Beitrag: Sabine Ziesmer

Ich schlage die Zeitung auf und stoße auf einen Artikel über Hahnöfersand. Da war doch mal was mit dieser Gefängnisinsel und meinem Start in ein Berufsleben als Lehrkraft. Nach dem zweiten Staatsexamen wollte man uns gut ausgebildete Lehrer und Lehrerinnen einfach nicht einstellen. Lehrerschwemme. Von Flensburg bis Nürnberg hagelte es nur Absagen. Wir hatten unsere Existenz auf ein wackeliges Fundament gestellt, das nun unter uns zusammenbrach – wir hatten „auf Sand gebaut“. Ich war deshalb auch sehr erstaunt, als sich die Schulbehörde Hamburg sehr zeitnah bei mir meldete, um mir ein Angebot zu machen, das ich einfach nicht ablehnen könne. Fröhlich verkündete die Sachbearbeiterin, dass ich zum nächsten Monat eine Anstellung bekäme. Ich dürfte gern eine ehemalige Kommilitonin anwerben. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Wo sollte ich mich melden?
Die Ernüchterung folgte auf dem Fuße. Wir beiden Lehrerinnen sollten künftig auf Hahnöfersand unterrichten. Davon hatte ich noch nie gehört. Wo sollte das sein? Googeln konnten wir noch nicht, aber Informationen fanden wir schon recht schnell. Es handelte sich um eine Gefängnisinsel, wo seit 1920 Hamburgs minderjährige Häftlinge untergebracht wurden. Es war eine Art Reformprojekt, da sich die Jugendlichen dort bei frischer Luft und Arbeit im Freien relativ frei bewegen konnten.

Meine Freundin und ich waren aber auch gerade erst 26 Jahre alt. Die als erste und einzige Chance bezeichnete Tätigkeit auf Hahnöfersand musste von uns zumindest geprüft werden. Das setzte die Behörde auch voraus. Wir machten uns also schlau. Es führte seit 1970 eine Straße auf die Insel, die vor dem Alten Land in der Elbe liegt. Hinter den Apfelbäumen erkannten wir hohe Zäune. Wir waren gut zwei Stunden unterwegs, bevor sich die Schranken hoben.
Den Gefängnisdirektor trafen wir vor den flachen, schon stark mitgenommenen, Baracken an. Er begann sofort schallend zu lachen, als wir beiden Mädels verschüchtert auf ihn zukamen. Von einer Führung durch das Gefängnis sah er gleich ab. Er würde alles Weitere für uns regeln und wünschte uns viel Glück für eine Zukunft in einer bundesdeutschen Regelschule.

Das war also unsere große Chance, die wie Sand unter unseren Füßen zerrann. Später erfuhren wir, dass die Deutschstunde von Siegried Lenz auf einer vergleichbaren, aber fiktiven Gefängnisinsel spielt. Der Ich-Erzähler Siggi Jepsen soll einen Aufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ schreiben. Mir blieb die Korrektur eines Aufsatzes dieser Art erspart, zumal die Arbeit vom Siggi von epischem Ausmaß war.
Sieben Jahre später stand ich überglücklich auf dem Schulhof einer kleinen Grundschule in Schleswig-Holstein. Der Weg dahin war steinig, aber ich hatte nicht auf Sand gebaut.
Hahnöfersand ist nicht mehr zeitgemäß. Man baut ein neues Jugendgefängnis in Billwerder und überlässt das Eiland der heimischen Fauna und Flora.
Fotos: Gefängnismuseum Hamburg