Beitrag: Sabine Ziesmer
Der meistgelesene Beitrag des Jahres 2024.
Rechtzeitig vor dem Aschermittwoch beginnt man in den Vier- und Marschlanden, Vorbereitungen zum Hammer-Hü-Laufen zu treffen. Es werden Vorräte an Süßigkeiten angelegt, und ein Brett oder eine Kiste wird schon mal griffbereit in die Nähe der Haustür gerückt. Trifft man Anfang Februar auf neue Nachbarn, sollte man sie unbedingt in die Geheimnisse des Brauchtums einweihen. So kann man Enttäuschungen rechtzeitig vorbeugen. Hammer-Hü-Laufen, erfährt man immer häufiger, nie gehört – was ist das denn?
Es handelt sich dabei um einen Fastnachtsbrauch in den Vier- und Marschlanden, der in Kirchwerder und Ochsenwerder gegangen wird. Am Faschingsdienstag beginnen nach der Schule die Kinder östlich des Kirchwerder Landwegs, Aschermittwoch folgt Kirchwerder westlich des Landwegs, und am Donnerstagvormittag, da fällt die Schule aus, endet der Spaß mit Ochsenwerder.
Der traditionelle Umzug von Tür zu Tür erfolgt in voneinander unabhängigen Gruppen möglichst vieler kleiner Steppkes der ländlichen Umgebung. Sie alle eint ein gemeinsames Ziel, in möglichst kurzer Zeit ganz viele Süßigkeiten einzusammeln. Ausgerüstet mit Holzlöffel oder Holzhammer und Leinenbeutel wandern die Kindergruppen, oft noch begleitet von Eltern, von Haus zu Haus. Aus den Hochburgen des Karnevals kennt man es ja eher, dass ein Umzug, zur Freude aller Umstehenden, Kamelle unters Volk wirft. Bei uns holt sich der Zug die Kamelle an den präparierten Haustüren ab. Um eine indirekte Einladung an alle Naschkatzen auszusprechen, stellt man einfach ein Brett oder eine Kiste auf, die dann lautstark mit den Hämmerchen bearbeitet wird. Hinter den Türen harren dann die fröhlichen Geber mit Körben voller Naschereien aus. Es erwartet sie dann nicht nur das frohe Lachen bunt verkleideter Kinder vom Kindergartenalter bis zum hochgewachsenen Schulkind, sondern auch ein Lied, das die Klopfenden anstimmen:
„Hammer, Hammer, hü. Giff mi`n lütten Klüü! Lot mi nich so lange stahn, ick mutt noch een Huus wieder gahn! Een Hus wieder wohnt de Snieder, een Huus achter wohnt de Slachter, een Huus in den Mitt, wohnt de (dicke) Smitt. Een Huus am Enn, dort giff dat `nen Pinn.“
Öffnet trotz bereitstehendem Brett niemand mit einem Korb voller „Klüü“, rufen die Kinder: „Witten Tweern, swatten Tweern, disse Olsch, de gifft nich geern!“

Foto: Ankes Schnittpunkt, Fünfhausen
Das Lied lernen sie im Kindergarten oder in der Schule. Die stillen Bittenden bekommen aber in der Regel auch ihren „Klüü“. Als meine Tochter mit Hammer und Beutel unterwegs war, lebten noch viele betagte Menschen entlang der Bettelmeile. Da mussten alle Kinder den Reim immer picobello aufsagen, sonst ging man auch mal unverrichteter Dinge und nicht selten tief enttäuscht weiter. Heute werden alle Kinder bedacht, mit und ohne Lied, damit die Freude über den Anspruch siegt. Gut so!
Woher kommt das Hammer-Hü-Laufen historisch betrachtet? Im 19. Jahrhundert prägte das bäuerliche Leben die Vierlande. Neben den wohlhabenden Bauern (Hufner und Kätner) gab es eine sogenannte „unterbäuerliche“ Schicht, die kein eigenes Land besaß und für die Bauern mit Landbesitz alle niederen Arbeiten verrichtete. Die Familien der armen Landarbeiter kamen eher schlecht als recht über die langen kalten Winter. Wenn sich die Speisekammern nach dem Jahreswechsel bedrohlich leerten, schickte man die Kinder zum Betteln von Haus zu Haus.
Einige Schulkinder in den Vier- und Marschlanden wissen um den geschichtlichen Hintergrund des Brauches Hammer-Hü-Laufen, beherrschen das traditionelle Lied und haben auch im Werkunterricht die Hämmerchen gesägt und gefeilt. Bei meiner Tochter, die die Zollenspieker Grundschule besuchte, war das der Fall. Als sie zu alt für das Hammer-Hü-Laufen wurde, gab es viele Jahre nur vereinzelte Besucher unserer aufgestellten Bretter. Die Süßigkeiten fanden keine singenden Abnehmer mehr. Seit einiger Zeit scheint sich das Blatt zu wenden, es gibt viele junge Familien an den Deichen. Kinder in bunten Kostümen laufen wieder Hammer-Hü, die alte Tradition wird neu belebt – mit und ohne Lied. Ich habe alles vorbereitet, und mein Nachmittag am Aschermittwoch gehört den Kindern.
Sehr schöne Tradition. Hoffentlich bleibt sie erhalten.
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