Beitrag: Jürgen Sakuth
Auszug aus: Wozu bin ich berufen? „45 Berufe geträumt, gelebt, verwirklicht“
Die Gespräche mit Annelene, geboren 1934 habe ich, Jürgen Sakuth, per Telefon geführt. Je öfter wir telefonierten, desto mehr Details aus ihrem Leben fielen ihr ein.
Annelene erzählt:
Wir, fünf Schwestern und ein Bruder, wuchsen in einem Dorf in Dithmarschen alle im Krieg auf. Die Dorfschule wurde besucht, so gut es ging. Ostern 1940 wurde ich im Alter von fünf Jahren eingeschult. In der Grundschule hatte ich täglich zwei Stunden Unterricht. Ein ganzes Schuljahr fiel total aus, da die Klassenräume mit Flüchtlingen aus Kiel und Hamburg belegt waren.
Die vier besten Schüler, ein Junge und drei Mädchen, zu denen ich auch gehörte, kamen in die Kreisstadt Heide auf die Oberschule. Wir waren stolz, aber total überfordert, mussten ganz schnell wieder abbrechen.
Trotz der schweren Zeit im Krieg hatten wir eine relativ gute Kinderzeit. Wir hatten unsere Pflichten und unsere Freizeit. Im Dorf war schon eine Badeanstalt. Obwohl es keine Badeaufsicht gab, ist nie etwas Schlimmes passiert. Dort lernten alle das Schwimmen, man half sich gegenseitig.
Unsere Eltern hatten ein Haus mit Gemüse- und Obstgarten, zwei Kühe auf einem Stück Pachtland, zwei Schweine im Stall, Hühner, Kaninchen, Enten und drei Gänse. Wir waren sogenannte Selbstversorger. Im Wohnhaus auf dem Boden befand sich eine große Räucherkammer. Dort wurden im Winter für die Dorfbewohner alle Sorten Wurst, Speck und Schinken geräuchert. Es war schwere schmutzige Arbeit. Die Schinken waren riesig. Ob es sich finanziell gelohnt hat, kann ich nicht beurteilen.
Unsere Mutter war eine tüchtige Frau, konnte gut kochen, backen, nähen, säen und ernten. Obwohl sie ständig arbeitete, war sie doch immer ansprechbar für uns Kinder. Sie hat uns gut auf das Leben vorbereitet. Unser Vater kehrte irgendwann schwer traumatisiert aus dem Krieg zurück. Zeitweise arbeitete er als Verwalter auf einem Bauernhof, dessen Besitzer noch im Krieg war, später als Friedhofsverwalter. Der Vater verstarb früh.
Mit 13 Jahren bekam ich mein Abschlusszeugnis und das Thema Schule war durch. Ich ging als Dienstmädchen oder Magd, wie es damals hieß, zum Bauern
ganz weg von zu Hause. Eine berufliche Ausbildung war für Mädchen in diesen schweren Zeiten nicht möglich.
Eigentlich wollte ich gerne einen Bauern heiraten. Doch meine Mutter sagte: „Das wird nichts, mein Kind. Wir sind viel zu arm. Dich nimmt keiner.“ Als ich das hörte, wollte ich ab sofort nicht mehr für die Bauern arbeiten und machte mich 1951 auf den Weg nach Hamburg. Meine ältere Schwester war schon dort. Sie hat dafür gesorgt, dass ich Arbeit und Unterkunft bekam. Dort lernte ich meinen Mann kennen, den ich 1956 heiratete. Wir bekamen eine Tochter. Mein Mann war Feinmechaniker, und wir kamen über die Runden.
Nebenberuflich vermittelte mein Mann Versicherungen. Einmal im Monat machte er zusammen mit einem Versicherungsinspektor Abrechnung. Bei jedem Besuch wurden mehr Formulare, Anträge und Prospekte angeschleppt. Ich musste mehr und mehr Schrankplatz hergeben. Der Wohnzimmertisch lag immer voller Papiere. Es wurde Kaffee oder auch Bier getrunken. Der Feierabend ging dahin.
Ich saß daneben und sagte: „Was soll das alles? Verdienst gleich Null und den Platz im Schrank kann ich viel besser gebrauchen. Pack alles ein und Schluss mit dem Vermitteln von Versicherungen.“ Der Vertreter guckte mich mit großen Augen an und schlug vor: „Mach du das doch hauptberuflich.“ Meine Antwort kam prompt: „Niemals werde ich das tun.“ Aber der Vertreter ließ nicht locker: „Es gibt eine Schulung über vier Monate. Du wirst gut eingearbeitet und bekommst ab sofort (1962) monatlich netto 600 DM aufs Konto.“ Er machte es mir richtig schmackhaft. „Trotzdem ist meine Antwort: Nein!“ Ich blieb standhaft.
Nun mischte sich mein Mann ein: „Lass meine Frau in Ruhe. Das kann sie nicht.“ Das hätte er nicht sagen sollen, denn jetzt war mein Ehrgeiz geweckt, und meine Zusage kam spontan. Der Inspektor freute sich und leitete sofort alles in die Wege. Ich wurde eine gute Versicherungsvertreterin mit eigenem Büro. Ich habe viel gelernt, konnte auf Menschen zugehen, zuhören und verkaufen. Nachdem mein Vertrag auf Provisionsbasis umgestellt worden war, hatte ich viele Monate mehr Einkommen als mein Mann. Das gefiel ihm gar nicht. Er behauptete aber nie wieder: „Das kann meine Frau nicht.“
Bereut habe ich diesen Schritt nie. Den Aktenkoffer, den ich für gute Leistungen bekommen hatte, besitze ich noch heute. Dort werden Urkunden, Dokumente und Patientenverfügungen aufbewahrt. Der Koffer ist für meine Tochter immer zugriffsbereit, damit sie weiß, wo alle wichtigen Unterlagen sind.
Ich erlernte in dieser Zeit keinen anderen Beruf, weil ich schon eine Tochter hatte und die Vermittlung von Versicherungen so gut lief. Nachdem meine Tochter ausgezogen war, kehrte ich mit meinem Mann wieder aufs Land zurück in ein kleines Haus am Plöner See. Dorthin, wo wir als Familie immer Camping-Urlaub gemacht hatten. Nach dem Tod meines Mannes und als mit zunehmendem Alter die Arbeit im eigenen Garten immer schwerer wurde, zog ich vor etwa fünf Jahren in eine seniorengerechte Wohnung ins Nachbardorf. Ich habe auch diese Entscheidung nie bereut.
Dies alles erzählte mir Annelene am Telefon. Sie hat mir auch eigene Textvorschläge geschrieben. Annelene bezeichnet sich selbst als Glückskind. Sie ist stolz darauf, in ihrem Leben alles richtig gemacht zu haben. Es lag ihr fern, mit ihrem Schicksal zu hadern. Sie hat nie lange nachgedacht oder gezweifelt. Wenn sie eine Entscheidung getroffen hatte, wurde sie umgehend umgesetzt.

Wir laden unsere Leserinnen und Leser herzlich ein zur Vorstellung unseres Buches
„45 Berufe geträumt, gelebt, verwirklicht“
Montag, den 10. Juni 2024, um 18.00 Uhr
im KörberHaus, Raum 102
Holzhude 1, 21029 Hamburg-Bergedorf
Was für eine interessante Lebensgeschichte von einer großartigen, tatkräftigen Frau! Ich bin gespannt, was uns am 10. Juni erwarte.
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