Beitrag: Boike Jacobs

Katastrophe. Desaster. Drama epischen Ausmaßes. Riesenschock, so die deutschen Medien. Was ist geschehen? Wo bebt die Erde? Ist ein Vulkan ausgebrochen, reißt ein Tsunami alles nieder? Nichts dergleichen. Es geht lediglich um den Eiskunstlauf der Herren: Bei den Olympischen Spielen in Mailand zeigte der haushohe Favorit Ilia Malinin „eine Kür zum Vergessen“, bei der keiner seiner legendären Vierfach-Sprünge gelang. Im Internet hieß es: „ARD-Reporter entsetzt.“ Und die BILD-Zeitung titelte: „Der junge Gott ist abgestürzt.“
Man mag es kaum glauben, welche Ansprüche da an eine Sportart gestellt werden. Und was für ein Druck sich aufbaut in einem ehrgeizigen, talentierten 21-Jährigen, der am Ende vor den Augen der ganzen Welt sein Ziel weit verfehlte. Ein selbst gewähltes Ziel? Ein von der Gesellschaft herbei gejubeltes Ziel? Ein von den Eltern über viele Jahre gefordertes Ziel? In der wohl bislang größten Niederlage seines Sohnes wandte sich Ilia Malinins Vater demonstrativ ab – kein Trost, kein Mitgefühl.
Wenn es gut geht, sieht im Eiskunstlauf alles so leicht aus, als schwebten die Tänzerinnen und Tänzer – einzeln oder als Paare – über die glatte Fläche, sie springen, als hätten sie Flügel, drehen, wiegen sich und lächeln dabei, als sei es das Natürlichste von der Welt. Dabei hat es zu Beginn im Eiskunstlauf keine doppelten Axel, Rittberger oder Tooloops gegeben, die wurden erstmals in den zwanziger Jahren vorgeführt. 30 Jahre später gehörten sie bereits zum Standard-Repertoire, und 1982 folgten die ersten Dreifachsprünge. Wer erinnert sich nicht an die zarte junge Japanerin Midori Ito, die damit weltweit Begeisterungsstürme auslöste? Vierfachsprünge wurden damals allerdings verboten, ebenso der Salto rückwärts.

Das hat sich nun geändert, denn Ilia Malinin hat gerade damit bereits Medaillen errungen und wurde als „Vierfachgott“ gefeiert. Aber das Verbot hatte durchaus seine Berechtigung, denn diese Anforderungen sind für den Körper in hohem Maße gefährlich. Nicht nur Prellungen, Knöchelverstauchungen, Knieverletzungen und Ermüdungsbrüche gehören zum Trainingsalltag der Sportlerinnen und Sportler auf dem harten Eis, selbst Kopfverletzungen treten immer wieder auf. Besonders gefährlich sind die bleibenden Schäden an den Gelenken und an der Wirbelsäule, die diese Sportart fordert. Auch Eiskunstläufer haben keine Flügel, und sie sind auch keine Roboter, die jede Belastung aushalten können.
Apropos Roboter: Das hatte die erfolgreiche 41-jährige Abfahrtsläuferin Lindsay Vonn von ihrem Körper behauptet, als sie trotz ihrer Knieverletzungen erneut im Super-G um die Goldmedaille fuhr. Warnungen gab es genug, und es dauerte nur 13 Sekunden, bis sie verheerend stürzte und sich einen komplizierten Beinbruch zuzog. Mittlerweile wurde sie zum fünften Mal operiert. Wir sollten uns solcher Gefahren, Anforderungen und Überforderungen immer bewusst sein, wenn wir in diesen Tagen den Olympischen Winterspielen zuschauen und dabei möglichst viele sensationelle Medaillengewinne erwarten.
Fotos: pexel