Beitrag: Sabine Ziesmer

Ich wuchs in den 60er Jahren im Schanzenviertel auf. Bäume am Straßenrand gab es nicht, Ausflüge ins Grüne auch nur selten. Ein Ausflug führte uns in das Alte Land. Ich stand auf dem Deich und bestaunte die Elbe zu meinen Füßen. So kannte ich den Fluss, meinen Fluss, den ich tief im Herzen trage, noch nicht. Schöne alte Häuser schmiegten sich an den Deich, Schafe fraßen gleichmütig das Gras kurz, und es war so unendlich still.
Mit meinem Vater stand ich oft an den Landungsbrücken, von wo aus er und Hunderte andere Hafenarbeiter mit Barkassen zu den Schuppen gebracht wurden. Dort verteilten die Kaiarbeiter die Güter mit Hilfe von Kränen und einfachen Sackkarren vom Schuppen an den Kai oder umgekehrt. Mein Vater war ein Schauermann, wie diese Hafenarbeiter genannt wurden, deren Aufgabe im Be- und Entladen von Frachtschiffen bestand. Er war stolz auf sich und seine Arbeit.
An den Landungsbrücken war immer ein unüberschaubares Gewusel. Die Schornsteine der Schiffe entließen ihre giftige Last auf den ganzen Hafen. Es wurde manchmal nicht richtig hell. Arbeiter kamen zurück, andere begannen ihr Tagwerk – und das rund um die Uhr. Der größte Seehafen Deutschlands kam nie zur Ruhe.

Dass der Wandel vom Stückgut zum Container so kurz bevorstand, wussten wir zwei glücklichen Betrachter der Geschäftigkeit Mitte der 60er Jahre noch nicht. Mein Vater sollte das nicht mehr erleben. Sein Tod fiel mit der Aufstellung der ersten Containerbrücke am Burchardtkai 1968 zusammen.
Von nun an wandelte sich das Bild der Elbe an den Landungsbrücken. Statt der Schauerleute stehen dort Touristen an, um eine der schmucken Barkassen für eine Hafenrundfahrt zu besteigen. Wenn ich meinem Vater nah sein will, dann mache ich auch einmal eine Hafenrundfahrt oder besuche den Schuppen 52, der heute ein ganz besonderes Museum ist.
Während meines Studiums verschlug es mich nach Moorfleet, also in die Marschlande. Wer in der Schanze sozialisiert wurde und mit einem Schauermann als Vater die Elbe in den Genen trägt, musste die Dove Elbe erst einmal verstehen lernen. Sie ist ein Seitenarm der Elbe – so viel wusste ich. Von meinem Schreibtisch aus konnte ich das Elbwasser im Sonnenlicht glitzern sehen. Auch schön, so direkt an der Elbe. Dass ich auf einem ehemaligen Spülfeld aus Elb- und Hafensedimenten lebte, die als hochgiftig galten, erfuhr ich erst, als es 1989 zu einem der spektakulärsten Hamburger Umweltskandale kam.

Mein Umzug in die Vierlande war dann eine naheliegende Entscheidung. Nun hatte ich keinen freien Blick mehr auf meinen Lieblingsfluss, erreichte den Elbstrand aber nach Überqueren des Deichs in wenigen Minuten. Diese einzigartigen Elbauen, die durch den Tidenhub täglich anders erscheinen, ziehen mich immer noch in ihren Bann. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit meinem Hund dort stehe. Ich lasse die Gedanken ziehen, grabe die Zehen im Sommer in den warmen Sand, bis sich die Vertiefungen mit kühlem Elbwasser füllen. Im Winter betrachte ich die bizarren Eisflächen am Ufer, die nur bis zur nächsten Flut überdauern. Diese Glücksmomente teile ich noch nach 57 Jahren mit meinem Vater. So kannte er seine Elbe nicht.
Wenn ich Lust auf große Pötte habe, zieht es mich nach Blankenese. Hier hat der Fluss früher die Menschen und die einzigartige Bebauung geprägt. Am Strand ziehe ich meine Schuhe aus, hoffe auf das Glitzern des Elbwassers und laufe einfach los. Die Elbe ist hier richtig breit und auf dem direkten Weg ins Meer, das fühlt man deutlich.
Meinen Fluss und mich verbindet eine lebenslange Liebe.
Fotos: Sabine Ziesmer