Dieses und Jenes

Sylvesterknaller: Tradition oder Gewalt

Beitrag: Elisabeth Hartmann

Sieht schön aus

Anfang Januar: „Bist du gut ins Neue Jahr gekommen?“ frage ich meine Nachbarin. „Nun ja, alleine mit meiner Katze, die hat sich unter das Sofa verkrochen, und ich hab mit dem Fernseher angestoßen. Aber ich wollte das arme Tier bei der ganzen Knallerei nicht völlig alleine lassen. Sie ist sowieso immer ein paar Tage um Sylvester herum verstört, geht z.B. nicht mehr raus, wo sie doch sonst stundenlang ihre Streifzüge durch die nähere Umgebung macht.“ So ähnlich geht es Jahr für Jahr an Sylvester vielen Haus- und Nutztierhaltern. Ein anderer Nachbar musste sich ein Taschentuch vor die Nase halten, er hat empfindliche Bronchien und leidet unter der Luftverschmutzung durch das Sylvesterfeuerwerk allerorten.

Das Thema dieses Jahreswechsels ist: Böllern ja oder nein? Dazu meint eine Versandfirma von Pyrotechnik im Internet: „Die Forderung eines Böllerverbots polarisiert. Auf der einen Seite stehen Umwelt- und Tierschutzorganisationen sowie Bürgerinitiativen, die ein Verbot als notwendigen Schritt für Klima-, Umwelt- und Gesundheitsschutz sehen. Auf der anderen Seite stehen Befürworter, die auf die lange Tradition und die soziale, kulturelle sowie wirtschaftliche Bedeutung von Feuerwerk hinweisen.“

Ich diskutiere auch über Für und Wider von Böllerverbot. Schnell sind wir uns einig: diese Böllerer sind unverantwortlich, rücksichtslos und einfach Idioten! Also stellt sich die Frage, verbieten oder an die persönliche Verantwortung appellieren?

Für 12,50€: „1 mal anzünden und es rattern 150 Schuss los“, aus einer Werbung für Feuerwerk im Internet

Aber dieses Problem lässt sich nicht einfach individualisieren. Wir vergessen dabei oft, die allgemeine Lage im Blick zu haben. Der Krieg ist nahe gerückt, mit chicken Waffen wird für Verteidigung geworben, da knallt es heftig, geht es „männlich“ zu. Bei den „traditionsreichen“ Sylvesterfeuerwerkskörpern gibt es klingende Namen wie z.B.: „Bombenrohr, Kanonenschlag, Deto-Nation, Batterien“. Aggressivität liegt in der Luft und die muss mal raus! Und „männlich“ soll es auch noch sein! Wen wundert es da, dass es überwiegend Männer und oft sehr junge sind, die hier Krieg spielen und dabei sich und andere z.T. schwer verletzen. Feuerwehrleute, Rettungskräfte und vor allem Polizei bekommen die Rolle der Feinde, denen man es beweisen muss.

Mir würden öffentlich geregelte Feuerwerke, meinetwegen in jedem Stadtteil, großen Spaß machen. Das Abbrennen von Osterfeuern ist auch keine Privatentscheidung, darf nur nach Anmeldung passieren, und von der Hausgemeinschaft bis zur Stadtgemeinde versammeln sich die Menschen drum herum. Das, finde ich, hat soziale Bedeutung. Und nicht nur die Feuerwerksindustrie könnte da etwas verdienen, denn lieber ein heißes Würstchen in der Hand als eine heiße Rakete.

Ich finde, wir müssen mehr für Entspannung tun, uns austauschen und überlegen, wie wir das im Kleinen und im Großen hinkriegen können. Ich will tagelange Knallerei nicht mehr Schulter zuckend als „männlich“ belächeln, ich will mir knallende, feurige und stinkende Agressivität gegenüber Mensch und Tier und deren Behausungen nicht mehr als Kolateralschaden von Sylvestertradition verkaufen lassen. Und, wohin flüchtet sich Sylvester und Neujahr eigentlich ein wohnungsloser Mensch? Nicht jeder kennt eine freundliche Kneipenwirtin, die in dieser Nacht für wohnungslose Menschen Punsch ausschenkt.

Street-Art St.Pauli

Übrigens – von wegen Tradition: ja, schon vor hunderten von Jahren wurden die bösen Geister des alten Jahres mit Geräuschen aller Art vertrieben, und das Neue Jahr wird schon lange laut und bunt begrüßt, aber es war ein gemeinschaftliches Fest, die Menschen knallten und zischten nicht kriegspielend vereinzelt oder in Banden vor sich hin. Und dass auch heute viele Menschen solche Feste mögen, haben wir doch jetzt nicht zuletzt in Hamburg wieder gesehen.

Text und Fotos: Elisabeth Hartmann

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