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„Grabe wo du stehst“

Beitrag: Sabine Ziesmer

Nach längerer Pause bot sich mir wieder die Möglichkeit, einen interessanten Vortrag im KörberHaus zu besuchen. Der Sozialphilosoph und Kulturhistoriker Roman Krznaric konfrontierte seine Zuschauer mit der Frage, welche unerwarteten Anregungen wir aus der Geschichte der letzten tausend Jahre ziehen können, um einige der größten Herausforderungen unserer Zeit anzugehen. Der Saal war bis auf den letzten Platz belegt. Der Vortrag mit dem Titel “Die Geschichte als radikale Hoffnung“ sollte in englischer Sprache gehalten werden, und ich freute mich über den Übersetzungskopfhörer. Das Publikum war im Durchschnitt deutlich unter 30 Jahre alt, da diese Veranstaltung in den Rahmen eines EU-Festivals eingebunden war.

Anhand von Beispielen aus aller Welt argumentierte Roman Krznaric, dass die Vergangenheit eine Quelle für unsere zukunftsorientierten Handlungen sein kann. Wir sind nicht nur in der Lage, aus der Vergangenheit zu lernen, wir können, darauf aufbauend, Demokratie ganz neu denken, den Toleranzbegriff erweitern und soziale Bewegungen stärken. Menschliche Zivilisationen haben uns bereits vorgelebt, wie sie wichtige Herausforderungen des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens lösen konnten. Dieses Potential der Geschichte nicht zu nutzen ist fahrlässig und gefährlich in Hinblick auf die Gestaltung unserer Zukunft.

Roman Krznaric nimmt sein Publikum mit auf eine inspirierende Reise in die Vergangenheit. Ihm geht es neben dem Geschichtsverständnis auch immer um Gespräche innerhalb der unterschiedlichen sozialen und politischen Gruppen. Er berichtet von seinem Projekt „Empathie-Museum“, das er in London ins Leben gerufen hat. Wer in Schuhe von Menschen einer vergangenen Epoche schlüpft und gleichzeitig viel über diese Leben erfährt, nimmt anders Anteil am Schicksal dieses Menschen. Die Initiative „Deutschland spricht“, 2017 von ZEIT ONLINE initiiert, bringt Menschen mit gegensätzlichen Ansichten in Vier-Augen-Gesprächen zusammen, die aus einer Art Speisekarte ein gemeinsames Thema auswählen können. Auch hier ist die Betrachtung der Vergangenheit Teil der Themenauswahl. Um unsere Empathie-Muskeln zu trainieren reicht es schon, ein Gespräch wöchentlich mit einem Unbekannten zu führen.

Wer seine Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verdammt, Fehler zu wiederholen. Wir müssen immer wieder in den Rückspiegel schauen, um nicht vom Weg abzukommen. Wenn man einen tiefen Blick in die Geschichte wagt, findet man den „Rat der Fünfhundert“. In der Antike wurden 500 männliche Vollbürger ab 30 Jahren per Los bestimmt, für ein Jahr politische Entscheidungen vorzubereiten. Es galt als demokratisch und gerecht, auch wenn es noch keine freien Wahlen gab. Die Stadt Aachen hat diesen Blick in den Rückspiegel genutzt, um ein politisches Gremium, für das die Mitglieder tatsächlich per Zufallsverfahren ausgewählt werden, als politische Einrichtung ins Leben zu rufen, natürlich unter Beteiligung der weiblichen Bevölkerung. Das kann man auch aus der Geschichte lernen. Was gab es schon? Welche Lösungswege eröffnen sich? Hoffnung ist das Fundament des Lebens, wie radikal sie auch immer sein mag. Roman Krznaric steht vor großen historischen Bildern, die Aufbruch und Innovation zeigen und sagt: “Rückwärts in die Zukunft laufen, mit Blick auf die Vergangenheit.“

Wir sollten alle neugierig auf die Vergangenheit sein. In unsere Familien schauen, Familiengeschichten ausgraben und Experten unserer eigenen Geschichte werden. Dafür müssen wir „Graben wo wir stehen.“ Es ist der Titel eines Buches von Sven Lindqvist, das Roman Krznaric oft erwähnt. Unsere Generation braucht schon schweres Gerät, um dort zu graben, wo das große Schweigen herrscht. Was graben unsere Nachkommen aus? Waren wir „Der gute Vorfahr?“. Haben wir uns für Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Frieden und Toleranz eingesetzt oder einfach aufgegeben. Eine Frage, die aktueller nicht sein kann.

Fotos: Sabine Ziesmeer

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