel Janosch und ich. Er kennt den Weg genau. Erst einmal wird auf der Mauer balanciert, dann geschaut, ob die Schnecke von gestern noch an ihrem Platz sitzt. Natürlich nicht, sie will ja auch weiter. Dafür müssen wir eine Spinne betrachten. Sie wartet auf Nahrhaftes. Ob ihr wohl der Magen knurrt? Nach so vielem Netze weben? Wir wissen es nicht. Wir nehmen nun nicht den vorgegebenen Weg, sondern streifen über die Wiese. Hier steht noch ein alter Apfelbaum. Ein sehr alter. Wir überlegen. Es gab hier also mal einen Garten. Scheint lange her zu sein. Endlich erreichen wir unser Ziel. Noch nicht ganz. Plötzlich rennt Janosch voraus, wieder zurück. Ist aufgeregt. Ist empört. “Siehst du dahinten den Wendehammer, Oma?“ „Ja und, was ist mit dem?“ Ich gucke verständnislos. „Und Oma, siehst du irgendwo ein Sackgassenschild?“ Ich verneine es. Das muss gemeldet werden. Unbedingt. Na gut, aber erstmal zum Spielplatz.

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