Beitrag: Sabine Ziesmer
Ich war schon immer sehr gern in der Hamburger Theaterlandschaft unterwegs. Auch auf den kleinen Bühnen stoße ich auf herausragende Produktionen und großartige Regisseur*innen. Die Eröffnung des neuen Lichtwark-Theaters im KörberHaus habe ich mit Spannung erwartet – und ich wurde bislang auch nicht enttäuscht.
Dennoch zieht es mich immer wieder in die großen Säle des Schauspielhauses und des Thalia Theaters. Eine Freundin schwärmte so begeistert von dem Stück „Barocco“, dass ich sofort begann, mir entsprechendes Hintergrundwissen anzueignen. Dass man die europäische Stilepoche des 17. und 18. Jahrhunderts heute als Barock bezeichnet, war mir natürlich bekannt. Neu war mir allerdings, dass das Wort „barocco“ ursprünglich portugiesisch ist, aus dem dortigen Goldschmiedehandwerk stammt und übersetzt „unrunde, schiefrunde Perle“ heißt. Meine Neugier war geweckt. Zumal diese Perle auch als „eigenartig, wunderlich und ein bisschen verrückt“ galt.
Das Musiktheater „Barocco“ stammt von dem russischen Regisseur Kirill Serebrennikov und gilt als Manifest der Freiheit und als künstlerische Revolte. In der Süddeutschen Zeitung liest man von einer Mischung aus „Protest mit Pomp und Pathos“. Bezogen auf die portugiesische Herkunft des Wortes kann man also von „unrund“ im Sinne von „anders“ sprechen – ganz anders.
Kirill Serebrennikov hat sein Stück allen Menschen gewidmet, die von politischen Systemen unterdrückt werden. Aus dem Hausarrest heraus inszenierte er 2018 per Digitalstick sein Gesamtkunstwerk aus Musik, Tanz und Schauspiel an der bekanntesten Schauspielbühne Moskaus. Er verbindet den täglichen politischen Protest so vieler Menschen mit lebensfroher, überbordender Fantasie. „Eine Auftürmung von Bruchstücken aus Musical, Ballett und Oper von Händel bis Vivaldi, gedacht als Verneigung vor allen, die gegen pervertierte Staatsgewalt revoltieren, und sei es durch Selbstopferung“, war im Spiegel vom 1.6.23 zu lesen.
Nach diesem bewegenden Theaterabend konnte ich nicht sofort in den Alltag zurückkehren. Ich musste mir eine Ordnung schaffen, um den schnellen Wechsel durch die Jahrhunderte und die realpolitischen Zusammenhänge aus der Schönheit der Inszenierung herauszuheben, und dennoch die Verbindung von Lebenslust, Todesangst und Verzweiflung anzunehmen. Eine Kombination, die Ihresgleichen sucht. Es liegt so nahe beieinander – Tod und Schönheit. „Barocco“ war meine ganz besondere Theater–Perle, erschreckend, berührend und irgendwie tröstlich – „unrund“ eben und wild. Will man das Theatererlebnis beschreiben, stößt man schnell an seine Grenzen. Es ist nicht zu greifen, man muss es begreifen.
Das Stück forderte meine volle Aufmerksamkeit, so dass ich den drei Reihen vor mir sitzenden Bundeskanzler Scholz erst bemerkte, als man mich auf ihn hinwies. Niemand schien ihn wahrzunehmen, auch er durfte sich für mehr als zwei Stunden in die Welt Serebrennikovs einsaugen lassen. Ein Geschenk für uns alle.
So bemerkte vielleicht auch nicht jeder Zuschauer wie der Darsteller des Zauberers lässig, fast unmerklich und mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit von seinem eigentlichen Text abwich und sich unmittelbar an den Zuschauer Olaf Scholz richtete. Er wies uns, sein Publikum, darauf hin, dass auch die Vertreter demokratischer Staaten mit Antidemokraten verhandelten, um im Europaparlament Mehrheiten zu bekommen. Es war ein eindrucksvolles Statement und in seiner Aktualität wohl einzigartig.
An den Ostertagen kann man sich diese Perle der Schauspielkunst noch einmal ansehen. Dann wohl ohne den Kanzler im Publikum.