Freizeit & Reise

Von der Toskana zum Nordkap

Beitrag: Boike Jacobs

Am Hamburger Flughafen geht es bereits los. Der Schalter der spanischen Fluglinie ist zwar geöffnet, aber irgendetwas funktioniert nicht mit dem Computer. Angestellte eilen hin und her, ein Mechaniker erscheint, der Erfolg jedoch scheint gering. Es ist 7.30 Uhr, ich bin noch müde und sehne mich nach einer Tasse Kaffee. „In Malaga habe ich das auch schon erlebt, nix ging mehr, der Drucker kaputt, und alles musste mit der Hand geschrieben werden“, sagt Lieselotte. „Kenn ich“, antwortet Regina, „Spanien ist doch berüchtigt für solche Ausfälle.“ Alle vier Frauen, mit denen ich nach Florenz fliegen will, haben da schon ihre Erfahrungen gemacht, keine hält damit hinter dem Berge. „Und Du?“, fragt Barbara mich schließlich. „Ich bin vielleicht zehnmal in meinem Leben geflogen, da gibt es nicht viel zu berichten“, antworte ich. Schweigen. Ungläubiges Staunen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich werde in unseren gemeinsamen zehn Tagen in der Toskana noch viel zu hören bekommen von den Stränden, Bergen, Unwettern, Straßenzuständen, Häfen, Himmeln, Temperaturen, Trink- und Essgewohnheiten dieser Welt. Wir zwölf Frauen wohnen in einer wunderbaren alten Hofanlage, liebevoll gestaltet, mit dem Blick auf Weinfelder und Olivenhaine vor dem Hintergrund der Appeninen. Hier zeichnen und malen wir, halten etwas fest von der Schönheit ringsum. So entstehen unter anderem diese beiden Bilder von mir.

Gasse in Montefioralle

Morgendlicher Blick aus meinem Fenster

Aber wir fahren auch nach Arezzo und besichtigen großartige Kirchen, wir besuchen das mittelalterliche Dorf Montefioralle und machen dort Skizzen. Doch es dauert nie lange, bis die ersten Vergleiche gezogen werden. Zu einer Kathedrale in Nordspanien. Zu einem Dorf in den Abruzzen, das ganz ähnlich aussieht wie Montefioralle. „Wie hieß das bloß noch? Ihr kennt es sicher.“ Am eindrucksvollsten und zugleich abwegigsten die Erinnerung, die Christine kommt, als wir an einem glühend heißen Tag einen engen, kurvigen Hohlweg entlang fahren. „Das erinnert mich an die Fahrt am Nordkap“, sagt sie spontan. „Da türmten sich rechts und links die Schneewehen meterhoch. Wir fuhren wie durch einen Eistunnel.“

Was ist nur geschehen mit uns. Es scheint mir, als gebe es für viele Menschen keine Gegenwart mehr, die für sich genossen werden kann. Alles wird mit allem verglichen und verknüpft, jeder neue Eindruck wird verbunden mit einem älteren, Fäden ohne Ende, die zwischen Schottland und Sizilien, der Türkei und Neuseeland, Argentinien und Indien, Marokko und Schweden und eben der Toskana und dem Nordkap geknüpft werden. Der Kopf scheint vollgestopft mit so vielen Bildern und Erlebnissen, dass sie durcheinander fallen, in die falschen Ordner geraten, unübersichtlich werden. Wie die unendlich vielen Fotos, die auf Smartphones und Tablets gespeichert werden und später nur noch mühsam zu finden sind.

Vom weltweiten IT-Ausfall ist am Ende auch unser Rückflug betroffen. Mit 14 Stunden Verspätung heben wir schließlich um 20.30 Uhr vom Flughafen in Pisa ab. Und in dieser endlos langen Zeit erfahre ich alles über Flugausfälle, Umbuchungen, verloren gegangene Gepäckstücke, schuldlos verpasste Abflüge, arrogantes Personal. „Am schlimmsten war es in Buenos Aires.“ Aber ich möchte nur noch schlafen – und träumen von unvergleichlich schönen Tagen in der Toskana.

Fotos: Boike Jacobs

2 Gedanken zu „Von der Toskana zum Nordkap“

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