Dieses und Jenes

Der Rote Rock

Beitrag: Sabine Ziesmer

Wenn ich mit meiner kleinen Lerngruppe am Mittag zusammenkomme, werden zuerst einmal alle anfallenden Fragen, Tagesereignisse und Probleme erörtert, die die kleinen Kinderseelen so beschäftigen. Nicht selten werden auch ganz persönliche Fragen gestellt, die im Elternhaus nicht beantworten werden können.

Überall erstrahlt die Adventszeit in hellem Licht. Die Geschäfte sind auf das Weihnachtsgeschäft eingestellt, und auch die Klassen der Grundschule sind festlich geschmückt. Ich kenne das aus meiner Zeit als Klassenlehrerin. Es war immer die schönste und intensivste Zeit des Jahres. Nun sitzen mir acht Kinder aus sechs verschiedenen Ländern gegenüber, die überwiegend muslimischen Glaubens sind. Ich habe von ihnen bereits viel über das Opferfest, das islamische Neujahr oder Ramadan mit dem Zuckerfest erfahren. Nun bemerke ich, dass einigen Kindern etwas auf dem Herzen liegt: Was weiß ich über das Christentum und Weihnachten? Was kann ich auch mitmachen? Wie erkläre ich das meiner Familie?

Nachdem ich ihnen bereits von den Gemeinsamkeiten des Judentums, des Christentums und des Islam erzählt habe, wende ich mich unseren Advents- und Weihnachtsritualen zu. Ich weiß, dass in den Klassen Adventskalender hängen und einzelne Familien mit Migrationsgeschichte diese auch zuhause erlauben. Die Tradition ist noch keine 200 Jahre alt und diente immer dazu, Kindern die Zeit bis Weihnachten zu verkürzen. Waren es zu Anfang kleine Rituale wie das tägliche Einlegen von Strohhalmen in die Krippe, die das Warten erleichtern sollten, so erfand man 1904 einen Weihnachtskalender, der zunächst nur aus Bildern bestand, bald aber mit Gebäckstücken versehen war. Heute sind viele Adventskalender mehr wert als manche Weihnachtsgeschenke.

Wie verhält es sich mit dem Adventskranz? Die Geschichte dazu finde ich besonders interessant, und sie ist bei Kindern immer sehr beliebt. Der Theologe und Lehrer Johann Hinrich Wichern erfand ihn 1839 ganz nebenbei, als er sein „Rettungsdorf“ für arme Hamburger Kinder errichtete, heute als „Rauhes Haus“ bekannt. Die Schüler, es waren überwiegend Jungen, brauchten eine heimelige Atmosphäre und gute Lehrer mit guten Ideen. Und die hatte Lehrer Wichern. So schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe, als er am 1. Dezember ein Wagenrad unter die Decke hängte, das er mit vier großen weißen Kerzen für die Adventssonntage und 20 kleinen roten Kerzen für die Tage dazwischen bestückte. Die Jungen saßen im Kerzenschein gemeinschaftlich beieinander und lernten ganz nebenbei Rechnen. Jeden Morgen konnten sie die restlichen Tage bis Heiligabend abzählen. Die Hamburger waren von der Idee so begeistert, dass daraus unser heutiger Adventskranz wurde. Auch Muslime erzeugen eine friedliche Atmosphäre beim Gebet durch Kerzenlicht. Warum sollte im Klassenzimmer also kein Adventskranz leuchten. Herr Wichern wäre begeistert. In der Bergedorfer Kirche Sankt Petri und Pauli wird alljährlich der ursprüngliche Wichernsche Adventskranz mit 20 roten und 4 großen weißen Kerzen aufgestellt.

Der große Tannenbaum im Foyer des KörberHauses

Bald wird in unserer kleinen Diskussionsrunde die Frage nach dem Tannenbaum aufgeworfen. Das ist nicht so einfach zu beantworten, weil dieses Ritual bis in vorchristliche Zeit zurückreicht. Grüne Zweige galten einerseits als Zeichen des Lebens und wurden andererseits auch dafür verwendet, böse Geister zu vertreiben und den Frühling zu begrüßen. Eine der ältesten schriftlichen Erwähnungen eines Weihnachtsbaums geht auf das Jahr 1419 zurück. Man dekorierte ihn mit Äpfeln, Nüssen und Lebkuchen.

Das Schmücken steht für die Geschenke der Heiligen Drei Könige an das Jesuskind. Und nun werden meine Schüler und Schülerinnen aufmerksam: Ahmet spielte im letzten Jahr den Kaspar im Krippenspiel. Kaspar, Melchior und Balthasar stehen stellvertretend für die drei damals bekannten Kontinente Asien, Afrika und Europa. Ahmet stammt aus Syrien und hat die Rolle des Kaspar mit Herzblut gespielt. Die ganze Familie hat zugeschaut. Kulturübergreifender kann man die Adventszeit nicht gestalten. Ahmet ist mit seiner Familie vor dem Krieg geflohen. Auch Jesus war ein Flüchtling. Seine Familie floh mit ihm vor König Herodes nach Ägypten, um nicht getötet zu werden, und geboren wurde er unter widrigsten Bedingungen in einem Stall. So wird Jesus oft als Hirte aller Flüchtlinge bezeichnet. Kirchenhistoriker würden hier widersprechen, aber die Geschichte führt alle Kulturen auf wunderbare Weise zusammen. Für Muslime ist Jesus ein bedeutender Prophet. Warum sollen nicht alle Kinder die Adventszeit mit Kalender, Krippenspiel, Kerzenschein, Geschenken und Tannenbaum genießen dürfen?

Und wie gehen wir nun mit dem alten Kerl im Roten Rock um? Ah, es geht um den Weihnachtsmann. Dass der rote Mantel eine Erfindung von Coca-Cola sein soll, ist ein Mythos. Der Weihnachtsmann hat seinen Ursprung im heiligen Nikolaus von Myra, einem Bischof, der Kinder in seiner roten Robe beschenkte. Myra heißt heute Demre und liegt in der Provinz Antalya in der Türkei. Amir ist begeistert. Nun kann er auch dem Superhelden des christlichen Weihnachtsfestes in Freundschaft begegnen. Wir feiern gemeinsam Weihnachten und drücken ab und zu ein Auge zu.

Fotos: H. Ziesmer

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