Aus der Region

Hamburger Schafe

Beitrag: Sabine Ziesmer

Wer seinem trubeligen Alltag einmal entfliehen möchte, dem empfehle ich einen kleinen Ausflug in die Vier- und Marschlande. Von April bis September stehen entlang der Deiche viele Schafe. Es ist ein unbeschreiblich friedliches Bild, das sich dem Betrachter bietet. Unsere Region, eindeutig Hamburger Stadtgebiet, ist nicht nur für Blumen und Gemüse berühmt, sondern auch für seine Schafe. Sie verrichten Tag für Tag ein strammes Arbeitspensum entlang des Deiches zwischen Tatenberg und Altengamme. Auf fast 30 Kilometern dienen sie unablässig und in unnachahmlicher Gleichmut der Deichsicherheit. Das ist so bedeutend, weil viele Gehöfte, Betriebe und Wohnhäuser direkt hinter dem Deich angesiedelt sind.

Was nun haben die Schafe mit Deichschutz zu tun? Dazu muss man wissen, dass die Deiche auf ihrer landwärts gerichteten Seite sowie der Deichkrone mit einer Grasnarbe versehen sind. Hier kommen die Schafe zum Einsatz, die das Gras sehr tief abrupfen und somit für einen dichten Grasbewuchs und Stabilität sorgen. Der „Trippelschritt“ der Schafe sorgt zusätzlich für Festigkeit. So eine Herde kann schon mal mit einer 3000 Kilogramm schweren Walze konkurrieren.

Von meinem Fenster aus kann ich zusehen, wie die Schäfer ihre Tiere Stück für Stück weitertreiben. Zuerst werden die Zäune versetzt, die Wasserstelle wird eingerichtet, und dann kommen Hund und Schafzüchter, um die Herde voranzutreiben. Nur dann reagieren die Tiere etwas hektisch, die ansonsten durch kaum etwas aus der Ruhe zu bringen sind. Manchmal stehen sie auch so, dass ein Überqueren der Straße unumgänglich ist. Geradezu generalstabsmäßig geht der Seitenwechsel vonstatten.

Vor einigen Wochen konnte ich diesen Vorgang beobachten. Alles verlief reibungslos, bis ein aufgeregtes Muttertier abrupt stehen blieb, um auf ihr Lamm zu warten. Lämmer im August? Darauf hatte der Schäfer eine plausible Antwort: Wenn die Muttertiere alle um Ostern herum ihre Lämmer bekommen, dann ist der Betreuungsaufwand oft zu hoch. Nun kann man entlang der 30 Deichkilometer auch im Spätsommer sehr viele Muttertiere mit ihren Lämmern beobachten. Einfach zauberhaft.

Knapp 2000 Schafe stehen im Dienst der Hansestadt Hamburg. Sieben Monate sind sie im aktiven Dienst, den Rest des Jahres mümmeln sie in ihren Stallungen entlang des Deiches dem Frühling entgegen. Hier herrschen Sauberkeit und Ordnung, darauf legen die Schafzüchter großen Wert. Im frischen Stroh lässt es sich vorzüglich entspannen.

Damit ist das Kapitel der Hamburger Schafe aber noch nicht abgeschlossen. Rund 100 Kilometer vom Hamburger Rathaus entfernt, liegt die Insel Neuwerk, die zum Bezirk Hamburg-Mitte gehört. Die Attraktionen auf dieser etwa drei Quadratkilometer großen Insel im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer sind eher übersichtlich. Und hier kommen wieder unsere wolligen Vierbeiner ins Spiel. Wie viele dort bei der Arbeit sind, ist nicht mehr eindeutig zu ermitteln. Im Jahre 1816 sollen es 136 Tiere gewesen sein. Vielleicht ist ihr Bestand proportional zum Rückgang der 30 derzeit gemeldeten Insulaner in den letzten 200 Jahren angestiegen. Man weiß es nicht. Was man weiß: Auch hier sorgen Hamburger Schafe diensteifrig für den Inselschutz und erfreuen die etwa 100 000 jährlichen Besucher durch ihre gelassene Heiterkeit. Hamburger Schafe eben.

Fotos: Sabine Ziesmer

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