Damals war's

Schweinsöhrchen und Kartoffelsalat

Beitrag: Boike Jacobs

Nun bin ich schon wieder drauf reingefallen. Zum Frühstücken war ich nicht gekommen, also im Bahnhof noch schnell etwas zu essen kaufen. Und da seh ich sie säuberlich aufgereiht in der Theke: Schweineohren oder „Schweinsöhrchen“, wie sie bei uns zu Hause hießen. Das klang freundlicher und schmeckte auch ganz anders. Aber alles der Reihe nach.

In meiner Kinderzeit wohnte mein Großvater bei uns im Haus, und wenn ich in der Schule eine besonders gute Note bekommen hatte, gab es auch eine besondere Belohnung. Zu Fuß gingen wir nachmittags zwei Kilometer vom Dorf ins Städtchen zum Café Central, und dort spendierte mein Großvater mir ein Schweinsöhrchen. Nicht auf die Hand, sondern wir saßen dazu am Fenstertisch wie feine Leute. Dies Knistern und Krümeln schon beim ersten Bissen war einfach herrlich. Dazu gab es eine Tasse Kakao mit Schlagsahne – echter Schlagsahne. Zu Hause gab es zum Geburtstagskuchen nur geschlagenes Eiweiß, nichts also im Vergleich zu dem, was ich mir im Café Central auf der Zunge zergehen lassen konnte.

Und an diesem Morgen im Bergedorfer Bahnhof steigt die Erinnerung an längst vergangene Genüsse wieder in mir hoch, und ich kaufe mir ein Schweineohr. Hätte ich es nicht wissen können, dass es nichts mehr zu tun hat mit dem Gebäck, das ich einmal als schönsten Luxus erlebt habe? Nichts knistert und krümelt beim ersten Bissen, das Schweineohr ist pappig und zäh und mit dem Schokoladenüberzug auch viel zu süß. Eine einzige Enttäuschung.

Da fällt mir plötzlich eine weitere Köstlichkeit meiner Kindheit ein. Auf dem Gymnasium gab es alljährlich den Klassenausflug. Es ging nie sehr weit, aber es war ein kleines Abenteuer mit Wanderung und Picknick am Mittag. Meine Schwester und ich trugen in unserem Rucksack Schmalzbrot und Äpfel und eine Thermoskanne Pfefferminztee.

Doch ich hatte schnell heraus, dass Biggi ein ganz anderes Proviant dabei hatte, und darum machte ich mich schon am Morgen an sie heran und drängte mich neben sie, wenn wir uns schließlich im Wald auf der Bank niederließen und unser Essen auf dem großen Holztisch ausbreiteten. Biggi brachte nämlich Kartoffelsalat mit, weiß von Mayonnaise. Mayonnaise! Und ich wusste, das Glas war noch halb gefüllt, dann schob sie es von sich, wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab und sagte gedehnt: „Mann, bin ich satt. Will noch Jemand den Rest essen?“

Das war der Augenblick, auf den ich gewartet hatte. Ein Griff zu Glas und Löffel, einige atemlose Bissen, den Rest Mayonnaise säuberlich mit dem Finger aus dem Glas geholt – welch ein Genuss! Was uns der Lehrer Historisches und Biologisches auf diesen Ausflügen beibrachte, habe ich längst vergessen. Aber Biggis herrlichen Kartoffelsalat habe ich bis heute in bester Erinnerung.

Fotos: pixabay

Hinterlasse einen Kommentar