Beitrag: Sabine Ziesmer

Diesen Titel trug eine Performance mit anschießender Podiums-Diskussion im KörberHaus. Im Vorwege versuchte ich mir einen Reim auf diese Ankündigung zu machen. Gäste kommen mit und ohne Einladung, bereichern das Beisammensein mal mehr, mal weniger und gehen dann irgendwann auch wieder. Was aber sind nun „Steinerne Gäste“?
Der Theatermacher und Performer Oliver Zahn stellte das Entfernen öffentlicher Denkmäler und deren Auswirkungen für die Gesellschaft in den Mittelpunkt der Darbietung. Er stand fast unsichtbar am Rand der Bühne inmitten aufsteigender Rauchschwaden und berichtete von gestürzten Statuen in stürzenden Gesellschaften. Im Mittelpunkt stand ein vereinsamter Sockel stellvertretend für alle vergessenen Statuen und Denkmäler auf abgelegenen Friedhöfen, vergessenen Schlachtfeldern und als stete Mahnung mitten unter uns. Diese Gäste kennen wir alle. Manche sind gekommen, um zu bleiben, andere sind einfach verschwunden.
In der sich anschließenden Diskussion wurde schnell die Frage nach den Auswirkungen des Entfernens öffentlicher Denkmäler gestellt. Was muss sich in einer Gesellschaft verändert haben, die ihre Erinnerung so radikal auslöschen will? Was passiert, nachdem sich der erste Staub, die größte Empörung gelegt hat? Besonders lang war die Liste der gestürzten Denkmäler in den neuen Bundesländern. Lenin in Gänze oder in Teilen findet sich noch heute in Brachen und verlassenen Industrieanlagen. Sie sind einfach nicht kleinzukriegen, sie sind gekommen, um zu bleiben, als Mahnung für eine Zeit, die man verdrängen, aber nicht vergessen kann. Diese radikale Auslöschung steinerner Zeitzeugen fand in den alten Bundesländern nicht statt. Sie nehmen immer noch öffentlichen Raum ein, und sie machen es uns schwer, ihnen auf irgendeine Weise zu begegnen.

So stehe ich mit meinem Patenkind vor dem riesigen Bismarck-Denkmal, aufgrund seiner Größe von 34 Metern vom Hafen aus gut zu sehen. Allein der Sockel ist 15 Meter hoch. Natürlich will das Mädchen alles über diese Figur wissen. „Warum ist die so groß? Das muss ein wirklich berühmter Typ gewesen sein.“ Spätestens jetzt komme ich ins Schwitzen. „Er war Reichskanzler“, beginne ich meinen Vortrag. „Wie Merkel, Scholz und Merz“, ergänzt mein Patenkind. „Er hat die Kranken- und Rentenversicherung eingeführt“, kann ich noch problemlos nachsetzen. „Da hatten wir aber noch einen Kaiser.“ Ich komme dann aber nicht umhin, ihr von einem Politiker zu erzählen, der auch für Kolonialismus, Sklavenhandel, Ausbeutung und Krieg stand. Kann das weithin sichtbare Standbild auf diesem exponierten Platz verbleiben? Muss es nicht wie viele andere Denkmäler im Staub versinken?
Im Rahmen einer anstehenden Sanierung des Objekts wurde auch über eine „Neu-Kontextualisierung“ unseres Hamburger Wahrzeichens nachgedacht. Warum sagt man nicht gleich, dass man die Politik Bismarcks in einen größeren Zusammenhang stellen will. Wie macht man das? Man nimmt eine historische Einordnung vor. Schautafeln oder Darstellungen von Menschen, die im Kaiserreich gelitten haben, können zum Nachdenken anregen. Man holt die Vergessenen, Gedemütigten und Toten aus dem Schatten und gibt ihnen eine Stimme. Ein Hamburger Theologe wollte den demontierten Kopf Bismarcks neben das Denkmal legen. Will man polarisieren oder doch vielleicht lieber informieren?
Denkmäler unterlagen immer dem Zeitgeist, sie spiegeln unterschiedliche Epochen wider. Der Wunsch der Menschen nach heroischer Übersteigerung aus Stein hat abgenommen. Heute übertreffen sich die Metropolen der Welt im Errichten von Monumentalbauten. Das höchste Gebäude steht in Dubai und misst 828 Meter. Wie werden die kommenden Generationen darauf schauen? Die alten Zeitzeugen stehen noch oft auf ihren Sockeln, Was machen wir mit diesen unliebsamen Gästen? Hinauswerfen oder einbeziehen? Erklären, das wäre ein Ansatz. Ein Denkmal ist oft auch ein Mahnmal, das mahnend an ein historisches Ereignis erinnern soll. Versehen mit einer verständlichen historischen Einordnung erfüllen diese Steinernen Gäste eine wichtige Aufgabe.
Fotos: David Baltzer, Bismarck-Denkmal: Kcper