Veranstaltungen

Rechte Gewalt – „Nie wieder ist jetzt“

Ausstellung im Bezirksamt KörberHaus

Beitrag: Sabine Ziesmer

Im November gedenken wir Bergedorferinnen und Bergedorfer wieder gemeinsam der Opfer des Nationalsozialismus. Bereits vor einem Jahr habe ich einen Beitrag über das Gedenken und die Frage nach den Menschen, derer wir gedenken, in den Blog gestellt. Diese Frage treibt mich immer noch um. Durch den Besuch der Ausstellung „Rechte Gewalt in Hamburg von 1945 bis heute“ im KörberHaus wurde mein Fokus auf das gelenkt, was rechte Gewalt ausmachte und immer noch ausmacht. Rechtsextreme Überzeugungen, die Relativierung des Holocausts und antisemitische Positionen werden häufiger offen geäußert. Menschen mit Migrationsgeschichte erleben in ihrem Alltag viele Vorurteile und Ausgrenzungen, zunehmend auch Gewalt. In Bergedorf und dem „Drumrum“, wie es die „OMAS GEGEN RECHTS“ so treffend umschreiben, ist es ebenfalls Teil unseres gesellschaftlichen Diskurses geworden. Wahrscheinlich war es aber auch nie ganz weg, dieses verbindende Gefühl, rechte Weltanschauung zu vertreten.

Als ich am Montag zur Eröffnung der Ausstellung kam, war ich über den Ansturm zunächst erstaunt, dann aber vor allem begeistert, dass ein so großes Interesse bestand. Neben den vielen älteren Menschen konnte ich auch Jugendliche ausmachen, die in Gruppen beieinander standen und interessiert den Vorträgen der verschiedenen Unterstützer lauschten. Die „OMAS GEGEN RECHTS“ legten eine beeindruckende musikalische Performance hin, die die Kraft des Wortes und einer eindeutigen Haltung schwungvoll begleitete. In drei Räumen erfahren Besucher und Besucherinnen in Bild und Text schockierende Berichte über Menschen, die in Hamburg Opfer rechter Gewalt wurden. Schulklassen haben sich bereits für den Besuch der Ausstellung angemeldet. Engagierte Lehrerinnen und Lehrer können aus dem großen Angebot entsprechende Teilbereiche auswählen.

Im Rahmen der Wochen des Gedenkens werden aber auch Rundgänge angeboten, zum Beispiel auf dem Friedhof oder entlang der Stolpersteine, Konzerte gegeben, Filme gezeigt und Gottesdienste abgehalten. Im Mittelpunkt steht immer das Leitmotiv „Nie wieder ist jetzt“. Alle Angebote dienen dem Innehalten und Gedenken und helfen beim Erkennen und Benennen von Hetze und Lüge. Der „bedauerliche Einzelfall“ ist zum Alltag vieler Menschen geworden, die sich vermeintlich von der Masse unterscheiden. Die Gleichwertigkeit aller Menschen ist nicht nur wesentlicher Bestandteil unserer Verfassung, es muss auch ein erklärtes Ziel von uns allen sein, Verantwortung zu übernehmen und eigenes alltägliches Handeln immer wieder zu überprüfen. Das ist eine große Aufgabe, der sich die Initiatoren der Wochen des Gedenkens gestellt haben.

Als ich gegen 19.00 Uhr die Treppen zum Eingangsbereich des KörberHauses hinabstieg, konnte ich auf allen Ebenen junge Leute unterschiedlichster Herkunft und Sprache beobachten, die in Kleingruppen am Tablet oder mit Schulbüchern in die unterschiedlichsten Themen vertieft waren. Immer wenn ich hier sein kann, fallen mir diese fröhlich lernenden Jugendlichen auf. Das KörberHaus bietet ihnen einen Ort, an dem sie lernen, diskutieren, lachen und zusammenkommen dürfen. Das ist gelebtes Miteinander, Akzeptanz auf Augenhöhe und ein Stück Heimat. Diese Momente lassen mich hoffen.

Fotos aus dem Katalog zur Ausstellung „Rechte Gewalt in Hamburg: von 1945 bis heute“, KZ Gedenkstätte Neuengamme.

Festliches, Veranstaltungen

Erntedank

Beitrag: Sabine Ziesmer

Danke für die Gaben

„Was der Mensch sät, das wird er ernten“, so steht es bereits in der Bibel. Wir schenken der Arbeit von Bauern und Bäuerinnen nicht mehr die Beachtung, die sie früher einmal fand und die ihnen angesichts ihrer Bedeutung auch zusteht. Die Erzeugung unserer Grundnahrungsmittel ist in unserer Gesellschaft ein großes Mysterium. Wir kaufen unsere Lebensmittel in üppig gefüllten, hell ausgeleuchteten Supermärkten. Dass der Apfel aus Südafrika kommt, wenn bei uns die ersten Blüten an den Bäumen sichtbar werden, fällt uns bisweilen gar nicht auf. Erdbeeren im Dezember sind so normal wie Kartoffeln aus Ägypten. Aber auch hier hat der Mensch gesät und die Ernte eingebracht. Es stünde uns gut zu Gesicht, wenn wir darauf mit Dankbarkeit blickten.

Aus dieser Perspektive schaut man ganz anders auf das Erntedankfest, das bereits in der Antike gefeiert wurde. Es dient nicht nur der Freude, mit anderen Menschen die Fülle des Lebens zu bestaunen, es ist auch ein Innehalten in unserer schnellen und unübersichtlichen Welt.

Der große Festumzug, der an jedem ersten Sonntag im Oktober in Kirchwerder stattfindet und zu den bedeutendsten Ernteumzügen deutschlandweit zählt, bietet dazu Anlass. Seit annähernd 50 Jahren engagiert sich die bäuerliche Gemeinschaft aus den Vier- und Marschlanden, unterstützt von Vereinen, Handwerksbetrieben und verschiedensten Gruppen, für dieses Fest. 30 herbstlich geschmückte Wagen und noch einmal so viele Spielmannszüge, Pferdegespanne, Trachtengruppen, Sportvereine und Kindertagesstätten ziehen vorbei an mehreren zehntausend begeisterten Zuschauern und Zuschauerinnen Richtung Zollenspieker.  Ein Fest für die Sinne, angesichts der Farbenpracht, für die Kinder, deren Beutel sich mit bunten Bonbons füllen und für alle Beteiligten aus dieser Region. Sie fühlen sich in ihrer Arbeit gesehen und geschätzt. Ich mag die großen Erntekronen sehr, deren vier Streben für Hoffnung, Glaube, Dank und Fürsorge stehen. Darauf sollte man sich nicht nur zum Erntedankfest besinnen.

Am Zollenspieker findet ein kleiner Landmarkt statt, auf dessen Bühne neben den Ernteköniginnen auch der Hamburger Bürgermeister lobende Worte für das gelungene Fest findet und Musik und Kuchen von den Landfrauen für eine fröhliche Atmosphäre sorgen. Am Deich stehen die geschmückten Fahrzeuge, Menschen lachen miteinander, Kinder tauschen ihre Naschereien, die sie entlang des Umzuges einsammeln konnten und die Sonne taucht alles in herbstliches Licht.

Danke für diese Fülle an Fröhlichkeit und Vielfalt.

Fotos: Sabine Ziesmer

Freizeit & Reise

Hamburg Großneumarkt

Wo die Currywurst erfunden wurde

Beitrag: Elisabeth Hartmann

Hier am Großneumarkt wurde zwar die Currywurst erfunden, aber ich essen einen Schokoladenbecher! Während ich Eis und Sahne auf der Zunge zergehen lasse, schweift mein Blick vom Tischchen der Eisbude Porto Lucia, ein ehemaliges Klohäuschen im expressionistischen Stil, in die Runde. „Das Herz der Neustadt”, so nennen die Anwohner ihren Platz. Das Herz des Platzes ist für mich der Kandelaber aus Wilhelminischer Zeit mit einer Steinbank rundum. Da sitzt fast immer jemand, mal eine mit Buch, mal einer mit Bierflasche, mal eine ganze Familie mit Schleckeis.

Die hohen Linden spenden zur Mittagszeit lichten Schatten. Das ist gut, denn so können die Leute aus den umliegenden Büros, die an sommerlichen Markttagen wie Stare in die Imbissbuden einfallen, ihre Pause bei gedämpfter Hitze verbringen. Aber engagierte Anwohner sorgen sich: Hitze, Dürre, Versiegelung und Wurzelverletzungen bei Baumaßnahmen machen den alten Bäumen zu schaffen, hin und wieder fällt einer um. Leider sei für Baumschutzmaßnahmen kein Geld da, so wird die Bezirkspolitik zitiert. Für ein Dixieklo gibt es einen Spendenaufruf: „Sei dabei und spende jetzt für ein sauberes , gesundes Umfeld für Bäume und Menschen auf und um den Großneumarkt.”

In den Restaurants am Rande des Platzes essen und trinken entspannte Hamburger*Innen und Tourist*Innen. Letztere sind an fortgeschrittenem Alter zu erkennen. Denn ab 40 essen der Hanseat und die Hanseatin zu Hause oder in einer vornehmeren Gegend als es die am Großneumarkt ist. Apropos Essen, Uwe Timm verortet die Erfindung der Currywurst in seinem gleichnamigen Roman von 1993 auf den Großneumarkt. Hier soll die Wurstbude gestanden haben, in der in den 1940er Jahren alles seinen Anfang nahm. Heute ist in einer übrig gebliebenen Bude ein kleines Kulturzentrum für Jung und Alt untergebracht, und im Stadtgarten nebenan grünt und blüht es.

Mitten auf dem Großneumarkt gibt es diese wunderbare Eisbude, s.o.; am Rande und drum herum ist aber auch was los! Die ehemals berühmt-berüchtigte Kneipe Schmales Handtuch war hier, heute ist es eine Bier&Coctailbar und gehört einem gewissen Micky. Es soll dort den besten Caipirinha der Stadt geben!

Der Michel ist nicht fern. Am Alten Steinweg geht es immer noch ein paar Stufen runter in den Cotton Club, ein Kellerlokal aus den Hochzeiten des Hamburger Oldtime-Jazz. Mittwochs ist zum Kennenlernen der Eintritt frei. Im AKIKO, Wexstaße 39, gibt es Papier, Stoffe, Bücher und andere feine Sachen aus Japan.

Und in der Brüderstraße, gleich um die Ecke soll Uwe Timm bei seiner Tante zum Schreiben gekommen sein.

Text und Fotos: Elisabeth Hartmann