Geschichten und Gedichte

Kinderwelten – „Wird schon“

Beitrag: Edith Kalisch

Wer mit Kindern geht, die noch nicht die Schule besuchen, braucht Zeit. Zeit, um anzukommen, wenn ein Ziel gesetzt ist. In diesem Falle: ein Spielplatz. Ach, Zeit haben wir, mein Enkel Janosch und ich. Er kennt den Weg genau. Erst einmal wird auf der Mauer balanciert, dann geschaut, ob die Schnecke von gestern noch an ihrem Platz sitzt. Natürlich nicht, sie will ja auch weiter. Dafür müssen wir eine Spinne betrachten. Sie wartet auf Nahrhaftes. Ob ihr wohl der Magen knurrt? Nach so vielem Netze weben? Wir wissen es nicht. Wir nehmen nun nicht den vorgegebenen Weg, sondern streifen über die Wiese. Hier steht noch ein alter Apfelbaum. Ein sehr alter. Wir überlegen. Es gab hier also mal einen Garten. Scheint lange her zu sein. Endlich erreichen wir unser Ziel. Noch nicht ganz. Plötzlich rennt Janosch voraus, wieder zurück. Ist aufgeregt. Ist empört. “Siehst du dahinten den Wendehammer, Oma?“ „Ja und, was ist mit dem?“ Ich gucke verständnislos. „Und Oma, siehst du irgendwo ein Sackgassenschild?“ Ich verneine es. Das muss gemeldet werden. Unbedingt. Na gut, aber erstmal zum Spielplatz.

Auf dem wird nun alles erklettert. Nichts wird ausgelassen. Schaukel und das kleine Karussell werden ebenfalls bespielt. Alles erledigt? Ja. Lieber noch mal einen Baum besteigen. Immer so hoch! Ich mag gar nicht hingucken. Aber so große Lust hat er nun nicht mehr. Keine Kinder dort, die er kennt.

Also heimwärts. nun werden kleine Äste, Zweige, Steine gesammelt. Blätter sind auch wertvoll. Selbstverständlich muss ich die Schätze tragen. Schließlich muss er ja sammeln. Als ich protestiere, weil ich nur zwei Hände habe, werde ich mitleidig angesehen. Kurzerhand werden meine Jackentaschen vollgestopft. Dass bereits Vorhandenes zu Schaden kommt, bemerkt er nicht. Und Zuhause ist es sowieso vergessen, was bei mir in den Taschen vor sich hin krümelt.

Wir bummeln langsam zurück. Janosch wählt eine andere Strecke. Nanu? Ich kann mich doch auf seinen Orientierungssinn verlassen. Aber warum diese Straße? Na klar, hier stehen vor den Haustüren Kartons mit Inhalten, die von den Menschen, die dort wohnen, nicht mehr benötigt werden. Meistens sind sie mit der Aufschrift „zu verschenken“ versehen. Spannend für Enkel und (ich gebe es zu) auch für mich. Heute haben wir kein Glück – so müssen wir uns aber auch nicht rechtfertigen, wenn wir zu Hause ankommen.

An der Fahrbahnseite stehen die Autos, die Glück hatten, einen Parkplatz zu ergattern. Auch ein Camper steht hier. Nicht mehr das neueste Modell. Aber untersuchenswert. Eine Klappe mit dem Hinweis, dass hier wohl Wasser ablaufen kann. Sehr interessant. Janosch seufzt. “Wenn meine Eltern so einen Camper kauften, das wäre schön. Ich liebe Camper.“ Ich nicke. Auch ich. Mein Vorschlag, wir wünschen uns einen zu Weihnachten. „Wir Beide? Oma, und dann fahren wir um die Welt. Wenn ich 18 bin, mache ich den Führerschein und wir fahren los.“ Er schaut mich an. „Wie alt bist du dann?“ Ich rechne. „Ja, ungefähr 89 Jahre“.

Zuhause angekommen, wird der Camper schon entworfen

Stille. Dann legt Janosch mir seine Hand auf meinen Arm: „ Wird schon, Oma!“ Jetzt lebe ich nur noch gesund.

Fotos: Edith Kalisch

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