Beitrag: Boike Jacobs

Es begann in der Großen Pause. Nawal war mit ihrer Familie aus der Flüchtlingsunterkunft in der Bergedorfer Brookkehre nach Duvenstedt gezogen, die Freundinnen und Nachbarn blieben zurück, alles war noch fremd. Aber da spielten Kinder auf dem Schulhof Fußball, und die ebenso sportliche wie mutige Nawal gesellte sich dazu und spielte mit. Dass daraus schon bald eine Erfolgsgeschichte werden würde, ahnte sie in diesem Augenblick noch nicht.
„Muslimische Mädchen dürfen auch in Deutschland nicht Fußball spielen“, sagt mein Nachbar entschieden. Aber da liegt er wie viele andere falsch. „Es gibt im Islam kein solches religiöses Verbot für Mädchen und Frauen“, betont Nawals Vater. Und das gilt auch für diejenigen, die wie seine Töchter ein Kopftuch, einen sogenannten Hijab (sprich Hidschab), tragen. Damit beim Rennen und Schießen die meist dichten, langen Haare der Mädchen niemanden beeinträchtigen können, muss der Hijab fest anliegen wie eine Badekappe. Sogar Nike wirbt mittlerweile damit.

Aber zurück zu Nawal. Auf der Suche nach Begabten für seine Mädchen-Mannschaft entdeckte der Trainer vom Duvenstedter Verein Nawal auf dem Pausenhof der Grundschule und war beeindruckt von ihrer Einsatzbereitschaft und ihrer Reaktionsschnelligkeit. Von nun an lernte Nawal mit den übrigen Mädchen das taktische Spielen, im ersten Halbjahr in der Abwehr, später im Mittelfeld und am Ende sogar im Sturm.
Das gefiel auch Nawals älterer Schwester Ayna, die ebenfalls in die Mädchen-Mannschaft einstieg. „Mittelfeld und Abwehr“, erklärt sie stolz. Zweimal wöchentlich war Training angesagt, einmal im Monat wurden die Mädchen zu einem Turnier gefahren. „Es stand so ungefähr 50:50“, sagt Nawal über das Abschneiden. „Etwas mehr als die Hälfte der Spiele haben wir gewonnen.“ Von Anfang an herrschte ein toller Teamgeist, an ihrem Hijab nahm niemand Anstoß, im Gegenteil: Darauf, dass Nawal sehr schnell rannte und immer wieder Tore schoss, waren alle stolz.
Mittlerweile hat die Familie in Bergedorf eine Wohnung gefunden, und die Trennung von ihrer Duvenstedter Mannschaft ist Nawal und Ayna nicht leicht gefallen. Ein Wechsel in eine Fußballmannschaft in Bergedorf oder Lohbrügge war bislang noch nicht möglich, u.a. weil beide Mädchen sich nach dem Schulwechsel noch einarbeiten müssen. In ihrer Fußballmannschaft hatten sie ganz selbstverständlich viele Freundinnen, in der neuen Umgebung ist es für sie schwer, ohne Sport Anschluss zu finden. „Für mich hat der Fußball viel bedeutet“, sagt Nawal traurig. „Das Spielen beruhigt die Seele und baut den Schulstress ab.“ Zum Glück habe sie noch rege Verbindung zu ihrer besten Duvenstedter Freundin. „Sie ist Linksaußen und hat mir immer den Ball zugeflankt. Wir waren ein tolles Team.“

Was in Deutschland zur Selbstverständlichkeit wird, trifft in muslimischen Staaten leider noch lange nicht zu. Immerhin gab es dieser Tage eine kleine Sensation im Iran: Erstmals seit Jahrzehnten durften begeisterte Frauen in Maschhad ein Fußballspiel im Imam-Resa-Stadion besuchen. Zwar wurden – getrennt von den Männern – nicht mehr als 4.600 Plätze für sie reserviert, aber es ist ein Anfang, der in Zukunft hoffentlich immer mehr muslimischen Frauen den Zugang zu dieser weltweit beliebtesten Sportart ermöglichen wird.
Fotos: pexel, Nike (kostenlos)