Aus der Region

Babuschka entdeckt ihre Talente

Der lange Weg zum Erfolg

Beitrag: Sabine Ziesmer

Auszug aus: Wozu bin ich berufen? „45 Berufe geträumt, gelebt, verwirklicht“

Berufsbiografie von Sabine Ziesmer, Jahrgang 1957

Wir waren als geburtenstarker Jahrgang überall und stets viele. Mit 36 anderen Mädchen kam ich 1964 in die erste Klasse. Auf den Straßen und in den Hinterhöfen des Schanzenviertels im Herzen Hamburgs mangelte es nie an Spielkameraden. So lernten wir früh, dass Gemeinschaft auch Geborgenheit verhieß und im Teilen ungeahnte Möglichkeiten lagen.

Es war eine Zeit des Aufbruchs. Ich war ein Arbeiterkind im besten Sinne, der Vater immer fröhlich und aufgeschlossen für die neuen Dinge, die die 60er Jahre verhießen. Die Mutter ehrgeizig und stolz, aber auch enttäuscht vom eigenen engen Leben im Arbeitermilieu.  Ihr würde ich es zu verdanken haben, dass meine Schulbildung auch in harten Jahren immer an erster Stelle stand. 

Mit einem guten Abiturzeugnis in den Händen und einer begeisterten Mutter an meiner Seite, startete ich mein Lehramtsstudium an der Universität Hamburg. Wieder waren wir viele, die auf den Gängen und auf den Treppen der Universitätsgebäude den Vorlesungen folgten. Hier spürten wir zum ersten Mal, dass wir nun Konkurrent*innen waren, wir strebten alle, wie durch einen engen Flaschenhals, in den Schuldienst. 

Mein Studium konnte ich erfolgreich beenden und so stand der Suche nach einer geeigneten Schule für das Referendariat nichts mehr im Wege.  Ich hatte meine Chancen bekommen, ich hatte sie genutzt und ich würde meinen Weg natürlich fortsetzen. Ich war ja schließlich noch lange nicht am Ziel. Auf Hindernisse war ich ja gefasst, dass es sich derart schwierig gestalten würde, konnte ich nicht ahnen. Und das war auch gut so.

Wir Student*innen verteilten uns über die Schulen der Stadt und nahmen klaglos die Zuweisungen hin, die uns an die seltsamsten Orte verschlugen. Ich sollte nun an einer Hauptschule in Harburg meine Fähigkeiten unter Beweis stellen.

Babuschka – Im blauen Manta (Foto privat)

Allmorgendlich bestieg ich im ländlichen Moorfleet meinen blauen Opel Manta, der seine besten Zeiten längst hinter sich hatte, um dann in einer Nebenstraße, abseits der Schule, einen unauffälligen Parkplatz zu suchen. Ich konnte diesen tristen Stadtteil vom ersten Moment an gut leiden, denn es roch und schmeckte nach Ruß und Blei, nach Staub und Schweiß. Die einzelnen Bilder fügten sich zu einem Ganzen und warfen mich zurück in mein früheres Leben in der Schanze. Was sollte mir hier geschehen, hier kannte ich mich aus. Dass meine Schüler*innen türkisch und griechisch fluchten, machte kaum einen Unterschied. Es war schwer, diese Halbstarken zu motivieren, sie zu mögen fiel mir leicht.  Sie hatten längst mitbekommen, dass ich nach dem Unterricht zum blauen Manta in der Nebenstraße eilte, da hatten sie aber bereits die 163 Zentimeter große und 25 Jahre junge Referendarin irgendwie in ihr Herz geschlossen. Die baumlangen Kerle gaben sich große Mühe, mir Zuversicht und Selbstvertrauen zu geben. Wir waren irgendwie aus demselben Holz geschnitzt.  Ich wurde schon bald ihre „Babuschka“, abgeleitet von meinem ostpreußischen Nachnamen. Es klang warm und liebevoll, wenn sie sagten: „Babuschka, du machst das schon und auf uns ist Verlass.“

In meinem Unterricht flogen keine Stühle aus dem Fenster im dritten Stockwerk, wir konnten miteinander lachen und über Probleme sprechen. Ich hatte mein Talent für die Arbeit im  Brennpunkt entdeckt, für junge Menschen mit gebrochener Biografie.

Meine Prüfer ignorierten die fein gesponnenen Fäden zwischen mir und meinen Schüler*innen. Babuschka hielt zu wenig Distanz. Und so kam es, wie es kommen musste. Sie bescheinigten mir im Nebensatz ein Händchen für diese pubertären Lümmel aus männerdominierten Familien mit türkischen und griechischen Wurzeln, konnten meinen Erläuterungen zur Unterrichtsplanung aber nur bedingt folgen.

Die beiden anstrengenden Jahre endeten dann mit einer eher durchschnittlichen Benotung und der Überzeugung, dass die Schüle*Innen mir näher waren als die Didaktik.  Meine Lümmel verabschiedeten mich mit den Worten: „Babuschka, du kommst bestimmt bald wieder. Deine blaue Ruine in der Seitenstraße kannst du dann auf den Lehrerparkplatz fahren.“ Sie stimmten in ein lautes Gejohle ein und umarmten mich zum Abschied einer nach dem anderen. Es umgab mich eine Wolke von Testosteron in meinem peinlichen Opel Manta.

Auch mit dieser vernichtenden Durchschnittsnote wusste ich, dass Aufgeben keine Option sein würde. Ich hatte wohl ein Talent dafür, optimistisch in die Zukunft zu schauen.

Wie Recht meine Schüler mit ihrer Prophezeiung haben sollten, erfuhr ich von einem wenig ambitionierten Mitarbeiter des Arbeitsamtes, nachdem die Schulbehörde meine Bewerbung abgelehnt hatte. Er gewährte mir die Gnade einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in eben dieser gerade hinter mir gelassenen Schule in Harburg. Von nun an sollte ich Deutsch als Zweitsprache unterrichten. Babuschka war wieder an Bord, aber den Manta hatte ich dann doch lieber gegen einen verlässlichen Kleinwagen getauscht. Die Lümmel sah ich auch nur noch selten, sie wurden auf das deutsche Berufsleben losgelassen. Hoffentlich sind sie alle gut durchgekommen.

Immerhin hatte ich die Freude am Unterrichten nicht verloren. So konnte ich meine Enttäuschung über eine erneute Ablehnung durch die Schulbehörde auch nicht mehr verbergen.  Das Entsetzen über diese unvermutete berufliche Entwicklung fraß sich tief in meine Erinnerungen, so dass ich noch heute nur einen verschwommenen und lückenhaften Blick auf diese Zeit werfen kann. Selbst Babuschka verlor an Kontur und die Freude am Talent wich dem nagenden Gefühl, nicht zu genügen.

Der nächste Mitarbeiter des Arbeitsamtes warf mir einen zweiten Rettungsring zu, indem er mir eine weitere Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gewährte. Ich musste einen wirklich verzweifelten, aber auch überzeugten Eindruck gemacht haben. Nein, eine Umschulung kam nicht infrage. Ich hatte einen Beruf. Woher ich den Mut nahm, an eine Festanstellung in den Schuldienst zu glauben, wusste ich damals nicht und weiß es auch heute noch nicht. Es war wohl mein Talent, mich einzurichten, egal wie widrig die Umstände waren. 

So arbeitete ich zwei Jahre für die Hamburger Schullandheime und erstellte Konzepte, die zum Gelingen von Klassenfahrten beitragen sollten. Auch hier tat ich mein Bestes. Der Mutlosigkeit gab ich fortan keine Chance, Erinnerungslücken in meine Biografie zu nagen. Es war eine gute Zeit. Ich hatte Talent für die zweite Reihe.

Eine dritte Arbeitsbeschaffung wollte mir auch der verständnisvollste Mitarbeiter des Arbeitsamtes nicht gewähren. So bewarb ich mich, in der festen Überzeugung, nun für alle möglichen Tätigkeiten geeignet zu sein, bei einer japanischen Firma. Ich erledigte die Korrespondenz der japanischen Chefs, übersetzte Gebrauchsanleitungen vom Englischen ins Deutsche und hoffe noch heute, dass bei der Nutzung der Geräte niemand zu Schaden gekommen ist. Eine von mir erarbeitete Hochglanzbroschüre krönte meinen Ausflug in eine berufliche Wirklichkeit, die ich nur mit einer gewissen Hochstapelei bewältigen konnte. Und wieder hatte ich ein Talent entdeckt.

Ich folgte dem Rat meiner Freundin und bewarb mich nun auch in Schleswig-Holstein. Sofort erhielt ich einen befristeten Vertrag an einer Grundschule. Man könnte glauben, dass die Zeit meiner prekären Arbeitsverhältnisse nun ein glückliches Ende gefunden hatte, aber es sollte noch einige Fristverträge dauern, bis ich einen unbefristeten Vertrag bekam. Ich entdeckte mein Talent für die Arbeit mit Kindern unter 10 Jahren und aus Babuschka wurde „Kücki“, von meinem späteren Nachnamen abgeleitet. Das lange Warten hatte sich gelohnt.


Buchvorstellung am 5. April 2024, 16 Uhr
Gnadenkirche Lohbrügge,
Schulenburgsring 168

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