Geschichten und Gedichte

Malwettbewerb

Beitrag: Edith Kalisch

Es ist nicht wichtig, ob man gut malen oder zeichnen kann. Wichtig ist nur der Spaß an der Sache.

Ja, Spaß haben wir, Janosch und ich. Wir haben es uns angewöhnt, neben vielen anderen Spielen einen Malwettbewerb zu veranstalten. Jedes Mal, wenn wir uns treffen. Und das ist nicht gerade selten.

Janosch malt für sein Leben gern. Viele Erlebnisse werden „auf Papier“ nachgearbeitet. Die Bilder kleben dann an Kacheln in der Küche und bei mir im Flur am Einbauschrank. Für alle gut sichtbar. Der Platz wird geringer. Wir müssen uns etwas einfallen lassen. Die Freude am Malen bleibt.

Auch jetzt wird Papier, werden Buntstifte auf dem Tisch verteilt. Es ist also wieder so weit. Das Thema oder „die Kategorie“ (wie Janosch sagt) wird ausgehandelt. Während er das Weltall bevorzugt oder die Unterwasserwelt, Dinos, Schiffe auf der Elbe, liegen diese Themen mir nicht so. Vor allem, weil wir die … na ja, hatten wir schon. So habe ich eine Chance, meinen Vorschlag einzubringen. Janosch ist immer begeistert. Kommentiert ihn mit „Gute Idee!“ Bin ich froh. Heute: Albrecht Dürers Eichhörnchen. Das sind Janoschs Lieblingstiere. Konnte ja nichts schiefgehen.

Bevor wir beginnen, werden noch einmal die Regeln erörtert:

Nicht abgucken! – Wir halten uns Beide nicht so dran, aber wer merkt das schon.

Nicht radieren! – In diesem Fall waren wir etwas überfordert. Herr Dürer hat uns sehr viel voraus. Also einigen wir uns, und so rubbelt das Radiergummi mal bei dem Einen, mal bei dem Anderen über das dünner werdende Blatt.

Signieren! – Wer das vergisst, hat bei der Beurteilung das Nachsehen. Ich gebe mir Mühe.

Wir beginnen. Ach, es ist so schwierig. Wir haben jeder eine andere Sichtweise. Während ich mit dem Kopf beginne, lässt Janosch erstmal die Füße und den Bauch wachsen. Nachdem ich noch versuche, dem Eichhörnchen ein kuscheliges Fell zu verpassen, ist er schon fertig.

Verkündet, er möchte noch etwas ergänzen. Ein Kobel (kugelförmiges Nest von Eichhörnchen) versteckt sich nun im Baum. Das Eichhörnchen sitzt zum Nüsse Puhlen auf dem Tisch. Für alle Fälle liegt eine Spritze bereit. Er könnte ja krank sein. Der Retter müsste sich die daneben liegenden Handschuhe überziehen, damit er sich nicht infiziert, wenn er das kleine Tier in die Eichhörnchen-Aufzuchtstation bringt. Wir sehen, Vorsorge ist immer gut. Ja, daran hatte Herr Dürer nicht gedacht.

Nun endlich, auch ich bin so weit.

Es ist ein Wettbewerb! Ein Wettbewerb ohne Bewertung ist nicht möglich.

Mangels anderer Beurteiler bin ich (leider) verpflichtet, diese Aufgabe zu übernehmen. Ich stehe also auf. Wende mich an das Publikum, das wie immer zahlreich erschienen ist. Freue mich darüber. Begrüße sie. Den Künstler stelle ich vor. Er deutet eine Verbeugung in alle Richtungen an, setzt sich wieder. Die Spannung steigt, Stühle werden noch einmal zurechtgerückt, kleines Räuspern. Dann Stille. Erwartungsvolle Blicke.

Ich studiere beide Gemälde. Was sage ich bloß? Vorsichtshalber beginne ich mit meinem Bild. Muss objektiv sein.

Dann wird das andere Bild gezeigt. Ich werde beobachtet. Zwischendurch kommt ein Kommentar von der Seite, weil ich etwas übersehen habe. So geht es eine ganze Weile. Höre ich auf zu interpretieren, ist es dem Künstler neben mir nicht recht. Er verlangt eine längere, eine noch detailliertere Beurteilung.

Endlich wird abgestimmt. Das Publikum (Janosch, Sie ahnen es) entscheidet durch Applaus. Frenetischer Beifall erfolgt. Bravorufe werden laut. Der Applaus meines Gemäldes fällt etwas verhaltener aus.

Gewinner ist Janosch!

PS: Eines Tages werde ich gewinnen. Bestimmt.

Fotos: Edith Kalisch

2 Gedanken zu „Malwettbewerb“

  1. Janosch hat zurecht gewonnen.

    aber auch das zweite Bild ist gut geworden.

    Edith, übe schön weiter dann wirst auch du eines Tages gewinnen

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