Dieses und Jenes

Hast du auch Bildschirmzeit, Oma?

Beitrag: Sabine Ziesmer

Egal welches Alter, wir nutzen fast alle die mobilen Endgeräte wie Smartphones, Tablets, Laptops und Smartwatches. Wenn ich mein Smartphone einmal vergessen habe, verspüre ich recht schnell eine leichte Unruhe. Das Kopfkino setzt ein. und ich durchlebe verschiedenste widrige Situationen. Was ist, wenn ich mit meinem Auto liegen bleibe, ich mich verfahren habe oder einer meiner Lieben nach mir ruft? Habe ich mir diese Gedanken auch gemacht, als ich keines dieser Geräte besaß? Natürlich nicht. Ich bin sehr kommunikativ, also habe ich um Hilfe gebeten oder nach dem Weg gefragt. Die Probleme meiner Freunde ließen sich auch am Abend regeln, und der Puls war nicht ständig erhöht.

Als meine Freundin ihren Enkel einhütete, sah sie immer mal wieder auf ihre Smartwatch, welche eingehende Whatsapp das Hervorholen ihres Smartphones erforderte. Das clevere Kerlchen bemerkte das sehr schnell und stellte die berechtigte Frage: „Hast du auch Bildschirmzeit, Oma?“ In seiner Familie gab es feste Regeln für die Nutzung mobiler Endgeräte. Meine Freundin lachte laut auf. So selten wie sie das Smartphone benutze, bräuchte sie keine Begrenzung.

Das Thema ließ uns aber auch nicht los, als wir den Enkel wohlbehalten zu Hause abgeliefert hatten. Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren sind laut aktueller Erhebungen fast vier Stunden täglich allein am Smartphone. Bereits 76% der 10-jährigen besitzen ein Smartphone. Rempelt mich auf dem Gehweg jemand an, hält er meist dies Lieblingsstück in Händen. Rechnet man alle internetbasierten Geräte inklusive des Fernsehers zusammen, liegt für Erwachsene in Deutschland die Online-Zeit bei mehr als 5 bis 10 Stunden täglich.

„Niemals“, ruft meine Freundin, „trifft das auf mich zu!“ Also haben wir mal alles zusammengerechnet. Wie war das letzten Sonntag? Um 8.30 habe ich meine Mails gecheckt, die WetterApp konsultiert (hätte auch ein Blick aus dem Fenster genügt), gleich mal geschaut, ob Kerstin auf Teneriffa im Regen sitzt, meiner Tochter ein Herzchen gesendet und in meinem Kalender die Woche überflogen. Summa summarum waren das 15 Minuten.

Während des analogen Lesens einer Zeitung habe ich bestimmte Begriffe im Internet gesucht, Sprachblüten in die Notizen übertragen, diversen Freunden ein schönes Wochenende gewünscht und schnell mal recherchiert, wie alt Iris Berben ist. Das waren wieder 30 Minuten Online-Zeit.

Mein Mann hatte Lust auf eine Gazpacho, also musste ich das Rezept zuerst googeln und während der Zubereitung immer mal wieder aufs Tablet schauen. Das zahlte mit 30 Minuten auf mein Zeitkonto ein. Am Nachmittag habe ich für den Blog einen Artikel verfasst und 120 Minuten vor dem Laptop gehockt. Zur Entspannung gönnte ich mir am Abend zu einem Gläschen Wein auch die Tagesschau und den „Tatort“. Man muss den Tag auch mal entspannt ausklingen lassen. Wieder konnte ich 120 Minuten auf mein Zeitkonto überweisen.

Um 22.30 Uhr übermittelte ich meiner Freundin per WhatsApp meine Aufrechnung. Ich hatte heute 315 Minuten, also 5 Stunden und 25 Minuten an internetbasierten Geräten verbracht. Das Nachrechnen mit meinem Smartphone-Rechner hätte mein Ergebnis nicht verbessert, ebenso wenig wie ein Lamento in der WhatsApp für meine Freundin. Also schickte ich ruckzuck die nackten Tatsachen. „Sag deinem Enkel, dass die andere Oma heute über 5 Stunden Bildschirmzeit hatte.“

Sie behielt ihr Ergebnis vorsorglich für sich. „Ich muss dem Kind ein gutes Vorbild sein.“ Ich bin mit meinem Experiment in die Untiefen meiner Lebenszeit eingetaucht. Bevor ich mit der Jugend hadere, überdenke ich zuerst einmal meinen Sonntag. Viel Spaß beim Nachmachen.

Foto: privat

Kommentar verfassen