Beitrag: Ursel Tenne
Wir wohnten in der Wendenstraße in Hammerbrook, in der Nähe der Hamburger Innenstadt. Meine Eltern hatten einen „Seifenladen“ – so nannte man damals eine Art von Drogerie. Unsere Wohnung war zwar klein, aber in meinen Erinnerungen erlebte ich eine kurze glückliche Kindheit, trotz der vielen Luftangriffe. In einem großen Hof hinter den vielen Wohnblocks traf ich mich täglich mit vielen Kindern zum Spielen. Dann kam der Tag, der mein und das Leben meiner Eltern von nun an total verändern sollte.
Nachmittags beschloss meine Mutter, mit mir auf dem Fahrrad zu meinen Großeltern zu fahren – mein Vater musste im Geschäft bleiben, versprach uns aber, später nachzukommen. Auf dem Weg zu den Großeltern stürzte ich mit dem Rad, mein Knie blutete, und meine Mutter wollte wieder nach Hause fahren. Ich weinte aber, wollte unbedingt zur Oma, und meine Mutter gab nach. Wie sich später herausstellte, rettete diese Entscheidung unser Leben.

Wir fuhren also weiter nach Winterhude in die Gertigstraße, wo meine Großeltern wohnten. Dort verbrachten wir die kommende Nacht im Bunker, (der übrigens noch heute steht), wo ich wieder mit Kindern spielen konnte. So habe ich den allerschlimmsten Angriff auf Hamburg nicht bewusst miterleben müssen, denn Winterhude wurde in dieser Nacht nicht bombardiert.
Am kommenden Tag fuhr meine Mutter allein mit dem Rad zurück zur Wendenstraße und muss das unmenschliche Grauen persönlich erlebt haben: Nur durch spätere Erzählungen gegenüber meinen Großeltern und anderen Verwandten habe ich dann als Kind nach und nach erfahren, wie – im wahrsten Sinne des Wortes – für sie eine Welt zusammenbrach: Ganz Hammerbrook lag in Trümmern und Asche, kein Haus war stehen geblieben, sie konnte nicht durchkommen, versuchte, meinen Vater zu finden. Es muss die Hölle gewesen sein. Sie fand in den Trümmern nur seine Lederjacke! Dabei musste sie zusehen, wie Trümmer und Leichen wegtransportiert wurden.

Ein paar Tage danach wurde ich in Schleswig-Holstein mit anderen fremden Kindern untergebracht. Meine Mutter fuhr wieder zurück nach Hamburg, sicher immer mit dem Wunsch, irgendwo vielleicht Auskünfte zu erhalten, wohin die Menschen und vor allem mein Vater geflüchtet sein könnten. Sie erfuhr, dass in dieser schlimmen Nacht viele Lebende versucht hatten zu fliehen: Sie waren in den brennenden Kanal gesprungen, hatten versucht, sich in den Sandkisten zu retten. Später erfuhr sie über Umwege, dass mein Vater und wenige andere Menschen wohl im geschlossenen Kellerbunker erstickt waren. Die Kellertüren waren nicht mehr zu öffnen, keiner konnte hinauskommen.

1943 Spätsommer
Nun standen wir vor dem Nichts: Wir wohnten für ein paar Tage bei meinen Großeltern in Winterhude. Immer noch hatte meine Mutter Hoffnung, dass mein Vater sich vielleicht doch hätte retten können – vergebens. Schließlich erbarmte sich eine meiner Tanten und stellte uns ein Zimmer in ihrem Haus in Fuhlsbüttel zur Verfügung; immerhin konnte ich dort in den nächsten Wochen auf zwei zusammengestellten Bänken schlafen. In dieser feinen Gegend waren keine Bomben gefallen, alle Villen waren stehen geblieben. (Und sie stehen heute noch!) Für meine Mutter muss alles unerträglich gewesen sein, sie ließ es mich aber nicht merken, jedenfalls so gut es ging.

1943/1944 Winter
Anfang des nächsten Jahres bekam meine Mutter das Angebot eines Onkels, dass sie als Verkäuferin vorübergehend in seinem Getränkeladen in der Gertigstraße arbeiten könnte, um erst einmal wieder ein wenig Geld zu verdienen, denn wir hatten ja nichts mehr, weder Geld noch sonst etwas. So pendelten wir also täglich mit der Hochbahn von Fuhlsbüttel nach Winterhude hin und her, allerdings mussten wir fast jedes Mal am Winterhuder Marktplatz die Bahn verlassen, um in dem nahegelegenen Bunker den Fliegeralarm abzuwarten.
Doch dieses alles war keine Dauerlösung, und um meine Tante nicht zu stark zu belasten, beschloss meine Mutter, dass wir in unseren Schrebergarten bei der Trabrennbahn in Farmsen umziehen. Von dort fuhr sie nun täglich nach Winterhude in den Laden, und ich konnte währenddessen „auf dem Land“ mit anderen Kindern herumtoben und lernte im Badesee schwimmen. Allerdings konnten wir nur bis zum Ende des Sommers bleiben, dann mussten wir uns eine neue Bleibe für den Winter suchen. In unserer Gartenlaube gab es keine Heizung, keine hygienische Einrichtung – es war eben nur eine Sommerunterkunft. So versuchten wir, uns einen kleinen Raum hinter dem Getränkeladen wohnbar zu machen. Meine Mutter konnte dort in einem kleinen Raum schlafen, für mich gab es ein „Ziehharmonika-Bett“ zwischen den gestapelten leeren Wein- und Schnapsflaschen. Aber wir beide hatten nun ein kleines Heim und versuchten, es im hinteren Teil des Ladens so gemütlich wie irgend möglich einzurichten.
Sommer 1944
Ich erinnere mich gut an die Zeit, als die Engländer einmarschierten und mit ihren großen Autos mehrere Wochen an der Alster standen. Für uns Kinder sehr erfreulich, weil sie fast immer Schokolade für uns hatten. Dann kam ich in die Schule in der Barmbeker Straße. Wie für alle Kinder war das eine sehr aufregende Zeit – ich ging gern dorthin.
Ich weiß nicht genau, wie alt ich war, als wir endlich ein Zimmer zugewiesen bekamen in Barmbek: Die Wohnung war groß, insgesamt dreieinhalb Zimmer! Allerdings wurde sie geteilt: Wir bekamen ein Zimmer mit einer Schiebetür, hinter der die Wohnungsinhaberin wohnte. In den eineinhalb Zimmern lebte ein junges Ehepaar mit einem Baby. Es war von vornherein klar, dass eine solche „Wohngemeinschaft“ nicht immer gutgehen konnte. Meine Mutter durfte die kleine Küche mitbenutzen, aber nur zu einer bestimmten Zeit für eine Stunde. (Wir besaßen nicht mal einen Kochtopf!) Zum Baden bekam jeder seine zugestandene Zeit. Das führte natürlich oft zu unerfreulichen Zusammenstößen.

Meine Mutter arbeitete immer noch in der Gertigstraße. Manchmal nahm sie sich einen Tag frei und ging hamstern: Sie fuhr mit der U-Bahn zum Hafen und von dort in die Vierlanden, um Äpfel für uns und die junge Familie bei uns zu „hamstern“.
Ich erinnere mich, dass sie einmal weinend nach Hause kam: „Stell Dir vor, ich wollte schon aus dem Schiff aussteigen, da hat man mich erwischt und alle mühselig erhaltenen Äpfel und Zigaretten wurden mir von der Polizei wieder abgenommen!“ (Hamstern war verboten!)
Ich hatte viele Freunde und Freundinnen, mit denen ich in den Trümmern spielen konnte: Wir bauten uns dort aus Trümmersteinen eine kleine Wohnung. – Im Winter konnten wir fast vor der Tür auf dem zugefrorenen Kanal spielen. Zum Muttertag kletterten wir über die stehengebliebenen Mauern in ausgestorbene Gärten, um einen Fliederstrauß für unsere Mütter zu pflücken.
Ich kam dann auf die „Höhere Schule“ in Mundsburg und lernte neue Freundinnen kennen. Wir erlebten mit, dass die Hochbahn wieder fuhr und wir dadurch auch ohne Rad in die Schule kommen konnten. Als ich16 Jahre alt war, bekamen wir endlich eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung in Horn. Erst da begann also für mich das „normale Leben“.
Ursel Tenne, alle Fotos privat
Sehr bewegender und informativer Beitrag!
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