Aus der Region

Nackte Verzweiflung

Beitrag: Boike Jacobs

Trauer ist weiblich, und Trauer ist erotisch. Den Eindruck kann man jedenfalls bekommen, wenn man über ältere Friedhöfe geht. Von Barcelona bis Göteborg und von London bis Warschau, ganz besonders in Mailand und Genua, aber ebenso in Budapest, Wien, Paris oder Zürich. Und selbst der Ohlsdorfer Friedhof macht da keine Ausnahme. Auch hier findet man eine große Zahl von schönen Grabmal-Plastiken, in der überwiegenden Mehrzahl Frauen, einige von ihnen noch kindlich, andere reifer, die meisten in voller Blüte. Aber gemeinsam ist ihnen allen, dass sie lasziv, ja, unverhohlen sinnlich auf Grabsteinen liegen, sich an sie lehnen oder sich über sie werfen. Und zumeist fanden dort Männer ihre ewige Ruhe.

„Wie viele verrutschte Schulterriemen und Kleider, wie viele wallende Schleier und hauchdünne Stoffe, welche Kunst des Faltens und des Drapierens … Wie oft zudem lassen die Bildhauer Busen, Rundungen auch bedeckt und bekleidet zur Geltung kommen!“, so Christine Behrens in ihrem Beitrag „Schönheit und Erotik auf dem Ohlsdorfer Friedhof“. Mehr als nur deutlich zeichneten sich die weiblichen Körperformen ab durch die Kunst des Faltenwurfs. „Dabei können auch Engel weiblichen Charme besitzen und verführerisch dargestellt werden, wenn etwa ‚absichtlich-unabsichtlich‘ ein Träger ihres Hemdkleids von der Schulter gleitet und dadurch ‚unbeabsichtigt‘ einen tieferen Einblick auf den Busen zulässt.“

Die meisten dieser Statuen sind in der wilhelminischen Zeit entstanden, als das Patriarchat noch selbstverständlich war – besonders bei denen, die wohlhabend genug waren, sich auch nach ihrem Tod als reich und mächtig zu präsentieren. Große Emotionen wie hingebungsvolle, untröstliche Liebe galten damals als typisch weiblich, und auch heute noch werden Familiengräber vor allem von Frauen betreut. Dass sie daher mit Beginn des 19. und bis ins 20. Jahrhundert auf Grabmalen und Mausoleen als Inbegriff der Trauer dargestellt wurden, entbehrt nicht einer gewissen Logik. Aber musste es tatsächlich eine halbnackte Jungfrau sein? Reichte nicht auch eine Pietà mit der züchtig verhüllten Jungfrau Maria?

Nun, vielleicht haben sich die Herren der Schöpfung damals schon zu Lebzeiten ausgesucht, wer sie an ihrem Grab in marmorner Schönheit beweinen sollte – jung, zart, langhaarig und auf ewig betrübt. Das ist jedenfalls die Erklärung, die mir am meisten einleuchtet.

Fotos: Norman Thielen, Karina del Taz

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