Beitrag: Sabine Ziesmer

Foto: Sabine Ziesmer
Ich gehe sehr gerne zu Vorträgen, die im KörberHaus angeboten werden. Sie finden immer in einer entspannten Atmosphäre mit vielen interessierten Zuhörern und Zuhörerinnen statt. Einige Themen beschäftigen mich häufig schon im Vorwege. So verhielt es sich auch mit der neuen ARTE-Dokumentation „Geraubtes Wirtschaftswunder“. Es sollten zahlreiche Mythen und Legenden rund um das deutsche Wirtschaftswunder entzaubert werden. Was weiß ich noch über die „Stunde Null“? Hat Ludwig Erhard die D-Mark und die Soziale Marktwirtschaft erfunden? Wie verhielt es sich mit Raub und Unrecht in der NS-Zeit?
Ja, ich werde mein Wissen mit Hilfe der Dokumentation noch einmal überprüfen. Den Zeitraum zwischen 1948 und 1973 kann ich noch zuordnen, alles andere basiert auf Erzählungen in der Kindheit, der eigenen Familie und der gesellschaftlichen Bubble, in der wir aufwuchsen.
Ich wurde 1957 in einem klassischen Hamburger Arbeiterviertel geboren. Mein Vater arbeitete im Schichtbetrieb im Hamburger Hafen und knatterte täglich mit seinem Moped der Marke Zündapp vom Hof. Für ihn war die Welt in Ordnung. Er hatte den Krieg unbeschadet an Leib und Seele überstanden, war erst spät Vater einer Tochter geworden, bewohnte eine helle Altbauwohnung mit funktionierender Ofenheizung und verfügte über eine beachtliche Menge an Lebensfreude. Man sollte doch meinen, dass er seine Familie glücklich machen konnte.
Meine Mutter hingegen nahm die Versprechungen des Wirtschaftswunders sehr ernst und schaute zweifelnd auf den wirtschaftlichen Fortschritt in ihrer Familie. Auch sie wünschte sich einen VW Käfer vor der Haustür, den Ring mit kleinem Brillanten und den Persianermantel als Statussymbol. Nichts davon konnte mein Vater mit seiner Hände Arbeit erwirtschaften. Meine Mutter nahm das mit verkniffenem Mund zur Kenntnis und trug es als stillen Vorwurf stets vor sich her. Das Wirtschaftswunder war an uns vorbeigegangen.

Foto aus einem alten Katalog
Ich habe eindeutig von der positiven Lebenseinstellung meines Vaters profitiert, der lieber mit mir in der Sandkiste saß, als seine Statussymbole zu polieren. Wie auch, wo die alte Zündapp nur vom Rost zusammengehalten wurde. Meine Mutter konnte es nie überwinden, nicht Teil des Wirtschaftswunders geworden zu sein. Mir aber sollte es einmal besser gehen, ich sollte studieren und das Wirtschaftswunder 2.0 erleben dürfen. Sie hat für mein Fortkommen alle Kraft mobilisiert und sich an meinen Erfolgen gefreut. Nun war nicht mehr das Wirtschaftswunder bei uns Thema Nummer Eins, sondern mein Studium und meine Zukunft. Sie konnte uns ganz allein den Wohlstand schaffen, den sie so lange vermissen musste.
Der Film ist spannend, voller neuer Fakten und natürlich ploppen die Erinnerungen an die eigene Familiengeschichte auf. Wie haben meine Eltern bis 1945 gelebt? Wie haben sie den Wiederaufbau geschafft? Worüber haben wir nie geredet? All diese Frage wirft die ARTE-Dokumentation auch auf. Viele Fragen, viel Schweigen und wenige Antworten innerhalb der Familien. Am 15.10. kann man die deutsche TV-Premiere auf ARTE sehen. Es lohnt sich.