Das KörberHaus ist schon auf dem ersten Blick zu sehen. Raffiniert angebrachte Kupferlamellen an der Fassade, viel Glas, dass Licht ins Innere des Hauses bringt. Sodass auch das Hamburger Schmuddelwetter die Besucher nicht davon abhalten soll, es zu besuchen. Besser noch, es für Alle zu erobern. Es spiegelt sich in der Bille. Doppelt hält eben besser.
Für die, die es noch nicht wissen: Es ist nur ein kurzer Weg vom Bahnhof hierher. So ca. 99 Schritte. Glaube ich. Ein Weg, ein „Bauweg“, der noch ein richtiger werden soll, von Pflanzen gesäumt wird, bald, bald. Direkt zum Haupteingang. Einige breite Stufen deuten es schon an. Es wird!
Wir betreten aber nun das Haus. Es gibt einen automatischen Türöffner. Aber entweder bin ich zu schwach, oder er ist doch häufiger defekt. Auch das wird sich bessern. Also, egal, ich bekomme die Tür auch mit Muskelkraft geöffnet.
Rechts duftet es nach Kaffee, Musik übertönt das Gemurmel der Gäste. Mich reizt heute das „Schmidtchen“ nicht. Im großen Vorraum mit vielen Pflanzen und Sitzmöglichkeiten, die Bücherhalle, geradeaus der Eingang zum Lichtwarktheater, noch geschlossen, weil zu früh.
Wir waren als geburtenstarker Jahrgang überall und stets viele. Mit 36 anderen Mädchen kam ich 1964 in die erste Klasse. Auf den Straßen und in den Hinterhöfen des Schanzenviertels im Herzen Hamburgs mangelte es nie an Spielkameraden. So lernten wir früh, dass Gemeinschaft auch Geborgenheit verhieß und im Teilen ungeahnte Möglichkeiten lagen.
Es war eine Zeit des Aufbruchs. Ich war ein Arbeiterkind im besten Sinne, der Vater immer fröhlich und aufgeschlossen für die neuen Dinge, die die 60er Jahre verhießen. Die Mutter ehrgeizig und stolz, aber auch enttäuscht vom eigenen engen Leben im Arbeitermilieu. Ihr würde ich es zu verdanken haben, dass meine Schulbildung auch in harten Jahren immer an erster Stelle stand.
Mit einem guten Abiturzeugnis in den Händen und einer begeisterten Mutter an meiner Seite, startete ich mein Lehramtsstudium an der Universität Hamburg. Wieder waren wir viele, die auf den Gängen und auf den Treppen der Universitätsgebäude den Vorlesungen folgten. Hier spürten wir zum ersten Mal, dass wir nun Konkurrent*innen waren, wir strebten alle, wie durch einen engen Flaschenhals, in den Schuldienst.
Mein Studium konnte ich erfolgreich beenden und so stand der Suche nach einer geeigneten Schule für das Referendariat nichts mehr im Wege. Ich hatte meine Chancen bekommen, ich hatte sie genutzt und ich würde meinen Weg natürlich fortsetzen. Ich war ja schließlich noch lange nicht am Ziel. Auf Hindernisse war ich ja gefasst, dass es sich derart schwierig gestalten würde, konnte ich nicht ahnen. Und das war auch gut so.
Der folgende Artikel ist eine Vorabveröffentlichung der Biografiegruppe Bergedorf aus dem Buch „45 Berufe geträumt, gelebt, verwirklicht. Berufsbiografien von Menschen aus Hamburg-Bergedorf“. Das Buch erscheint am 05. April 2024 und ist unter anderem in der Sachsentor Buchhandlung Jörg Johannsen erhältlich.
Tom Schmidt im Gespräch mit Jürgen Schmekal, * 1940, und seiner Frau Erika
Wolfsburg 1946. Jürgen Schmekal, sechs Jahre alt, machte sich gemeinsam mit seiner Mutter und den drei Geschwistern zurück auf den Weg in seine Heimatstadt Hamburg. Da die Familie 1943 in Hamburg ausgebombt wurde und keine Unterkunft fand, waren sie gezwungenermaßen zu Verwandten nach Wolfsburg gezogen. Ihren Mann hatte seine Mutter im Krieg verloren. Nun galt es, irgendwie einen Neuanfang zu schaffen. In Kirchwerder, in den Vier- und Marschlanden, erwartete sie und ihre Kinder eine karge und typische Flüchtlingsbaracke, die überall in Deutschland den Bewohnern nach dem Krieg lediglich ein Dach über dem Kopf bot. Nach drei langen Jahren hatte Familie Schmekal endlich die Möglichkeit, nach Bergedorf umzusiedeln. Jürgen besuchte mittlerweile die Grundschule, danach die Realschule, und vor dem erfolgreichen Abschluss stellte sich die Frage, wie es weitergehen sollte. Für seine Mutter stand primär der finanzielle Aspekt im Vordergrund, denn eins der Kinder musste jetzt langfristig zusätzlich zu ihrem Gehalt Geld verdienen. Da Jürgen aus einer traditionellen Handwerkerfamilie kam, die die letzten Generationen über als Tischler gearbeitet hatten, war der berufliche Weg eigentlich vorgezeichnet. Aufgrund einer Holzstauballergie aber kam diese Berufswahl nicht in Frage. Handwerklich begabt bewarb sich Jürgen jetzt bei der Hanseatischen Universelle, abgekürzt Hauni, für eine dreijährige Lehre als Maschinenschlosser. Das war eine der besten Adressen in Bergedorf für eine fundierte Ausbildung mit Übernahmegarantie, wenn ein guter Prüfungsabschluss vorlag.
Die Hauni war 1946 von Kurt A. Körber gegründet worden und hatte sich in kürzester Zeit zu einem der wichtigsten Arbeitgeber in Bergedorf entwickelt. Körber kam aus Dresden und hatte dort in der Dresdener Universelle als technischer Direktor und Erfinder gearbeitet. Als sich die Teilung Deutschlands nach dem Krieg abzeichnete, ging er mit seinen Patenten nach Westdeutschland, gründete in Bergedorf die Hauni und beschäftigte sich anfangs mit der Reparatur von Zigarettenmaschinen und der Produktion von Handtabakschneidern. Keiner der Mitarbeiter ahnte zu der Zeit, dass er hier in den alten Fabrikhallen im Weidenbaumsweg in einem zukünftigen Weltunternehmen arbeitete.
Mit großen Plänen, Hoffnungen und viel Elan sind wir gemeinsam mit dem Plan gestartet, in Bergedorf ein modernes zeitgemäßes Hospiz zu bauen. Mit dem Hospiz im Park wollten wir Jungen und Alten die Möglichkeit geben, ihr Leben bis zum Schluss selbstbestimmt zu leben. Wir haben die Planungen vorangetrieben und für die Finanzierung des Projektes geworben. Nun müssen wir leider mitteilen, dass wir als Infinitas Hospiz im Park gGmbH das Hospiz im Park in Bergedorf nicht weiterentwickeln können. Der plötzliche Tod des Stifters Hans-Michael Kay hat nicht nur seine Familie, sondern auch das Projekt hart getroffen. In wirtschaftlich sehr schwierigen Zeiten konnte die Finanzierung des Projektes trotz aller Bemühungen nicht aufgebracht werden. Da ein Vollzug des Kaufvertrages ohne die notwendigen Mittel nicht möglich war, wurde der Vertrag über den Grundstückskauf mit dem Grundstückseigentümer, der Körber-Stiftung, einvernehmlich aufgehoben.
Es kam natürlich plötzlich und unerwartet, dass ich im Februar 2023 aus meinem langjährigen Dienstverhältnis ausschied, um in den Ruhestand versetzt zu werden. Nichts und niemand kann einen darauf so richtig vorbereiten, auch wenn man sich emotional längst darauf eingestellt zu haben glaubt. Natürlich hatte ich viele Ideen und die besten Vorsätze für die beste Zeit danach. Und dennoch trat ich ins Leere, als ich meinen Arbeitsplatz ein letztes Mal verließ. Ich hatte nur die Hoffnung, eine neue Lebensaufgabe zu finden und den Optimismus, diese auch zu erkennen, wenn sie mir begegnete. So fühlte ich mich auch sogleich angesprochen, als ich einen Artikel im Billeblatt entdeckte, in dem Frau Pastorin Schmidt aus dem Kirchspiel Bergedorf Teilnehmer und Teilnehmerinnen für ihr Projekt suchte. Sie wollte sich in einer Gruppe der Frage „Beruf oder Berufung?“ widmen und aus einer größeren Anzahl von Berufsbiografien ein Buch erstellen. Hier war mir etwas begegnet, das ich unbedingt genauer in Augenschein nehmen wollte.
Nach einem persönlichen Gespräch mit Frau Pastorin Schmidt traf sich die neu gebildete Arbeitsgruppe bereits im Februar 2023 im historischen Hasse-Haus. Wir waren acht Ruheständler und Ruheständlerinnen mit unterschiedlich langer Erfahrung in diesem Lebensabschnitt, eine noch berufstätige Teilnehmerin und die Leiterin, die sich in der Schlussrunde ihres intensiven Lebens als Pastorin verortete. Lehrerinnen, Wissenschaftler, Manager und Managerinnen mit interessanten und vielfältigen Berufserfahrungen setzten sich fortan mit der Frage auseinander, ob der eigene Beruf eben nur ein solcher war, oder ob wir „berufen“ waren für unsere Tätigkeiten und Aufgaben. Nicht alle hatten sich bisher im religiös-spirituellen Sinne mit dieser Frage beschäftigt. Auch ich nicht. Und so begannen wir, jeder für sich oder gemeinsam, uns dieser Frage zu stellen. Die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Berufung“ setzte sehr unterschiedliche Empfindungen frei. Wir lernten uns selbst und auch die anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen nach jeder präsentierten Berufsbiografie besser kennen.
Nun wollten wir natürlich auch die berufliche Entwicklung anderer Menschen hören und verschriftlichen – wir planten schließlich, ein Buch zu schreiben. Frau Pastorin Schmidt, Seelsorgerin für Menschen der Generation 80 plus, bot uns eine Liste interessierter Gemeindemitglieder an, die wir besuchen und interviewen konnten. Nun begann die spannendste Phase unserer Arbeit. Wir hörten zu, ordneten ein und schrieben auf, was man uns anvertraute. Das war eine verantwortungsvolle Aufgabe, die für beide Seite emotionale Momente bereithielt. Der Dynamik dieser heterogenen Gruppe ist es nun zu verdanken, dass neben dieser Arbeit mit älteren Menschen auch die nachfolgenden Generationen eine Stimme erhielten – Boomer, Generation X, Millennials, Menschen mit Migrationshintergrund –, alles ist in unserem Buch vertreten. Mit dem Titel „Wozu bin ich berufen? 45 Berufe geträumt, gelebt, verwirklicht“ erscheint ein gutes Jahr nach unserem ersten gemeinsamen Treffen nun das Buch zu dieser Arbeit.
Für mich war die Arbeit an diesem Projekt ein wunderbarer Anlass, auch über diese Beschäftigung hinaus, nach kleineren oder größeren Herausforderungen zu suchen, sie zu erkennen und anzunehmen. Ich habe tolle Menschen kennengelernt und viele neue Erkenntnisse gewonnen.
Wir werden in den nächsten Tagen zwei Biografien aus dem Buch hier veröffentlichen.
Unsere Leser sind herzlich zur Buchvorstellung eingeladen:
Ich lebe seit nunmehr 35 Jahren in Kirchwerder und brauchte recht lange, bis ich die Landschaft und die Menschen, die hier leben, verstehen lernte. Die Vierlande besteht aus den vier Stadteilen Altengamme, Curslack, Kirchwerder und Neuengamme und gehört zum Bezirk Bergedorf. Bei einem Besuch des Bergedorfer Schlosses erfährt man viel über die Geschichte dieser einzigartigen Kulturlandschaft. Möchte man aber die einmalige Landschaft erspüren, sollte man sich mit dem Rad auf den Weg machen, die ursprünglich vier Flussinseln im Urstromtal der Elbe zu erkunden. Ein Fußmarsch von Elbstrand zu Elbstrand entlang des Deiches, durch Auenwälder im Naturschutzgebiet, ist fast mystisch und immer anders. Die Elbe gibt täglich Neues frei und nimmt im Wechsel von Ebbe und Flut Bestehendes mit sich fort.
Diesem Zauber können sich auch Künstler nur schwer entziehen, und so bieten die ständigen Veränderungen, verursacht durch die Gezeiten, das Licht und die Jahreszeiten, für Fotografen und Maler einzigartige Motive. Folgerichtig haben sich in den vergangenen Jahrzehnten viele Kunstschaffende hier angesiedelt. Wenn man viel Glück hat, finden vereinzelt Veranstaltungen in offenen Ateliers statt oder man kann Ausstellungen im Rieckhaus, im Bergedorfer Schloss, in der Riepenburger Mühle, im Kulturhaus Serrahn und an vielen anderen Orten besuchen.
Der Platz war gut zu finden: Ein Konzert mit Trillerpfeifen, Sirenengeheul, Klatschen, Trommeln, Reden und Rufen wies mir den Weg durch Hafencity und Speicherstadt. An die Tausend Mann und Frau hatten sich am 21. Februar bei St. Annen versammelt, um gegen den Verkauf von großen Anteilen der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) an die Mediterranean Shipping Company (MSC), die weltweit größte Reederei, zu demonstrieren.
Zahlreiche Vereine, Clubs, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Initiativen rufen zu Demonstrationen gegen Rechts auf, und 100-Tausende gehen in vielen Städten, bei jedem Wetter auf die Straße.
Auch der Fan-Club des FC St.Pauli, Ultra Sankt Pauli, ist dabei, er hatte zu Sonnabend, 3. Februar aufgerufen.
Im Januar war ich zum ersten Mal bei einem interkulturellen Kochabend der Körber-Stiftung dabei.
Gemeinsam gekocht wurde im KörberHaus. Ich hatte extra meine Schürze mitgenommen. Aber als ich ankam, wurde ich zunächst zu den anderen anwesenden Männern geschickt. Wir sollten uns zunächst einmal austauschen bei einer Tasse Tee.
Die Frauen fingen sofort an zu kochen. Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer*Innen kamen aus Afghanistan oder dem Iran. Später am Abend haben auch wir Männer mitgeholfen.
Ich war schon immer sehr gern in der Hamburger Theaterlandschaft unterwegs. Auch auf den kleinen Bühnen stoße ich auf herausragende Produktionen und großartige Regisseur*innen. Die Eröffnung des neuen Lichtwark-Theaters im KörberHaus habe ich mit Spannung erwartet – und ich wurde bislang auch nicht enttäuscht.
Dennoch zieht es mich immer wieder in die großen Säle des Schauspielhauses und des Thalia Theaters. Eine Freundin schwärmte so begeistert von dem Stück „Barocco“, dass ich sofort begann, mir entsprechendes Hintergrundwissen anzueignen. Dass man die europäische Stilepoche des 17. und 18. Jahrhunderts heute als Barock bezeichnet, war mir natürlich bekannt. Neu war mir allerdings, dass das Wort „barocco“ ursprünglich portugiesisch ist, aus dem dortigen Goldschmiedehandwerk stammt und übersetzt „unrunde, schiefrunde Perle“ heißt. Meine Neugier war geweckt. Zumal diese Perle auch als „eigenartig, wunderlich und ein bisschen verrückt“ galt.
Danke für diesen schönen Beitrag, liebe Elisabeth. Vielleicht gelingt uns Geschwistern beim Familientreffen auch so ein Haiku. Fröhliche Weihnachten!