Aus der Region, Damals war's

Bergedorf vor 50 Jahren

Der Lindwurm

Beitrag: Jürgen Sakuth

Am Röpraredder in Lohbrügge-Nord steht ein 400 Meter langer, neungeschossiger Bau: „Der Lindwurm“. Dem sagenhaften Urtier vergleichbar, schlängelt er sich zwischen Sträuchern und Bäumen hindurch. Jetzt liegt er da in seiner Länge und Mächtigkeit. Eine gewisse Eleganz ist dem Bau nicht abzusprechen. Aber mit ihm und den Bauten ringsum verändert sich auch Bergedorf.

„Das Städtchen “ hieß es in früheren Zeiten ganz offiziell. Schon lange fühlt es sich als großstädtische Trabantenstadt, seit Durchbruchstraßen gebaut und Häuser abgerissen wurden. Jetzt erst recht, nachdem das große „City Center“ betonbeherrschend Bahnhof und Post flankiert. Es ist gar nicht so lange her, dass Bergedorf noch seinen kleinstädtischen Charakter hatte. Das Bergedorf, das der Krieg verschonte. Jetzt blieb ihm nur ein Platz von besonderer Schönheit, wenn auch in der Unruhe modernen Verkehrs. Ein Platz ohne sterile Langeweile, voll lebendigen Erzählens aus Jahrhunderten. Da steht die alte Kirche mit dem Hassehaus und seinem runden Turm. Da verbirgt sich das Schloss hinter Wall und Graben, hinter Büschen und Bäumen.

Das historische Gasthaus „Stadt Hamburg“, Ausspann in alten Zeiten und Herberge einst für illustre Gäste, ist heute als Gaststätte mit ihren geschmackvollen, gemütlichen Räumen Treffpunkt zum Gespräch und Feste feiern.

Die alte Kornwassermühle ist zu neuer Verwendung wieder aufgebaut. Wenige Schritte weiter, dem Bille-Becken gegenüber liegt die kleine idyllische Konditorei, „Café Möller“ ein beschaulicher Beobachtungsplatz.

„Drüben“- auf der anderen Seite“- das war nicht Bergedorf, auch nicht mehr Hamburg, das war Preußen.

Jenseits der Bahn, auf der anderen Seite – durch Bahnschranken oft genug auch sichtbar getrennt – lag das noch im vorigen Jahrhundert dänische, später preußische Dorf Sande. Vom alten Sande wissen die Bewohner des heutigen Lohbrügge mit seinen großstädtischen Stadtteilen kaum noch etwas. Wer sollte es auch noch wissen, dass die gottesdienstliche Gemeinde in einem Gasthaus mit dem vielsagenden Namen „Schwarzer Walfisch“ zusammen kam. Es gab die Erlöserkirche noch nicht.

Der Lindwurm

Ob der Lindwurm einmal zur Ruhe kommt? Ob die große Stadt endlich aufhört, sich näher an Hofe, Acker und Wiesen heranzuschieben und in die Kulturen von Obst, Gemüse und Blumen hineinzufressen?

Hinter Deichen und zwischen den Seitenarmen der Elbe liegt eine gefährdete Landschaft. Noch im Jahre 1958 konnte Professor Dr. Günther Grundmann, einst verdienstvoller Denkmalpfleger Hamburgs, zu Hans Försters Buch „Malerische Marschen in Wort und Bild“ schreiben: „Gewiss hat sich in dem ländlichsten und geschlossensten aller Vorstadträume der wachsenden Millionenstadt bisher am wenigsten verändert:“ Bisher! Bisher ? Eine bedrohende Frage steckt für die Vier – und Marschlande hinter diesem behutsam gebrauchten Wort.

Wann macht der Lindwurm „Großstadt“ halt? – Nun: Die alte Sage erzählt von jenem Drachen, der das Land verwüstete, Menschen und Vieh verschlang. Die Antike allerdings kennt auch den Drachen, der einen Schatz hütet. Schatze sollten auch heute gehütet werden.

„Das Städtchen Bergedorf“ – zur „Trabantenstadt“ geworden – mit den Stadtteilen Lohbrügge, Bergedort West und der Siedlung Nettelnburg, dazu die Vier- und Marschlande sind unwiederbringliche Schätze der Freien und Hansestadt Hamburg.

Bergedorfer Hafen

Quelle: Hudemann / Daur: Bergedorf Vier- und Marschlande, Christians Verlag 1974

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