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Beitrag: Sabine Ziesmer

In einem grünen Sommerkleid sitzt Frau Käßmann dem Moderator Andreas Bormann lachend gegenüber. Der Saal ist voll, die Laune auch des Publikums, dem wunderbaren Sommerwetter entsprechend, ausgelassen und der Start ins Gespräch launig. Gefragt nach ihrem Lieblingsfilm bekennt sie sich zu „Der Schatz im Silbersee“ von 1962 mit dem jugendlichen Götz George. Sie wuchs mit ihren beiden Schwestern in Stadtallendorf mit einem lebensfrohen Vater und einer strengen Mutter auf. Die Autowerkstatt des Vaters war für sie ein Lieblingsort um zu lernen und dem Vater nah zu sein. Er war ein fleißiger und geselliger Mensch, der mit Kunden und Freunden eher nachsichtig war und seiner Frau die buchhalterischen Aufgaben überließ. Ich bin derselbe Jahrgang wie Frau Käßmann. Mein Vater saß auch gern mit mir zusammen, um mir von seiner Welt im Hafen zu erzählen, mit mir zu lachen und kleine Geheimnisse zu teilen, während meine Mutter die Zügel fest in den Händen hielt. Diese Väter haben uns geprägt, gemacht haben uns die Mütter. Auf dem Gymnasium wurden wir darauf hingewiesen, dass Kinder aus der Arbeiter- und Handwerkerschicht nicht dorthin gehörten – Armes Deutschland!  So sitze ich mitten unter den Zuschauenden und dennoch zugleich mit der jungen Margot in einer bundesrepublikanischen Wirklichkeit der 70er Jahre, in der wir uns einen Platz hart erarbeiten mussten.

Die Kirche hatte in Margot Käßmanns jungem Leben eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Der monatlich stattfindende Kirchgang, darauf einigte man sich in der Familie, war nicht so bedeutend wie der „Disco Keller“ der Kirche, wo erste Lieben und Freundschaften ihren Ursprung hatten – alles zu „Angi“ von den Stones, eng getanzt. Wer erinnert sich nicht? Frau Käßmann spricht wenig über ihre Zeit als Bischöfin, dennoch klingt durch, dass sie sich in einer von Männern dominierten Welt ihren Platz erobern musste und ihre Aufgaben aber aus vollem Herzen erfüllt hat. Rot, gegen die Angst vor der Übermacht der Männer. Sie hat sich behauptet. An ihrer Position festhalten, um jeden Preis, wollte sie nicht. Das Leben als Weg begriffen, bietet viele Abzweigungen, man muss nur auf sein Herz hören. Das hat sie getan. Nach einer schweren Krankheit, einer Scheidung und dem Ausscheiden aus ihrem Amt als Bischöfin, geht sie nun andere Wege. Sie genießt die Insel Usedom, ihre zweite Ehe mit ihrem Jugendfreund Andreas aus dem Disco Keller, das Schreiben von Büchern und die vielen verschiedenen kirchlichen Auftritte an unterschiedlichsten Orten. Sie ist ein Mensch mit Haltung. Sie kämpft für Frieden und Freiheit, für Aufrichtigkeit und die Kraft des Wortes. Sie hat gemacht, woran ihr Herz hing und sie ist zufrieden.

Es war ein besonderer Abend mit Margot Käßmann, an dem auch ich mich an meinen Vater, meine strenge Mutter und an die Hindernisse, die es zu überwinden galt, erinnern durfte.   

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