Kiffen statt Knutschen

Das Gruenspan 1985…
Bildergeschichten: In meiner Fotothek finde ich Bilder vom Gruenspan. Dazu fällt mir ein:
1968: Auf dem Kiez rund um die Reeperbahn gab es einen neuen Tanzschuppen: den Grünspan. (Wir sagten wirklich der Grünspan.) Ich war dabei. (Dabei denke ich immer, es war früher als ´68.) Das Gruenspan (heutige Schreibweise) soll laut Wikipedia ein Ziel von Hippie- und Beattypen, Studenten, Kunstjüngern, verlassenen Ehemännern, jungen Intellektuellen und der ganzen Boheme von nah und fern gewesen sein. Meine Freundin und ich hatten einen handfesten Bezugspunkt: Wir kannten einen Kellner. Und neugierig auf diesen Schuppen waren wir natürlich auch.
Anders als im Top Ten oder im Star Club, wo verschiedene Bands live spielen, gibt es hier Musik vom Plattenteller, ein Discjockey legt auf. Es dröhnt in jeden Winkel hinein. In einer Art Käfig auf einem Podest, über den Köpfen der Menge bewegt sich eine perfekte Tänzerin zu Klängen des Progressiv Rock, ein Musikstil der späten 60er mit Elementen aus Klassik, Jazz, Weltmusik und Folk. Den Raum, einen Tanzsalon von 1889, kann man nur erahnen, es ist dunkel. Lichtblitze aus einem Stroboskop machen die Tanzenden zu Hampelmännern mit ruckartigen Bewegungen. Weil diese Blitzerei messchugge macht, gibt es immer wieder Pausen. Dann ziehen bewegte Bilder über das Gewölbe des riesigen, schuhkastenförmigen Raumes: Ein Projektor wirft ein sich ständig auf einer Folie bewegendes Gemisch aus Öl und Farbe nach oben. Waren die Augen der im Blitzlicht zuckenden Tänzer*innen zu oder blickten ins Leere, so richten sich jetzt die Gesichter nach oben, um die psychedelische Musikvisualisierung auf sich wirken zu lassen. Diese und die Wirkung des Stroboskops nehmen so in Anspruch, dass eine schlichte Unterhaltung oder gar Knutschen wie im Top Ten nicht mehr möglich sind.
Ähnliche Bilder wie unten muss man sich in ständig bewegter Veränderung vorstellen.



Es soll auch gekifft worden sein, ich erinnere mich an die Schatten nicht tanzender Gestalten. Aber wir hatten damit keine Erfahrung und konnten darum auch nichts riechen. Wir brachten unserm Freund, dem Kellner, nach einem Wandertag, den wir mit Ab-Zittern im Blitzgewitter des Grünspan krönen wollten, einen Wildblumenstrauß mit. Den konnte er in der Dunkelheit zwar kaum erkennen, aber dieser Mann vom Kiez freute sich sehr, dass die braven Mädels an ihn gedacht hatten.

Heute ist das Grünspan so in die Jahre gekommen, dass es total renoviert werden muss. Es soll erhalten bleiben, denn nicht zuletzt wegen der Kunstwerke der POP Maler Werner Nöfer und Dieter Glasmacher an der großen Außenwand und über dem Eingang steht es unter Denkmalschutz. Und sogar Kultur- und Finanzsenator freuen sich, dass ein Ausweichraum an der Lagerstraße im Karolinenviertel gefunden wurde. Es geht also weiter mit einem „Programm, das vielschichtig ist und immer am Zahn der Zeit“ , so eine Eigenwerbung des Gruenspan. Psychedelic-Kram gibt es schon lange nicht mehr, dafür aber ausgesuchte Live-Musik.


Und warum dieser Name? Dazu Wikipedia: „Der Name „Grünspan“ spielt nicht nur auf die für Hamburg typischen, mit der Zeit sich grünlich verfärbenden Kupferdächer an, sondern ist zugleich als Reverenz an Herschel Grynszpan gedacht, den polnischen Widerstandskämpfer jüdischen Glaubens.“ Ja, so war 68 auch schon.
Text und Fotos oben und unten: Elisabeth Hartmann, Mitte Pixabay
Toller Beitrag. Nach meiner Einschätzung war das Grünspan damals eine frühe Version vom jetzigen Berghain in Berlin.
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