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Hochbegabt und schnell vergessen

Beitrag: Boike Jacobs

Nein, dazu sei eine Frau nun wirklich nicht imstande, befanden die Herren der Schöpfung. Zu schwach, zu ungebildet, zu wenig kreativ. Eine Künstlerkarriere war für Frauen zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert jedenfalls nicht vorgesehen – es sei denn, sie stammten aus Künstlerfamilien. Da arbeiteten sie schon früh ihren Vätern und Brüdern zu und lernten ganz nebenbei das Malerhandwerk. In der Ausstellung „Geniale Frauen. Künstlerinnen und ihre Weggefährten“ präsentiert das Bucerius Kunst Forum nun 30 solche Frauen mit 150 Werken von der Renaissance bis zum Barock. Ihnen war der Sprung aus Küche und Kirche in die Welt der Künstler tatsächlich geglückt.

Besonders interessant ist, dass die Bilder der Frauen mehrfach denen ihrer männlichen Förderer gegenübergestellt werden. Da werden Gemeinsamkeiten ebenso deutlich wie Unterschiede. Und immer wieder zeigt sich, dass etliche von ihnen ihren Vätern und Brüdern überlegen waren.

Den Auftakt macht Catharina van Hemessens „Selbstbildnis an der Staffelei“ von 1548. Kaum zu glauben, aber es ist das erste Bild mit diesem Motiv, das bis in die Gegenwart von vielen Künstlern übernommen wurde. Zu sehen ist eine zarte, blasse Frau mit ernstem Gesicht, die dennoch Zielstrebigkeit und Zähigkeit ausstrahlt. Gefördert wurde sie von ihrem Bruder Jan von Hemessen, der sich viel selbstbewusster, aber zugleich viel weniger nuanciert darstellte.

Ein Gemeinschaftswerk ist das großflächige „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“ von 1650, überwiegend gemalt von Charles Wautier. Schon früh musste ihm seine Tochter Michaelina im Atelier helfen und bekam von ihrem Vater nach einigen Jahren besondere Aufgaben zugewiesen. So durfte das junge Mädchen auf diesem Bild den Knaben Jesus malen und zeigte dabei ihr ungewöhnliches Talent.

Die bekannteste Malerin Ende des 17. Jahrhunderts ist heute wohl Maria Sibylla Merian, deren feine Zeichnungen von Blumen und Insekten von besonderer Schönheit sind und seit 100 Jahren mit unzähligen Postkarten und Kunstdrucken ein begeistertes Publikum finden.

Die Ausstellung präsentiert jedoch nicht nur Leben und Wirken dieser ungewöhnlichen Frauen, sie wirft auch Fragen auf: Wie steht es heute mit der Gleichstellung von Künstlerinnen, wie können sie Beruf und Familie vereinen, welcher Platz wird ihnen von Kollegen eingeräumt? Die hier gezeigten Frauen waren Hofmalerinnen, Unternehmerinnen, Lehrende, Verlegerinnen und wurden mit höchsten Auszeichnungen versehen.

In ihren Porträts stellen sich Michaelina Wautier, Sybilla Fontana und Angelika Kaufmann entsprechend selbstsicher, stark und schön dar. Dass sie dennoch weitgehend in Vergessenheit gerieten, liegt an der Geschichte der Kunstwissenschaft: Bis vor 50 Jahren wurde sie ausschließlich von Männern bestimmt.

Die Ausstellung ist noch bis zum 28. Januar 2024 im Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12, zu sehen. Öffnungszeigen 11 bis 19 Uhr.

Fotos: pixabay

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