Beitrag: Jürgen Sakuth
Wir Älteren ärgern uns manchmal über die heutige Jugend, aber dass auch wir nicht immer ganz ohne Macken sind, konnte ich während einer Busreise durch die USA beobachten. Das Durchschnittsalter der Reisegruppe schätze ich auf etwa 65, aber einige waren auch weit darüber.


Obwohl die täglichen Abfahrten immer sehr früh angesetzt waren, standen die meisten schon 30 Minuten vor der Abfahrt mit fertig gepackten Koffern vor dem Bus. Diejenigen, die nur pünktlich kamen, wurden böse angesehen.
Mittags gab es Freizeit, um essen zu gehen oder um einzukaufen. Als wir für den Abend Wein einkaufen wollten, mussten wir als knapp 70jährige einem 16jährigen Verkäufer unsere Ausweise vorzeigen, um zu beweisen, dass wir auch alt genug sind, Alkohol zu kaufen. Und das in den USA, wo fast überall Waffen frei erhältlich sind.
Einmal ist es nach einer langen Busfahrt abends sehr spät geworden. Die Reiseleiterin hatte für uns trotzdem ein Restaurant gefunden, das uns noch ein Abendessen anbot. Jetzt kam es aber zu einer Meuterei aus dem hinteren Teil des Busses. Einige wollten nur noch sofort ins Hotel. Auch dies ließ sich organisieren, aber ohne Koffer. Denn dafür hätten zunächst alle Koffer ausgeladen werden müssen und die Mehrheit hätte kein Abendessen mehr bekommen. Nach diesem Kompromiss, Hotel ja, aber zunächst ohne Koffer, hatte die Reiseleiterin für die von uns so genannte Rebellengruppe für den Rest der Reise verloren. Sie konnte vorschlagen oder machen, was sie wollte. Von hinten kamen jedes Mal hämische Kommentare. Man nennt das wohl Gruppendynamik. Und dies, obwohl die Reiseteilnehmer alle Programmpunkte des Veranstalters schon bei der Buchung kannten.
Weil viele nicht mehr richtig zuhörten, führte jede zeitliche Absprache zu langen Diskussionen. Erschwert wurden diese Absprachen auch durch die unterschiedlichen Zeitzonen in den US-Bundesstaaten. Als dann noch die Umstellung auf die Sommerzeit dazu kam, war das Chaos komplett.
Eine eher lustige Episode mit gutem Ausgang möchte ich zum Schluss erzählen.
In einer Stadt war Folgendes geplant: Zunächst ein Fotostopp mit anschließendem Spaziergang durch einen Park zu einem Museumsbesuch. Der Bus sollte uns vom Museum ins Hotel bringen. Als wir wieder in den Bus stiegen, war die Aufregung groß. Zwei der ältesten Mitreisenden fehlten: der schwerhörige Theo und die eigensinnige Charlotte. Der Ehefrau von Theo und dem Sohn von Charlotte war dies angeblich erst jetzt aufgefallen. Sofort kam es zu wilden Spekulationen. Eine Mitreisende wollte beobachtet haben, dass die beiden schon vorher heimlich geflirtet hatten. Man kam zu dem Schluss, dass sie wohl durchgebrannt waren, um zusammen in Amerika ein neues Leben anzufangen. Auch anrufen konnten wir sie nicht, denn sie hatten ihre Handys im Bus gelassen.
Der auch nicht mehr ganz junge Sohn von Charlotte hielt ihre Getränkeflasche hoch und rief laut: „Die oide Hexen! Nicht mal ihr Wasser hat sie mitgenommen und auch meine Erbschaft ist noch nicht geregelt.“
Der Busfahrer musste dann tatsächlich die ganze Strecke zurückfahren. Wir fanden die beiden auf der vorletzten Station auf einer Mauer sitzend, aber nicht eng umschlungen, sondern in 10 Meter Abstand. Sie hatten während der ganzen Zeit kein Wort miteinander gesprochen. Beide hatten einfach keine Lust, einen Spaziergang zu machen und waren sich sicher, dass der Bus schon irgendwann zurückkommen würde.
Ein Satz zum Schluss: Die Reise hat uns trotzdem sehr gut gefallen.
Text und Fotos: Jürgen Sakuth
Obwohl ich schon mehrfach mit einwöchigen Busreisen die Welt erkundet habe, ist mir so ein Theater zum Glück noch nicht passiert. Schrullige Leute, Überpünktliche, Spätheimkehrende, Motzende – aber immer mit Maßen. Bei den Schilderungen dieser USA-Reise musste ich zum Schluss allerdings laut lachen. Was müssen Busfahrer und Reiseleiterin im Laufe einer Saison alles erleiden!
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