Aus der Region

Wer war Abelke Bleken?

Beitrag: Sabine Ziesmer

Wie diese Frauen im Jahr 1585 starb auch Abelke Bleken in den Flammen

Ich lebe seit fast vierzig Jahren in den Vier- und Marschlanden. Die Geschichte dieses zu Hamburg gehörenden Landstrichs, die Kultur, die Menschen und der Einfluss des Elbstroms üben auf viele von uns Zugezogene eine besondere Anziehungskraft aus. Durch die unmittelbare Nähe des Konzentrationslagers Neuengamme beschränkte sich mein Interesse lange auf die Rolle der Vier- und Marschländer im Nationalsozialismus. Es gibt in meiner unmittelbaren Umgebung noch viele Zeitzeugen, die allerdings ungern über die Rolle ihrer Höfe im Zusammenhang mit Zwangsarbeit sprechen mögen. Ein Blick in die Archive des Konzentrationslagers entlarvt die relativierenden Angaben der Bauern als das was sie sind: Verleugnung von Mitschuld oder folgenschweres Wegschauen.

Als ich in der Buchhandlung auf den Roman „Marschlande“ von Jarka Kubsova stieß, war mein Interesse sofort geweckt. Ich hatte mich bereits mit Hexenverfolgung in Hamburg beschäftigt. Mindestens vierzig Frauen und mehr als ein Dutzend Männer fanden über mehrere Jahrhunderte nach grausamen Schauprozessen den Tod. Viele Hinrichtungen erfolgten nach der Reformation im Jahr 1529. Die letzte bekannte Hinrichtung wegen Zauberei in Hamburg geht auf das Jahr 1642 zurück, als Cillie Hemels verbrannt wurde. „Marschlande“ erzählt die wahre Geschichte der Abelke Bleken aus Ochsenwerder, die am 18. März 1583 als Hexe verbrannt wurde. Ein Frauenschicksal in meiner näheren Umgebung. Das durch die „peinliche Befragung“, eine Umschreibung für grausame Folter, herbeigeführte Geständnis, liegt als Gedächtnisprotokoll vor. Dieses Protokoll ist in seiner Form einzigartig und liefert interessante Einblicke in Abelkes vermeintliche Taten und ihre angeblichen Zauberpraktiken. Man kann es im geschichtsbuch.hamburg.de nachlesen.

In ganz Ochsenwärder gab`s um 1530 kein schöneres Mädchen als Abelke Bleken, des reichen Bauern einziges Kind. Wer ihr rosig Antlitz sah, dem wurde auch mitten im Winter ganz frühlingslustig zu Mute. Sie war ihrer Eltern Freude und Glück, Jedermann hatte sie lieb, die jungen Burschen mochten nur mit ihr zum Tanz gehen. Freien aber wollte sie nicht. (….) Darüber vergingen Jahre. Die Eltern waren gestorben, Abelke hatte das Gehöft geerbt und waltete darin wie eine verständige Bäuerin …

Mit diesen Sätzen beginnt eine Hamburger Sage. Und sofort erkennen der Leser und die Leserin, dass diese Erfolgsgeschichte ein schreckliches Ende nehmen musste. Abelke war unabhängig, klug und selbstbewusst. Sie bewirtschaftete erfolgreich einen neun Hektar großen Hof, der allein auf ihren Namen eingetragen war. Sie verstand ihr Handwerk, widersetzte sich jedem Heiratskandidaten, vergnügte sich am liebsten mit Freundinnen bei Tanz und Dorfspektakel und neigte zu unkonventionellen Lösungen ihrer vielfältigen Probleme. Der Vorwurf der Zauberei lag bei den Männern auf der Hand, die selbige nach ihrem Hof ausstreckten. Die Sage über Abelke unterschlägt aber bedeutende historische Ereignisse. 1570 wurden viele Höfe durch die Allerheiligenflut, die zu einem Deichbruch führte, stark getroffen. Abelke und ihre Nachbarn waren nach damaligen Deichrecht verpflichtet, den Deich wiederherzustellen, da ihre Höfe an ihn grenzten. Der Hamburger Kaufmann Johann Huge hatte längst ein Auge auf einige der Marschländer Höfe geworfen. Mit Hilfe des Deichvogts Klaeter machte man es Abelke unmöglich, den Schaden am Deich fristgerecht zu beheben. Ihr Hof wurde enteignet und die aufbegehrende Abelke wegen Zauberei vor Gericht gestellt. Es lässt sich wissenschaftlich nachweisen, dass in der damaligen Zeit Landenteignung und Hexenverfolgung miteinander in Verbindung standen. Viele Frauen mit Grund und Boden, aber auch Männer, verloren ihren Besitz an die habgierige Feudalklasse.

Der Abelke-Bleken-Ring geht vom Ochsenwerder Landscheideweg ab

Im Jahre 2015 wurden auf dem Ohlsdorfer Friedhof Gedenksteine aufgestellt für alle Frauen, die Opfer der Hexenverfolgung wurden, darunter auch für Abelke Bleken

Wer mehr über Abelke Bleken erfahren möchte, dem sei das Buch „Marschlande“ sehr ans Herz gelegt. Neben Abelkes Schicksal erfährt man auch etwas über die fiktive Britta Stöver, die fast fünfhundert Jahre später mit ihrer Familie in die Marschlande zieht. Die Frauen verbindet der ungebrochene Wunsch nach Selbstbestimmung. Ich habe mich immer gefragt, wie der Nachname Gladiator in unser Landgebiet gekommen ist. Hatten sich die Römer hier angesiedelt? Es war etwas banaler. Der Deichvogt Klaeter fühlte sich zu Höherem berufen und wandelte seinen Namen in Gladiator um. Klingt ja auch sehr ähnlich und wertet enorm auf. Viel Freude beim Lesen.

Fotos: gemeinfrei, Sabine Ziesmer

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