Beitrag: Boike Jacobs

Keine Nachrichtensendung, in der er nicht erwähnt wird, keine Fachleute, die nicht über sein Befinden Auskunft geben: „Er ist bedrohlich geschwächt.“ „Seine Haut löst sich ab.“ „Er heult laut und hat wahrscheinlich große Schmerzen.“ Ein vor Timmendorfer Strand auf Grund geschwommener Buckelwal ist es, der Deutschland in Atem hält. Große Erleichterung, als er endlich freigebaggert wurde. Ebenso große Enttäuschung, als er nur wenige Stunden später auf der nächsten Sandbank strandete. Und nun scheut er schon wieder den rettenden Weg in den Atlantik und bleibt in der Ostsee, in der er nicht überleben kann. Wie auch immer, er musste einen Namen haben, und so heißt der etwa 15 Meter lange und 25 Tonnen schwere Meeressäuger nun ausgerechnet „Timmy“.
Man möchte nach so viel Aufregung meinen, Tierschutz habe hierzulande höchste Priorität. Ist das wirklich der Fall? Empörung darüber, dass in Norwegen, Japan und Alaska immer noch Walfang betrieben wird, wenn auch nur noch in geringen Mengen. Aber da gibt es viel größere Bedrohungen für diese Tiere: Schiffsverkehr, Lärm, Umweltverschmutzung. Und vor allem Fischernetze. Wenn noch etwas vom Fang darin hängen geblieben ist, schnappen die Wale gerne zu und bringen sich damit in akute Lebensgefahr. Tatsächlich wurde auch Buckelwal Timmy schon von Netzteilen befreit, aber große Stücke hängen noch in seinem Maul. Und so sehr derzeit jede neue Sandbank als Gegner angesehen wird, so wenig interessieren sich die Menschen für diese Fischernetze, die nicht nur Buckelwalen den Tod bringen.

Und da gibt es noch ein zweites Tier, das schon seit einigen Jahren Aufsehen erregt und heftige Debatten auslöst, die nun auch in einem Hamburg Villenviertel geführt werden: Ein Wolf wurde in Othmarschen gesichtet. Am hellen Mittag lief er über die Straße, sprang über einen hohen Gartenzaun und stand dem Hausbesitzer gegenüber, der gerade Blumen setzen wollte. Sekundenlang hätten sie sich in die Augen geschaut, dann habe sich der Wolf umgedreht und wieder das Weite gesucht. „Ein magischer Moment“, beteuert der Hausbesitzer. Wölfe seien scheue Tiere, betonen Fachleute, und wer ihnen begegne, solle auf keinen Fall weglaufen, sondern ganz entspannt stehen bleiben. Dann werde der Wolf sich von selbst zurückziehen.
Der gute Wolf? Der böse Wolf? Nun, genau da liegt das Problem. Der Wolf wird den Schäfer nicht verspeisen wie die Großmutter im Märchen vom Rotkäppchen. Aber er reißt dessen Schafe, und das nicht zu knapp. Seit dem Mittelalter wurden Mensch und Wolf immer mehr zu Gegnern, die um ein und dasselbe Revier, um ein und dieselbe Nahrung kämpften. Und ein Wolf, der durch Othmarschen streift, ist kein romantischer Tourist, sondern ein hungriger Beutejäger. Niemand käme auf die Idee, ihn „Timmy“ zu nennen.
Worin ähneln sich dennoch der Wal und der Wolf? In der völlig wirklichkeitsfremden Art und Weise, wie wir mittlerweile auf Tiere blicken. Wenn sie hilflos sind oder auf unseren Rasen springen, dann sind wir voll staunender Anteilnahme. Aber anstatt sentimental zu werden, sollten wir gründlich forschen, warum ein Buckelwal zum Timmendorfer Strand schwimmt und ein Wolf nach Othmarschen wandert.
Fotos: kostenlos