Dieses und Jenes

LiteraTürchen

Beitrag: Sabine Ziesmer

Bücher finden ihren Weg in die Herzen ihrer Leserinnen und Leser. Wie durch eine unsichtbare Tür gelangen wir in unbekannte Welten. Manche Geschichten sind wie große Schlosstüren, beeindruckend und imposant. Andere hingegen sind die unscheinbaren Türchen für die kleine, aber feine Freude am geschriebenen Wort. Seit ich erste Sätze erlesen kann, begleiten mich Bücher durch mein Leben. Sie haben mir Mut gemacht, mir neue Wege aufgezeigt, meine Gefühle umschrieben, mich zu Tränen gerührt, mir die Welt erklärt und Ruhe in meinen Tag getragen. Nicht alle Bücher werden zu Wegbegleitern, die es aber schaffen, bleiben für immer.

Vor drei Jahren besuchte ich zum ersten Mal die Leipziger Buchmesse. Ich hatte endlich Zeit für diese Herausforderung. Neben der eigentlichen Buchmesse finden überall in Leipzig Lesungen statt. Unter dem Motto „Leipzig liest – Wo Geschichten uns verbinden“ öffnen traditionelle Orte wie das Rathaus, die Alte Handelsbörse, Friedhöfe, Kirchen, Bibliotheken, Buchhandlungen, Museen, Kneipen, Kulturstätten, Kinos und Theater ihre Pforten für unterschiedlichste Autorinnen und Autoren und für alle Lesenden. Gedichte, Kurzgeschichten, Biografien, Romane, Sachbücher, Kinderliteratur und vieles mehr wird an über 300 Leseorten präsentiert und bietet Raum für Begegnungen mit Menschen und die gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart, aber auch für Spannung und Humor. Zwischen wütenden jungen, feministischen Lyrikerinnen, altgedienten Europaparlamentariern wie Cohn-Bendit und rotzigen Sternstunden aus dem Alltag von Heinz Strunk, luden die schönen Kaffeehäuser im Wiener Stil zum Verweilen ein. Hier konnte ich endlich guten Kaffee genießen und mich auf die nächste Lesung freuen.

2025 wurde der Roman Halbinsel von der in Hamburger lebenden Schriftstellerin Kristine Bilkau mit dem Preis der Leipziger Buchmesseausgezeichnet. Ich habe ihren Roman Nebenan gelesen, der mich durch eine besondere Tür in das Reich der Literatur führte. Man taucht mit den Protagonistinnen Astrid, einer 60jährigen Ärztin, und Julia, Kunsthistorikerin mit unerfülltem Kinderwunsch, in einen bizarren kleinen Ort am Nord-Ostsee-Kanal ein, der sich auf alltägliche Weise im Verfall eingerichtet zu haben scheint. Tristesse neben gleichzeitig unberührter Natur soweit das Auge reicht. Mitten aus diesem Alltag heraus verschwindet eine Familie. Neben Astrid und Julia sowie deren Ehepartnern sind auch noch Astrids alte Tante und ein rätselhafter Jugendlicher am Verbleib der Familie interessiert. Hier ist vorsorglich anzumerken, dass dieses LiteraTürchen nicht in die Welt der Krimis führt, es an unheimlichen Momenten aber nicht mangelt. Die Geheimnisse der Dorfgemeinschaft und ihre immer wiederkehrenden Existenzängste, werden sehr einfühlsam in schöne Formulierungen eingebettet. Es ist Raum für Spannung, Alltagsprosa und Melancholie – ein sehr lesenswerter Roman.

In diesem Jahr erhielt Katerina Poladjan den Buchpreis in der Kategorie Belletristik für ihr Werk Goldstrand. Ob ich dieses LiteraTürchen öffnen werde, weiß ich noch nicht. Ich lese, um der Freude willen – ich lasse mich in die Geschichten fallen und möchte weich aufkommen. In diesem Sinne und dem meines Hundes Max, der am besten auf einem Bücherhaufen schlafen konnte, wünsche ich Ihnen ein glückliches Händchen für die richtigen LiteraTürchen.

Fotos: Hubertus Ziesmer, pixabay

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