Dieses und Jenes

Früher war mehr Winter …

Beitrag: Boike Jacobs

3. Januar 2026: Rund um die Kirche St. Michael am Gojenbergsweg

Der Weihnachtsmarkt fiel auch in diesem Jahr ins Wasser. Und als die Budenbesitzer am ersten Tag des neuen Jahres ihre Sachen gepackt hatten, verdüsterte sich der Himmel, und leise rieselte der Schnee. White Christmas mit Verspätung, dann aber gleich aus dem Vollen. Eine Nacht brauchte es, bis Boden, Büsche, Bäume mit sanften, weißen Polstern bedeckt waren. Und still und starr ruhte der See. Ein Traum ging in Erfüllung, und die wunderbarsten Erinnerungen wurden wach an eine Kindheit, in der offenbar wochenlang gerodelt, Schlittschuh gelaufen, ein Schneemann gebaut und in Schneeballschlachten gekämpft wurde. Das erlebten wir nun endlich auch einmal wieder.

Welch ein Glück – oder doch nicht? Vorsichtig stiegen die Bergedorfer durch das feuchte Weiß, putzten mühsam und verärgert den Schnee von Windschutzscheibe und Autodach, immer in Gefahr, dabei auszurutschen. Und die Sommerreifen waren natürlich auch nicht ausgewechselt worden. Zum Glück gab es den Räumdienst, der die Straßen, sowie den verantwortungsbewussten Nachbarn, der die Gehwege frei schaufelte. Leider traf das am ersten und auch am zweiten Tag nur begrenzt zu, und so wurde aus der Angst vor der Erderwärmung umgehend die Empörung über das unbequeme Wetter: Klimakatastrophe!

Mit Geschwistern und Freunden auf der Graft

Früher war mehr Winter, und wir Kinder haben uns darüber gefreut, wie ein Foto aus den 50-er Jahren belegt. Damals wohnten wir auf einem stillgelegten norddeutschen Bauernhof, der wie alle Höfe ringsum von einer breiten sogenannten Graft umgeben war. War sie zugefroren, glitschten wir auf dem Eis herum oder schoben unsere beiden kleinen Geschwister auf Schlitten vor uns her, während die Jungs mit Stöcken und einer zertretenen Libby-Dose Eishockey spielten. Begeisterung pur!

Nicht ganz, wenn wir ehrlich sind. Unsere selbstgestrickten Wollhandschuhe waren schnell nass, ebenso wie die dicken, kratzigen Strümpfe, denn die von Cousinen geerbten Stiefel waren nicht mehr ganz wasserdicht. Nach ein, zwei Stunden froren wir nicht nur, Hände und Füße schmerzten in der Kälte und brannten, kaum dass wir die Wohnung betreten hatten. Das alte Hausmittel, die Füße in warmes Salzwasser zu stellen, regte zwar die Blutzirkulation wieder an, aber erst einmal heulten wir, weil gerade das so weh tat. Auch im Bett trugen wir nun Socken, denn die Schlafzimmer waren weder isoliert noch geheizt, und es dauerte, bis wir es unter der Decke einigermaßen warm hatten.

Schulausfall wegen Schnee und Eis? Das gab es damals noch nicht. Es war ganz einfach Winter, eine Jahreszeit, mit der man genauso umgehen musste wie mit verregnetem Frühling, heißem Sommer und stürmischem Herbst. Das trifft heute nicht mehr zu, das einfache Leben zu jeder Jahreszeit ist offenbar nur noch in der Erinnerung schön. Zwar ist der Schnee mittlerweile wieder geschmolzen, nur schmutzige Reste erinnern an die dramatischen zehn Tage zu Beginn des Jahres.

Aber die nächste Klimakatastrophe wird bereits angekündigt: Rund um den 25. Januar deute sich durch ein Russland-Hoch „Beast from the East“ an, eine neue markante Abkühlung. „Nach Schneechaos droht uns nun sibirische Kälte“, interpretiert eine Wochenzeitung die aktuelle Wettervorhersage. Na dann …

Fotos: Boike Jacobs, Ute Klapschuweit

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