Zum Plattdeutschtag am 20. April in Hamburg fanden auch einige Veranstaltungen im KörberHaus statt. Ich war bei zwei Höhepunkten dabei. Eigentlich hätte dieser Beitrag auch auf Plattdeutsch geschrieben werden sollen, aber leider kann ich Platt nur verstehen und nicht schreiben.
Der erste Höhepunkt war die gut besuchte Lesung von Ove Thomsen im Körber Saal. Er las aus seinem ersten Kinderbuch „Regen im Kopf“ (oder op Platt „Regen in’n Kopp“)
Das Thema ist nicht nur für Kinder interessant, sondern auch für Erwachsene. Ich denke, wir alle kennen das. Man will zu viel schaffen und macht sich selbst am meisten Druck. Wie meine Frau immer sagt, wenn ich mir zu viel vornehme: „Musst du schon wieder Haken setzen?“
Das Buch (Jumbo-Verlag) ist wunderschön und sehr empfehlenswert. Auch die Illustrationen von Melf Petersen sind phantastisch.
Ove Thomsen ist auch Liedermacher. Zwischen den Lesungen hat er eigene Lieder vorgetragen.
To de Tieden, as in Niestadt noch ’n Amtsgericht west is, dor hett de Topleger, Wally Möllemann ut Olenkremp, mal as Tüüg to Gericht sullt. Dor fröggt de Amtsrichter em to Beginn so allerhand to sien Person. He wull sien Öller weten, fraag na sien Profeschoon un Ehstand un to’n Sluss ok na sien’n Gloven. „Wat meent Se denn dormit, Herr Amtsrichter?“ fraagt de. „Auf welches Glaubensbekenntnis sind Sie denn getauft worden, Herr Mölle- mann?“
Jo, Herr Amtsrichter, dor weet wi op’n Dörp doch nix vun. Dor küm- mert wi uns ok nich üm. Se künnt dorvun utgahn, dat Se un ik den sülvigen Gloven hebbt. Dat mutt doch nu langen!“ „Sie sind aber doch ein gläubiger Christ?“ Jo, dat is richtig. Ik gah ok na de Kark, un dor heff ik Se ok al mal seh’n, denk ik. Dorüm meen ik, wi twee glöövt seker datsülvige, Herr Amtsrichter!“ Ja, aber Sie müssen doch wissen, ob Sie evangelisch oder katholisch sind‘?“ Minsch, Herr Amtsrichter, dor weet unsereen op’n Lann doch nix vun af!“ „Ja, aber Sie haben doch sicherlich schon einmal etwas von Dr. Martin Luther gehört, Herr Möllemann?“ „Siendaag nich, Herr Richter, in mien ganzet Leven nich. Wenn un- sereen mal krank is, denn schickt wi jümmers na Hermann-Doktor ut Niestadt in Holsteen!“
Quelle: Heinrich Evers „Dat dröfft doch mal seggt warrn!“ (Balticum Verlagsgesellschaft und Werbeagentur GmbH) Illustration: Elke Grotelüschen
Wir waren als geburtenstarker Jahrgang überall und stets viele. Mit 36 anderen Mädchen kam ich 1964 in die erste Klasse. Auf den Straßen und in den Hinterhöfen des Schanzenviertels im Herzen Hamburgs mangelte es nie an Spielkameraden. So lernten wir früh, dass Gemeinschaft auch Geborgenheit verhieß und im Teilen ungeahnte Möglichkeiten lagen.
Es war eine Zeit des Aufbruchs. Ich war ein Arbeiterkind im besten Sinne, der Vater immer fröhlich und aufgeschlossen für die neuen Dinge, die die 60er Jahre verhießen. Die Mutter ehrgeizig und stolz, aber auch enttäuscht vom eigenen engen Leben im Arbeitermilieu. Ihr würde ich es zu verdanken haben, dass meine Schulbildung auch in harten Jahren immer an erster Stelle stand.
Mit einem guten Abiturzeugnis in den Händen und einer begeisterten Mutter an meiner Seite, startete ich mein Lehramtsstudium an der Universität Hamburg. Wieder waren wir viele, die auf den Gängen und auf den Treppen der Universitätsgebäude den Vorlesungen folgten. Hier spürten wir zum ersten Mal, dass wir nun Konkurrent*innen waren, wir strebten alle, wie durch einen engen Flaschenhals, in den Schuldienst.
Mein Studium konnte ich erfolgreich beenden und so stand der Suche nach einer geeigneten Schule für das Referendariat nichts mehr im Wege. Ich hatte meine Chancen bekommen, ich hatte sie genutzt und ich würde meinen Weg natürlich fortsetzen. Ich war ja schließlich noch lange nicht am Ziel. Auf Hindernisse war ich ja gefasst, dass es sich derart schwierig gestalten würde, konnte ich nicht ahnen. Und das war auch gut so.
Der folgende Artikel ist eine Vorabveröffentlichung der Biografiegruppe Bergedorf aus dem Buch „45 Berufe geträumt, gelebt, verwirklicht. Berufsbiografien von Menschen aus Hamburg-Bergedorf“. Das Buch erscheint am 05. April 2024 und ist unter anderem in der Sachsentor Buchhandlung Jörg Johannsen erhältlich.
Tom Schmidt im Gespräch mit Jürgen Schmekal, * 1940, und seiner Frau Erika
Wolfsburg 1946. Jürgen Schmekal, sechs Jahre alt, machte sich gemeinsam mit seiner Mutter und den drei Geschwistern zurück auf den Weg in seine Heimatstadt Hamburg. Da die Familie 1943 in Hamburg ausgebombt wurde und keine Unterkunft fand, waren sie gezwungenermaßen zu Verwandten nach Wolfsburg gezogen. Ihren Mann hatte seine Mutter im Krieg verloren. Nun galt es, irgendwie einen Neuanfang zu schaffen. In Kirchwerder, in den Vier- und Marschlanden, erwartete sie und ihre Kinder eine karge und typische Flüchtlingsbaracke, die überall in Deutschland den Bewohnern nach dem Krieg lediglich ein Dach über dem Kopf bot. Nach drei langen Jahren hatte Familie Schmekal endlich die Möglichkeit, nach Bergedorf umzusiedeln. Jürgen besuchte mittlerweile die Grundschule, danach die Realschule, und vor dem erfolgreichen Abschluss stellte sich die Frage, wie es weitergehen sollte. Für seine Mutter stand primär der finanzielle Aspekt im Vordergrund, denn eins der Kinder musste jetzt langfristig zusätzlich zu ihrem Gehalt Geld verdienen. Da Jürgen aus einer traditionellen Handwerkerfamilie kam, die die letzten Generationen über als Tischler gearbeitet hatten, war der berufliche Weg eigentlich vorgezeichnet. Aufgrund einer Holzstauballergie aber kam diese Berufswahl nicht in Frage. Handwerklich begabt bewarb sich Jürgen jetzt bei der Hanseatischen Universelle, abgekürzt Hauni, für eine dreijährige Lehre als Maschinenschlosser. Das war eine der besten Adressen in Bergedorf für eine fundierte Ausbildung mit Übernahmegarantie, wenn ein guter Prüfungsabschluss vorlag.
Die Hauni war 1946 von Kurt A. Körber gegründet worden und hatte sich in kürzester Zeit zu einem der wichtigsten Arbeitgeber in Bergedorf entwickelt. Körber kam aus Dresden und hatte dort in der Dresdener Universelle als technischer Direktor und Erfinder gearbeitet. Als sich die Teilung Deutschlands nach dem Krieg abzeichnete, ging er mit seinen Patenten nach Westdeutschland, gründete in Bergedorf die Hauni und beschäftigte sich anfangs mit der Reparatur von Zigarettenmaschinen und der Produktion von Handtabakschneidern. Keiner der Mitarbeiter ahnte zu der Zeit, dass er hier in den alten Fabrikhallen im Weidenbaumsweg in einem zukünftigen Weltunternehmen arbeitete.
Es kam natürlich plötzlich und unerwartet, dass ich im Februar 2023 aus meinem langjährigen Dienstverhältnis ausschied, um in den Ruhestand versetzt zu werden. Nichts und niemand kann einen darauf so richtig vorbereiten, auch wenn man sich emotional längst darauf eingestellt zu haben glaubt. Natürlich hatte ich viele Ideen und die besten Vorsätze für die beste Zeit danach. Und dennoch trat ich ins Leere, als ich meinen Arbeitsplatz ein letztes Mal verließ. Ich hatte nur die Hoffnung, eine neue Lebensaufgabe zu finden und den Optimismus, diese auch zu erkennen, wenn sie mir begegnete. So fühlte ich mich auch sogleich angesprochen, als ich einen Artikel im Billeblatt entdeckte, in dem Frau Pastorin Schmidt aus dem Kirchspiel Bergedorf Teilnehmer und Teilnehmerinnen für ihr Projekt suchte. Sie wollte sich in einer Gruppe der Frage „Beruf oder Berufung?“ widmen und aus einer größeren Anzahl von Berufsbiografien ein Buch erstellen. Hier war mir etwas begegnet, das ich unbedingt genauer in Augenschein nehmen wollte.
Nach einem persönlichen Gespräch mit Frau Pastorin Schmidt traf sich die neu gebildete Arbeitsgruppe bereits im Februar 2023 im historischen Hasse-Haus. Wir waren acht Ruheständler und Ruheständlerinnen mit unterschiedlich langer Erfahrung in diesem Lebensabschnitt, eine noch berufstätige Teilnehmerin und die Leiterin, die sich in der Schlussrunde ihres intensiven Lebens als Pastorin verortete. Lehrerinnen, Wissenschaftler, Manager und Managerinnen mit interessanten und vielfältigen Berufserfahrungen setzten sich fortan mit der Frage auseinander, ob der eigene Beruf eben nur ein solcher war, oder ob wir „berufen“ waren für unsere Tätigkeiten und Aufgaben. Nicht alle hatten sich bisher im religiös-spirituellen Sinne mit dieser Frage beschäftigt. Auch ich nicht. Und so begannen wir, jeder für sich oder gemeinsam, uns dieser Frage zu stellen. Die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Berufung“ setzte sehr unterschiedliche Empfindungen frei. Wir lernten uns selbst und auch die anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen nach jeder präsentierten Berufsbiografie besser kennen.
Nun wollten wir natürlich auch die berufliche Entwicklung anderer Menschen hören und verschriftlichen – wir planten schließlich, ein Buch zu schreiben. Frau Pastorin Schmidt, Seelsorgerin für Menschen der Generation 80 plus, bot uns eine Liste interessierter Gemeindemitglieder an, die wir besuchen und interviewen konnten. Nun begann die spannendste Phase unserer Arbeit. Wir hörten zu, ordneten ein und schrieben auf, was man uns anvertraute. Das war eine verantwortungsvolle Aufgabe, die für beide Seite emotionale Momente bereithielt. Der Dynamik dieser heterogenen Gruppe ist es nun zu verdanken, dass neben dieser Arbeit mit älteren Menschen auch die nachfolgenden Generationen eine Stimme erhielten – Boomer, Generation X, Millennials, Menschen mit Migrationshintergrund –, alles ist in unserem Buch vertreten. Mit dem Titel „Wozu bin ich berufen? 45 Berufe geträumt, gelebt, verwirklicht“ erscheint ein gutes Jahr nach unserem ersten gemeinsamen Treffen nun das Buch zu dieser Arbeit.
Für mich war die Arbeit an diesem Projekt ein wunderbarer Anlass, auch über diese Beschäftigung hinaus, nach kleineren oder größeren Herausforderungen zu suchen, sie zu erkennen und anzunehmen. Ich habe tolle Menschen kennengelernt und viele neue Erkenntnisse gewonnen.
Wir werden in den nächsten Tagen zwei Biografien aus dem Buch hier veröffentlichen.
Unsere Leser sind herzlich zur Buchvorstellung eingeladen:
Wir Älteren ärgern uns manchmal über die heutige Jugend, aber dass auch wir nicht immer ganz ohne Macken sind, konnte ich während einer Busreise durch die USA beobachten. Das Durchschnittsalter der Reisegruppe schätze ich auf etwa 65, aber einige waren auch weit darüber.
As Börgermeester vun ’n Gemeen hett een jo bannig veel Plichten. De kommodigsten dorvun sünd noch so’n Opgaven, as wenn een de Bör- gers vun’n Oort graleern dröff. So is dat ok eenst den Börgermeester vun Grotenbrood ergahn. He harr de öllst Mitbörgersche to’n 95. Adebarsdag graleert un weer egens heel verbaast, wat krekel un fein toweeg de Fru in ehr hoget Öller noch jümmers weer. Bit Weggahn meen de Börgermeester denn noch heel försorglich: „Ich will hoffen, daß ich Ihnen zu Ihrem 100. Geburtstag auch wieder die Glückwünsche der Stadt Großenbrode überbringen kann!“ „Tja, Herr Börgermeester“, antert dor de ole Fru, „worüm denn egens nich? Se seht doch noch heel gesund ut!
Quelle: Heinrich Evers „Dat dröfft doch mal seggt warrn!“ (Balticum Verlagsgesellschaft und Werbeagentur GmbH) Illustration: Elke Grotelüschen
Im Januar war ich zum ersten Mal bei einem interkulturellen Kochabend der Körber-Stiftung dabei.
Gemeinsam gekocht wurde im KörberHaus. Ich hatte extra meine Schürze mitgenommen. Aber als ich ankam, wurde ich zunächst zu den anderen anwesenden Männern geschickt. Wir sollten uns zunächst einmal austauschen bei einer Tasse Tee.
Die Frauen fingen sofort an zu kochen. Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer*Innen kamen aus Afghanistan oder dem Iran. Später am Abend haben auch wir Männer mitgeholfen.
Fiete Beckmann, Kuddel Swömmer un Jo- chen Rüter speelt siet vele Johr’n Skat to- hoop. Blots in’n Christmaand bit Wiehnach- ten laat se dat utfallen. Dor hebbt se jo all noog annern Kraam in’n Sinn. Na Wiehnachten sitt de dree Mannslüüd nu weller dat eerstemal tosamen, un Fiete Beck- mann fangt an to vertell’n: „Ik heff mien Fru wat to Wiehnachten schenkt, dat geiht vun null op hunnert in acht Sekun- nen. Ik heff mien Gerda ’n witten Porsche köfft. Se hett doch strohblonne Hoor. Dat passt jo perfekt to ehr!“ „Dat is jo noch gor nix“, meen dor Kuddel, „ik heff mien Fru wat schenkt, dat geiht vun null op hunnert in fief Sekunnen!“ De annern beiden dor: „Na, dat kann jo denn blots noch ’n Ferrari west hebb’n!“ „Recht hebbt ji,“ meen dor Kuddel Swöm- mer, „dat smucke rode Coupe un se mit ehr pickenswartes Hoor dor binnen, dat passt doch allerbest to mien leve Fru!“ „Un wat hett dien Fru to Wiehnachten kre- gen?“ wendt sik de beiden Skatspeeler nu an Jochen Rüter. Dor meen Jochen: „lIk heff mien Fru wat schenkt, dat geiht vun null op hunnert in twee Sekunnen. Dat is aver keen Personenwagen, dat is ’n Personen-Waag!“
Quelle: Heinrich Evers „Dat dröfft doch mal seggt warrn!“ (Balticum Verlagsgesellschaft und Werbeagentur GmbH) Illustration: Elke Grotelüschen
Danke für diesen schönen Beitrag, liebe Elisabeth. Vielleicht gelingt uns Geschwistern beim Familientreffen auch so ein Haiku. Fröhliche Weihnachten!