Beitrag: Sabine Ziesmer
Twenty-four-seven beschreibt es schnörkellos und sachlich: Rund um die Uhr, 24 Stunden an 7 Tagen, sollte man erreichbar und einsatzbereit sein. Man beschreibt damit die Rolle des arbeitenden Menschen in einer digitalen Welt.
Ich bin 67 Jahre alt und seit nunmehr 18 Monaten im Ruhestand. Wenn ich früher nicht erreichbar sein wollte, musste ich nur nicht ans Telefon gehen und die Türklingel einfach Türklingel sein lassen. Wir waren halt analog unterwegs. Das ist allerdings sehr kurz gedacht. Ich habe Schule und Studium zumindest mitfinanzieren müssen, als Arbeiterkind waren die Spielräume eng. Rund um die Uhr kreisten die Gedanken um den Job und die Ausbildung. 24 Stunden an 7 Tagen erlebte ich Anstrengung und Existenzangst. Die ersten Berufsjahre überschnitten sich mit der Erziehung meiner Tochter und der Entscheidung, als alleinerziehende Mutter für alles zuständig sein zu wollen und zu müssen. Wieder twenty-four-seven und wieder unfreiwillig. Irgendwann beginnt man eine Abhängigkeit von dieser allgegenwärtigen Belastung zu entwickeln. Wenn ich nicht völlig erschöpft in meine Kissen sank, erklärte ich meinen Tag für unausgefüllt. Die Grenze der Belastbarkeit wird immer weiter nach oben verschoben. Das galt früher und gilt auch heute. Natürlich wurde das Arbeitsaufkommen für mich im Laufe der Zeit weniger und die Ruhephase länger, aber so ganz ohne Struktur und Stress wollte ich auch nicht sein und ich verstand es gut, mich und mein Leben in Bewegung zu halten.

Begeisterung für das Ehrenamt. Bildgestaltung: HGZstudioDE
Im Februar 2023 fiel ich dann auch aus allen Wolken, als ich mich nach meiner feierlichen Verabschiedung in der vermeintlichen Bedeutungslosigkeit wiederfand. Ich würde von nun an im Ruhestand sein. Ich mochte weder den Begriff noch die Tatsache, nun meine Ruhe strukturieren zu müssen. Ruhe findet man nur dann, wenn man überhaupt eine Vorstellung davon hat, was Ruhe eigentlich ist. Wir brauchen immer das Gegenteil, um uns ganzheitlich zu fühlen. Ruhe bracht auch Unruhe, also regelmäßige Anstrengungen im positiven Sinne. So freute ich mich auch über einen Aufruf der Pastorin Schmidt im Bille Blatt, am Aufbau einer Biografie Gruppe mitzuwirken. Ich lerne gern neue Menschen kennen, liebe regelmäßige Termine und habe immer viel geschrieben. Ein Jahr lang befragten wir Menschen nach ihrer Berufsbiografie, um daraus ein Buch zu erstellen. Es war für mich eine völlig neue Art, mit meiner freien Zeit umzugehen.
Fortan würde ich meine Erfüllung in der Ausübung eines Ehrenamtes finden. Da hatte ich wieder einen Begriff kennengelernt, der mich ähnlich wie das Wort Ruhestand umtrieb. Ehrenamt klingt groß und selbstlos. Nun sollte ich wieder so viel Verantwortung tragen. Wollte ich das? Im alten Rom, soviel wusste ich noch, galt das Ehrenamt als ein öffentliches Amt ohne Vergütung. Heute sieht man darin eher ein freiwilliges Engagement für die Gesellschaft. Soweit will ich in Bezug auf meine Arbeit an verschiedenen Berufsbiografien nicht gehen. Natürlich sind wir mit Menschen unterschiedlichen Alters ins Gespräch gekommen, was dem einen oder anderen bestimmt gutgetan hat. Das Wort Ehrenamt erscheint mir in diesem Zusammenhang etwas überzogen, denn eine gesellschaftliche Aufgabe haben wir nicht unbedingt erfüllt. Vielleicht beschäftige ich mich auch zu sehr mit der Begrifflichkeit. Besser wäre es, wenn ich mich selbst in den Fokus stellte. Ich habe gern an meinen kleinen Geschichten geschrieben und darüber meine eigene Ruhelosigkeit zumindest ein Stückweit überwunden. Ich hatte ein wichtiges Etappenziel erreicht. So ein Ehrenamt führt auch gern zum nächsten. Ein Mit-Biograf erzählte mir vom bergedorf.blog und fragte mich im Nebensatz: Hast du Zeit und Lust? Sicher! Lust zu schreiben habe ich immer und die Freude, meine Zeit dafür aufzuwenden, spüre ich allemal.
Wenn man mich nun auf meinen Ruhestand anspricht, weiß ich etwas zu berichten, und das Wort Ehrenamt geht mir leichter von den Lippen. Begriffe lassen sich an die Lebenswirklichkeit des Einzelnen anpassen, wenn man es mit Ruhe angeht. Um noch etwas Würze in mein beruhigtes Leben zu bringen, arbeite ich noch einige Stunden in meinem alten Beruf. Es ist kein Ehrenamt, aber wir Ruheständler haben ja so viele Möglichkeiten, 24 Stunden an 7 Tagen zu entscheiden, wann wir auf Sendung gehen und wann nicht.
Was für kluge Gedanken in Bezug auf den Ruhestand. Ruhe braucht als Gegenteil auch die Unruhe. Das sehe ich genau so.
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Ich habe mich ebenfalls in vielen der Lebensgeschichten und Analysen wiedergefunden. Ein rundum schöner Beitrag!
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