Beitrag: Sabine Ziesmer

Nun ist das Jahr 2026 bereits einige Wochen alt, und ich versuche immer noch, meine „guten Vorsätze“ zu sortieren. „Gute Vorsätze“ haben zu jedem Jahreswechsel Hochkonjunktur. Das merke ich am Massenauftrieb im Fitnessstudio. Ich blicke auf ein gutes 2025 zurück, wenn ich es ganz individuell betrachte. Vieles ist wider Erwarten gut verlaufen, anderes hat einfach an Bedeutung verloren, oder ich habe nicht mehr daran gedacht. Meine „guten Vorsätze“ für das vergangene Jahr sind einfach versandet. Mit dem neuen Jahr kommt das Versprechen, dass alles möglich wird, wenn man das will, was man sich im Oktober nicht einmal zu denken getraut hat.
Nun ertappe ich mich wieder, mit der Optimierung meiner Person und meiner Entscheidungen ins neue Jahr zu starten. Es ist völlig absurd, sich zum ersten Januar neu erfinden zu wollen. Nach nicht einmal vier Wochen habe ich bereits Schiffbruch erlitten und hadere mit mir. Habe ich mich für etwas entschieden, rücken andere Möglichkeiten bedrohlich in mein Blickfeld und ich versinke in Selbstzweifel. Guter Vorsatz für gerade jetzt: Mehr Selbstliebe praktizieren. Dann ist es einfach mal dumm gelaufen. Wer weiß welche Türen sich noch öffnen. Vielleicht sollte man die „guten Vorsätze“ einfach von Tag zu Tag neu formulieren und auch wirklich umsetzen. Ich werde auch ohne Lust morgen zum Sport gehen, den schlecht gelaunten Mitturnern gelassen und freundlich entgegentreten, mich auf keine unnötigen politischen Diskussionen einlassen, die Trainer aus vollem Herzen loben und dennoch nicht wissen, ob ich das übermorgen wieder so gut hinbekomme.
Aber mal ehrlich, diesen einen Tag kann ich doch richtig feiern. Positive Energie durch einen wunderbaren Tag. Vielleicht sollte ich mir mal „schlechte Vorsätze“ überlegen: Morgen gehe ich nicht zum Sport, lasse meiner Abneigung manchen Hundefreunde gegenüber freien Lauf und trinke am Abend mehr als ein Glas Wein. Ist ja nur für einen Tag. Psychologisch scheint mir das stimmig zu sein. Man braucht doch den Perspektivwechsel, und scheitern kann man auch nicht. Das passt eigentlich perfekt zu meiner Lebenseinstellung.

Eigentlich hadere ich mit mir und dem neuen Jahr, seit es fröhlich zu knallen begann. Mein Hund winselte, und ich wurde in den Januar 2026 katapultiert. Ich weiß es ja eigentlich: Der Januar ist kein Monat, er ist ein Zustand. Ein Freund meinte: „Der Januar ist wie der Montag, nur viel länger.“ Auch gut. All meine Unzufriedenheit geht an den Start. Ich muss meiner Persönlichkeit ein Update verpassen, und wenn ich es nicht mache, dann laufe ich ein weiteres Jahr im alten System. Nach dem Januar kommt der Februar, mein Geburtsmonat. Wasserfrauen sind unabhängig, originell, rebellisch und neugierig. Sie sind aber auch sprunghaft und unberechenbar. Das harmoniert mit „guten Vorsätzen“ für das jeweils neue Jahr so gar nicht.
Ich kann verstehen, dass Menschen empfänglich für symbolische Neustarts sind. Es gibt uns das Gefühl der Selbstermächtigung. Zum Jahreswechsel drücken wir den roten Knopf: Es zählt ab jetzt jede Entscheidung. Keiner von uns kann das durchhalten, was wir eigentlich auch alle wissen. Ich lasse es einfach bleiben, wenn mein Unterbewusstsein das auch mitmacht. Ihnen wünsche ich ein glückliches 2026 mit einigen wenigen bemerkenswerten Augenblicken und sehr viel Selbstliebe.
Fotos: Sabine Ziesmer