Aus der Region

Da muss ich wohl Abbitte tun

In diesem Punkt war ich mir mit den meisten Bergedorferinnen und Bergedorfern einig: Das neue Woolworth-Haus am Serrahn ist ein scheußlicher Bau. Grau, starr, phantasielos erdrückt der Kasten die Gebäude aus der Gründerzeit, erst recht das kleine Fachwerkhaus danben. Ein aufgebrachter Fotograf sah schon die Demokratie in Gefahr, denn die Abstimmung war ganz anders ausgefallen. Selbst die Bäume hatte man abgeholzt – Entsetzen und Empörung in der Bevölkerung.

Und als es Sommer wurde, konnte ich es erst recht nicht fassen – das neue Restaurant „Sausalitos“, nicht weniger kalt als das Woolworth-Haus, hatte reihenweise lange Tische und Bänke aufgestellt, kaum eleganter, als man sie in jedem Bierzelt findet. Wer sollte da denn sitzen – zwei Fußballmannschaften? Mitglieder eines Junggesellenabschieds? Schulklassen auf einem Ausflug?

Das kann nicht gut gehen, dachte ich mir. Eine einzige Schande und eine weitere Fehlinvestition. Kein Mensch würde sich da hinsetzen. Wenn ich tagsüber auf meinem Weg zum Bahnhof dran vorbei ging – gähnende Leere. Aber einmal zog es mich am Abend an den Serrahn, und da bot sich mir ein völlig anderes Bild. Keine Fußballmannschaft, keine Mitglieder eines Junggesellenabschieds, sondern junge Menschen saßen dicht gedrängt auf den harten Bänken, nagten an gebackenen Maiskolben und schlürften mexikanische Drinks. Auch die umliegenden großen und kleinen Restaurants und Cafés profitieren davon. Im Sommer und im langen Herbst herrschte den ganzen Tag über quirliges Leben auf Bergedorfs neuer Hafenmeile.

So tu ich also Abbitte. Ich werde mich zwar nie auf die unbequemen Bänke vor dem „Sausalitos“ setzen, und auch auf Maiskolben und Drinks hab ich keine Lust. Aber die vielen Menschen ringsum machen mir Freude. Und lassen mich fast vergessen, was für ein hässlicher Woolworth-Klotz den Serrahn verschandelt.

Text: Boike Jacobs, Fotos: U. Busse, V. Hochmuth

3 Gedanken zu „Da muss ich wohl Abbitte tun“

  1. Der Neubau gefällt mir auch nicht, aber es ist gut, dass die Hafenmeile trotzdem gut angenommen wird. Ich freue mich immer, wenn die lokale Gastronomie gut besucht wird. Das hält Bergedorf lebendig.

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