Beitrag: Boike Jacobs
Kaum bin ich in meine Wohnung am Gojenbergsweg eingezogen, entdecke ich in der August-Bebel-Straße das schmucke weiße Haus. In altmodischer Schrift ist darauf der ebenso altmodische Name zu lesen: „Guttemplerhaus“. Das hat irgendwas mit Alkohol zu tun, erinnere ich mich dunkel. Aber warum dieser seltsame Name, der an die Tempelritter erinnert, die einst einen Kreuzzug gegen die sogenannten Ungläubigen führten? Dem muss ich auf den Grund gehen.

Tatsächlich sind sie die Namensgeber für eine weltweite Organisation, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihren „Kreuzzug gegen den Branntwein“ von den USA aus begann. Nötig geworden war das durch die rasant wachsende Industrialisierung, die Menschen in großen Scharen in die Städte trieb, wo sie auf gut bezahlte Arbeitsplätze hofften. Auch Bergedorf erfuhr einen atemberaubenden Aufstieg: Bis zum Ersten Weltkrieg wuchs die Bevölkerung um 500 Prozent. Vor allem Glas-, Rattan- und Eisenindustrie siedelten sich zu einem Großteil entlang des Schleusengrabens an, über das Wasser der Elbe und ihrer Nebenarme sowie die Eisenbahn bestens an den Hamburger Hafen und die Absatzgebiete in ganz Deutschland angebunden.
Doch diese Tatsache bedeutete für die Arbeiterinnen und Arbeiter nur selten mehr Lebensqualität. Und so stieg, wie in allen Industrieländern, nicht nur die Zahl der Bergedorfer Einwohnerschaft rasant, sondern auch der Alkoholkonsum. Grund dafür war nicht zuletzt ein stetig wachsendes Angebot an billigem Kartoffelschnaps und Bergedorfer Bieren. Fabrikarbeit sei ohne Branntwein nicht durchzustehen, hieß es allgemein. Von jungen Mädchen bis zu gestandenen Familienvätern, sie alle sprachen dem Alkohol zu. Aber das Elend wurde damit nicht aufgehoben sondern nur noch gesteigert.

So ist es nicht verwunderlich, dass 1911 in der Bleichertwiete 29 im Hinterhaus die ersten Räume des Bergedorfer Guttemplerordens eröffnet wurden. Fünf Jahre später erfolgte dann der Umzug in den ansehnlichen Neubau in der damaligen Bergstraße 16, heute August-Bebel-Straße 24. Wie nötig es war, die allgemeine Trunksucht einzudämmen, war auch den Bergedorfer Behörden klar geworden, die diese Initiative unterstützten. Ende 1915 starteten sie sogar einen offiziellen Appell mit der Bitte, den Alkoholversand ins Feld zu unterlassen, „da zu viel Alkohol die Kriegstüchtigkeit der Soldaten beeinträchtigt“.

Erstaunlich ist, wie fortschrittlich die Satzungen des Guttemplerordens im Jahre 1907 bereits waren. „Der Orden steht Bekennern jedes Glaubens und jeder philosophischen und politischen Anschauung offen. Nationalität und Rasse dürfen kein Hindernis für die Ordensmitgliedschaft bilden„, heißt es in einem Artikel. Und in einem anderen wird dieser Grundsatz noch vertieft: „Die männlichen und weiblichen Mitglieder sind gleichberechtigt. Der Orden anerkennt keine Vorrechte der Geburt oder des Standes.”
Doch die Mitgliederzahl von 600.000 zu Beginn des 20. Jahrhunderts sank nach dem Ersten Weltkrieg rapide. Dennoch zeigt das Guttemplerhaus in der August-Bebel-Straße, dass die Bewegung weiterhin aktiv ist. Sie bezeichnet sich heute als „Selbsthilfegruppe der Gemeinschaft Bergedorf“ und bietet kostenlos Gesprächsgruppen und Gemeinschaften an. „Hier sprechen Menschen miteinander, die mit ihrem eigenen Alkoholkonsum oder dem eines Angehörigen Probleme haben. Dadurch eröffnen sich neue Sichtweisen, und oft bietet sich ein Ausweg aus einer belastenden Lebenssituation“, heißt es in einem Flyer. „Die Achtung vor jedem Teilnehmer und jeder Teilnehmerin sowie die unbedingte Vertraulichkeit des Geprächs sind ungeschriebene Gesetze jeder Guttempler-Gesprächsgruppe.“ Etwa ein Drittel aller Teilnehmenden kommt ohne zusätzliche Hilfe vom Alkohol los, den übrigen bieten die Guttempler Begleitung auf dem Weg zu therapeutischer Behandlung an. Edith Reese und Heinz Reimer, die das Guttemplerhaus seit langem leiten, wurden bereits vom damaligen Ersten Bürgermeister Olaf Scholz mit Medaille und Ehrenurkunde „für treue Arbeit im Dienste des Volkes“ ausgezeichnet. Kontakte können aufgenommen werden:
Dienstag 19.00 Uhr bis 21.00 Uhr
Ansprechpartner: Heinz Reimer, Telefon: 730 24 14 oder heinz.reimer@gmx.de
Fotos: Guttempler (kostenlos) und pixabay