Aus der Region, Humorvolles

Papa, was ist das?

Beitrag: Tom Schmidt

Ein normaler Sommertag in Bergedorf, das Thermometer zeigte wieder einmal 30 Grad und vor der Eisdiele „Eisige Liebe“ im Sachsentor steppte der Bär. Die lange Schlange motivierte mich eigentlich nicht, sich da einzureihen. Aber die zufriedenen Gesichter der Menschen und die Möglichkeit, gleich eine Kugel Stracciatella und Vanille in der Hand zu halten, ließen mich umdrehen, um mich am Ende der Schlange anzustellen.

Endlich wieder draußen hörte ich neben mir einen kleinen Jungen mit einem Eis in der Hand seinen Vater fragen: „Papa, was ist das“ und zeigte mit seinem bereits leicht tropfenden Eis auf die gegenüber der Eisdiele stehende, mit unzähligen Stickern auf der Rückseite versehene Telefonsäule der Telekom. „Das ist ein Telefon, mit dem konnte man früher telefonieren, zum Beispiel zu Hause bei uns anrufen“, war die Antwort. In der Hoffnung, das Thema sei erledigt, widmete er sich wieder entspannt seinem Eis. „Aber wenn du Mama anrufst, nimmst du doch dein Handy.“ Der Vater merkte, seine Antwort hatte den Wissensdurst seines Sohnes noch nicht gestillt. „Früher gab es noch keine Handys, da hatte man einen Telefonapparat zuhause und konnte damit telefonieren. Und wenn man unterwegs war, wie wir beide heute, konnte man Mama zuhause von solch einer Telefonsäule anrufen und ihr erzählen, dass wir gerade Eis essen.“

Es dauerte eine Weile, bis der Sohn das Gespräch fortsetzte, während das Eis in seiner Hand einem tropfenden Wasserhahn glich. „Wo hat man denn da reingesprochen“? Der Vater guckte, ging um die Telefonsäule herum, fasste auf der Rückseite einen losen runterhängenden, ehemals silberfarbenen Schlauch mit dem undefinierbaren Rest des Telefonhörers an und zeigte ihm seinen Sohn. „Hier war ein Telefonhörer angebracht, in den man sprechen und mit dem man auch hören konnte“. Als der Vater den Satz ausgesprochen hatte hoffte er, glaube ich jedenfalls, das Gespräch beenden zu können. Die Neugierde des Sohnes ließ merkbar nach, denn das Eis war alle bzw. weggeschmolzen und sein Sohn knapperte jetzt lustlos an der Waffel. Eigentlich brauchte sein Sohn auch keine weiteren technischen Erklärungen für eine nicht funktionierende und noch nicht abgebaute Telefonsäule der Telekom, sondern ein Taschentuch für seine klebrigen Hände und schmutzigen Mund. Gut, dass die Mama das nicht sieht, dachte ich mir. „Aber wenn ich telefonieren möchte, wie soll ich da oben an den Schlauch ankommen“? Der Vater stand jetzt mit einem Papiertaschentuch in der Hand vor seinem Sohn und hatte spürbar die Nase voll von der Fragerei. Wahrscheinlich fragte er sich, wie er am besten jetzt aus dieser leidigen Nummer rauskommt. Ich hingegen war fasziniert von dem Kleinen, der verständlicherweise nicht verstand, wie man mit so einem nichtssagenden Metallteil telefonieren konnte, während um ihn herum diverse Leute mit ihrem Handy telefonierten. 

Ob das Gespräch fortgeführt wurde, weiß ich nicht, da meine Frau bestimmt seit 10 Minuten am anderen Ende des Sachsentors auf mich wartete und somit verließ ich Vater und Sohn bei ihrem Fachgespräch über eine marode Telefonsäule in Bergedorf.

Wenn ich ehrlich bin, ist mir dieses Relikt aus einer anderen Zeit im Sachsentor noch nie bewusst aufgefallen. Auf Nachfrage bei der Telekom baut man die letzten Telefonsäulen sukzessive in Deutschland ab, gelbe oder pinkfarbene Telefonzellen gibt es seit Jahren nicht mehr.  Wobei die klassischen Telefonzellen in meiner Jugendzeit schon etwas tolles waren: Zum ungestörten Telefongespräch für 20 Pfennig mit einer neuen Freundin, bis ungehaltene Menschen nervös an die Scheibe klopften. Oder als Schlafplatz, von mir vor Jahrzehnten während einer Interrailreise gezwungenermaßen in Amsterdam getestet, was aber definitiv nicht empfehlenswert war. Schön, so etwas erlebt zu haben und nicht nur mit einem Handy auf die Welt gekommen zu sein.

Fotos: Tom Schmidt, Boy with icecream (Freepik / Magnific)

Ein Gedanke zu „Papa, was ist das?“

  1. Herrlich! Auch ich habe diese ramponierte Säule noch nicht gesehen und war mir auch nicht darüber im klaren, wie völlig unverständlich unsere Lebenswelten auch in diesem Bereich unseren Enkelkindern sind.

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