Dieses und Jenes

LiteraTürchen – Die Schneckenkönigin

Beitrag: Sabine Ziesmer

Ich gehe immer wieder gern zu Lesungen und so war es naheliegend, einen nahe an meinem Wohnort liegenden Ort aufzusuchen, um einer ganz besonderen Lesung beizuwohnen. Es handelt sich dabei um das Kulturforum SerrahnEINS in Bergedorf. Das „Haus für Alle“ bietet kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen, musikalische Darbietungen, Tanz, Kleinkunst, Kabarett und Kunstausstellungen. Das Haus soll gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und Diskussionsforen zu politischen, historischen und ökologischen Themen bieten. Ein Blick in den Veranstaltungskalender lohnt sich auf jeden Fall.

Regula Venske sollte aus ihrem neuen Krimi lesen. Zugegebenermaßen lese ich sehr gerne gute Krimis, in denen die Charaktere vor dem Kriminalfall stehen. Wenn mich dieses Genre auch noch sprachlich überzeugt, versinke ich nur zu gern in einen Krimi. Ich bin eine Geschichtensammlerin und lese mir langsam und fast betont im Innern selbst vor. Aus diesem Grunde habe ich auch nicht ein einziges Coaching für einen Leseclub bestanden: zu langsam und zu breit aufgestellt. Nun denn, ich will ja auch nicht alles lesen von dem man sagt, dass man es unbedingt gelesen haben muss. Die Schneckenkönigin von Regula Venske hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Die Hamburger Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin wurde für ihre Romane, Erzählungen und Gedichte vielfach ausgezeichnet. In der Süddeutschen Zeitung bezeichnete man sie als „Lust-Mörderin“, die schwere Stoffe mit Eleganz, Leichtigkeit und schwarzem Humor erzählt.

Die Protagonistin Romy ist eine Psychotherapeutin der besonderen Art. Sie zieht die einsamen Herzen magisch an, die zu ihr in die Sprechstunde kommen. Eine ältere Frau empfiehlt sie der nächsten, die von ihrem Mann verlassen wurde und von abgründigen Rachephantasien geplagt wird. Romy entwickelt die eigenwilligsten Methoden, schaut mühelos in die Seelen ihrer Patienten und verliert darüber ihr eigenes Familienleben aus dem Blick. Wir erfahren bereits auf den ersten Seiten, dass Romy ihren Garten liebt und den Nacktschnecken ein barbarisches Ende bereitet. Schnipp-Schnapp und der Schneck liegt im Dreck. Das menschliche Chaos auf der Behandlungscouch wird von brutalen Morden in Hamburg, Berlin, Amsterdam und London flankiert, wo allerdings post mortem geschnippelt wird. Es sind Männer, ähnlich denen, die ihr in den Sitzungen mit den verzweifelten Frauen begegnen. Die Leser und Leserinnen werden bis zum Schluss durch ein Labyrinth aus Rätseln und kryptischen Hinweisen geleitet und erschrecken über die Auflösung all dessen.

Ist die Psychotherapeutin Romy die Schneckenkönigin, bei der alle Fäden zusammenlaufen? Das Schicksal der Nacktschnecken, die Phantasien der Patientinnen, die Taten eines Serienmörders? Vielleicht ist es ja auch eine Mörderin. Dieser Krimi ist nicht nur ein Krimi. Die einzelnen kurzen Kapitel sind wunderbar poetisch übertitelt und kommen wie dutzende Kurzgeschichten daher, scheinbar in sich abgeschlossen und dennoch Teil des Ganzen. Wäre ich in einem Buchclub, ich würde sehr gern über Die Schneckenkönigin sprechen. Über die Sprache, die Liebe zum Detail, den wunderbaren Humor und den Zeitbezug. In Frau Venske hat das Genre Krimi seine Meisterin gefunden. Viel Spaß beim Lesen. Schneckenköniginnen kennt das Tierreich tatsächlich. Recherche lohnt sich.

Fotos: Hubertus Ziesmer

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