Beitrag: Tom Schmidt

Als ich vor einigen Tagen wieder einmal in Bergedorf den Wiebekingweg entlang am Hotel Kuhberg Richtung Sachsentor ging, freute ich mich schon, sie wieder zu sehen und war gespannt, was sie denn heute zu berichten hatte. Und wie immer lächelte sie mich an und trug stolz ein neues, buntes Outfit, angestrahlt durch die Mittagssonne. Sie ist groß, wohl proportioniert und hat ein gepflegtes Äußeres. Einfach eine auffällige Erscheinung, an der man nicht vorbeikommt, ohne stehenzubleiben: Die Grande Dame der Außenwerbung! Es handelt sich hier um eine der wenig verbliebenen „klassischen Litfaßsäulen“ in Bergedorf, die in unterschiedlichen Größen ausschließlich mit Plakaten für kulturelle Veranstaltungen in Hamburg beklebt werden.
Erfunden hat die ursprüngliche „Announciersäule“ der Berliner Drucker Ernst Litfaß 1854 unter dem Aspekt, die aus dem Ruder laufende Wildplakatierung in Berlin einzudämmen. 1855 wurden dann die ersten 100 Litfaßsäulen aufgestellt, 50 weitere folgten kurz darauf, und die Erfolgsgeschichte dieser neuen Form der Außenwerbung nahm ihren Lauf. In kürzester Zeit setzte sich dieses Medium in ganz Europa durch und revolutionierte die Werbung in den kommenden Jahren. Die Grundform für eine klassische Litfaßsäule ist seit über 170 Jahren unverändert: Durchmesser 1,40 Meter, Höhe 2,60 – 3,00 Meter, Umfang 3,60 – 4,30 Meter.
Zu einer unerwarteten Bekanntheit gelangte die Litfaßsäule durch den Film „Der dritte Mann“ mit Orson Welles, der 1950 in Wien gedreht wurde. Es ist einer der Kultfilme der 50er Jahre, handelt von einem Mann, der als Schwarzmarkthändler gestohlenes Penicillin im von den Alliierten Streitkräften besetzten Wien verkauft. Obwohl nach einem Autounfall für tot erklärt, taucht er wieder auf, und es beginnt eine unglaubliche Verfolgungsjagd in der Kanalisation von Wien. Und jetzt kommen wir wieder zum ursprünglichen Thema zurück. In die Kanalisation kommt er, indem Orson Welles vor einer Litfaßsäule steht, sich einmal umdreht, dann eine Tür in der Litfaßsäule öffnet und über eine darin befindliche Treppe in die Kanalisation hinabsteigt. Diese Szene hat mich als Jugendlicher so beeindruckt, dass ich immer wieder vor Litfaßsäulen stehen blieb, sie betrachtete und an den Film dachte. Eine Tür habe ich leider nie gefunden.

Da ich als Jugendlicher ein ausgeprägtes Faible für Musik und Konzerte hatte, es noch kein Internet gab und erst Mitte der 70er Jahre Zeitschriften wie „Szene“ oder „Oxmox“ mit allen Veranstaltungstipps vierwöchentlich erschienen, waren Litfaßsäulen quasi bis dahin das kulturelle Medium, um immer gut informiert zu sein, wann was wo läuft. Waren zum Beispiel Konzerte ausverkauft und es gab ein Zusatzkonzert, wurde einfach ein Streifen mit der Information über das Plakat geklebt. Das hört sich für die junge Generation wie Mittelalter an, im Vergleich zu den Möglichkeiten heute war es das auch, doch man war trotzdem immer gut informiert.

Aber klassische Litfaßsäulen sind bis heute für mich nicht nur eine liebgewordene Informationsquelle, sondern auch die Grundlage für Kunstwerke der besonderen Art. Damit die Grande Dame nach Monaten des Überklebens weiterhin in Form bleibt und letztendlich nicht wie die dicke Berta aussieht, wird sie regelmäßig geschält und von den alten Plakaten befreit. Die verklebten Schichten werden mit einer Kettensäge in große Quadrate geschnitten und dann sukzessive von der Säule abgenommen. Alle natürlich gebogen, aufgrund des Klebers für die Ewigkeit verbunden und ein Zeugnis der Kulturgeschichte der letzten Monate, manchmal auch Jahre. Viele Künstler haben die geschälten Plakate als Basis für ihre Kunstobjekte entdeckt, indem sie mit sehr viel Wasser die einzelnen Schichten lösen, trocknen und dann aufwendig zu Kunstobjekten jeglicher Art verarbeiten.
Diese kurze Geschichte ist ein Plädoyer für den Erhalt der ursprünglichen Litfaßsäule. Unabhängig davon, ob sie in Bergedorf als klassische oder als eine von acht historischen Litfaßsäulen in anderen Hamburger Stadtteilen (z.B. Reeperbahn, Großneumarkt, Holstenwall) zu finden ist. Mitte Juli feiert die Litfaßsäule ihren 170 Geburtstag und es ist zu hoffen, dass die ursprüngliche „Announciersäule“ weiter Bestand in unserem Stadtbild hat und nicht irgendwelchen abstrusen städtebaulichen Maßnahmen zum Opfer fallen. Natürlich ist bei diesem Wunschdenken eine Menge Nostalgie enthalten. Und die berechtigte Frage, wer denn heute die Telefonzellen vermisst, ist auch schnell beantwortet, natürlich kein Mensch. Aber in unserer digitalisierten Welt wünscht man sich auch, analoge Dinge zu erhalten, die aufgrund ihrer Funktion durchaus das Stadtbild bereichern können. Und eine unübersichtliche Menge an aufgestellten und beleuchteten City-Light-Postern, digitalen Screens oder monoton beklebten plastikummantelnden Litfaßsäulen mit lediglich einem Kunden gibt es bereits ausreichend in allen Städten. Nicht, dass ich diese abschaffen möchte. Mir geht es um die Vielfalt und um die Möglichkeit, dem gesamten Kulturbetrieb ein für sie adäquates, relativ günstiges Werbemedium zur Verfügung zu stellen.
Vielleicht gehen sie beim nächsten Mal nicht achtlos an der Grand Dame der Außenwerbung vorbei, bleiben wie ich einfach stehen und schauen, was die Hamburger Kulturlandschaft neben den hervorragenden Angeboten des Körber Hauses bzw. des Lichtwark Theaters aktuell zu bieten hat. Sie werden sehen, die Litfaßsäule ist auch im digitalen Zeitalter durchaus eine Bereicherung für unsere Gesellschaft.
Fotos: Tom Schmidt