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Zwischen Hafen und Serrahn

Beitrag: Boike Jacobs

Ja, ich habe sie auch diesmal vermisst, die prächtigen Großsegler „Mir“, „Kruzenshtern“ und „Sedow“, jahrelang Schmuckstücke beim Hamburger Hafengeburtstag. Seit Beginn des Überfalls auf die Ukraine hat Russland seinen Viermastern die Teilnahme an dem Fest verboten. Zum ersten Mal war ich in diesem Jahr nicht bei der Einlaufparade dabei, sondern wollte sehen, wie es wohl bei der Auslaufparade zugeht. Das gleich vorab: Sie ist nicht annähernd so schön, viele Schiffe waren bereits am Tag zuvor wieder in See gestochen, und die kleineren Traditionsschiffe ruhten sich im Övelgönner Museumshafen von den Turbulenzen der Geburtstagsfeiern aus. Schade – und doch war diese halbtägige Hin- und Rückfahrt von Bergedorf aus keine Enttäuschung.

Grund dafür ist die „Serrahn Deern“, die um 14 Uhr die Leinen löste und bei strahlendem Wetter ihren Törn begann. Auf Deck sitzt mir ein nettes Ehepaar aus Neuengamme gegenüber, Doris eher still, August begeistert über die Natur, durch die wir ruhig gleiten. Ihr Haus stehe ganz nahe an der Gose Elbe, die so flach ist, dass sie von der Schifffahrtsgesellschaft nicht genutzt werden kann, aber vorzeiten habe er selbst ein kleines Boot gehabt, erzählt August. In dieser Straße lebe er seit seiner Geburt, das Grundstück reiche bis ans Wasser, und er kenne hier jeden Baum und Strauch. „Bis heute setze ich mich täglich aufs E-Bike und fahre durch die Vierlande“, erklärt er stolz.

Und dann erlebe ich, woran er sich freut: Gänse, die sich auf den Weiden wärmen, Enteneltern mit bis zu fünf Küken im Gefolge, Graureiher, die still in der Dove Elbe stehen und erst auffliegen, wenn die „Serrahn Deern“ schon nahe herangekommen ist, zwei Störche, die in diesem Jahr sehr spät gelandet sind, und immer wieder die verschiedenen Bäume, die das Ufer säumen und ihre Zweige ins Wasser senken. „Die geben vielen Tieren Schutz“, sagt August, „auch Bisamratten. Die sind ja nicht so beliebt, aber sie müssen auch sein.“ 80 Jahre ist er alt, diese Strecke ist er schon hunderte Male gefahren, aber seine Freude ist nach wie vor ungetrübt. „Also, was soll man sagen“, sinniert er, „die Natur hat Gott geschaffen.“

Schließlich macht er mich auf ein Wirtshaus aufmerksam, das weiter hinten am Deich liegt. „Da sitzen mit einem Bier und übers Land aufs Wasser gucken – das ist doch schön“, lächelt er, und ich kann ihm nur zustimmen. Hinter der Krapphof-Schleuse, schon nahe am Bergedorfer Hafen, zeigt er noch einmal auf das Grün der Bäume: „Die sowas sehen und doch keinen Blick dafür haben, das sind arme Menschen.“

Er jedenfalls zählt nicht dazu. Und was ich bei der Auslaufparade am Hamburger Hafen vermisst habe, das habe ich während der Fahrt auf der Dove Elbe reichlich ersetzt bekommen. Ein Mensch hat mir gezeigt, welch eine Bereicherung es ist, sich in der Natur auszukennen, sie zu lieben und dankbar zu sein für jeden Tag, an dem er sie noch erleben kann.

Fotos: Boike Jacobs

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